Guttenbergs politisches Kalkül Wissenschaft, Parlament und Öffentlichkeit belogen

Die Trennungsthese ist aber nicht nur deshalb irrig, weil die zertifizierte wissenschaftliche Qualifikation ja ersichtlich einer glänzenden politischen Karriere dienen sollte, nicht einer wissenschaftlichen - und weil Guttenberg im Zuge der Affäre sowohl die Wissenschaft als auch Parlament und Öffentlichkeit belogen hat. Nein, die Behauptung der Separation der Sphären wird auch dadurch performativ konterkariert, dass in dem neuen Buch ein Politikverständnis formuliert wird, in dem Person und Politik, Privates und Öffentliches auf das Engste miteinander verquickt werden.

Mit angeblich 80 Disketten und der Guttenberg'schen Speichermethode fing alles an - Fußnoten exklusive. Im Bild: Die Lebenserinnerungen von Karl Theodor zu Guttenberg (1921-1972) trugen den Titel Fußnoten. Sein Enkel mit dem Bindestrich zwischen den Vornamen hatte mit diesem Begriff offenbar ein paar Schwierigkeiten.

(Foto: dpa)

Während Guttenberg also einerseits so tut, als sei der Politiker allein an seiner prozeduralen, technischen Professionalität zu messen, versucht gerade er sich in exzessivem Maße durch tiefe Einblicke in sein nichtpolitisches Leben und seine Gefühle wieder als öffentlicher Akteur zu empfehlen. Deshalb lässt er sich gerne entlocken, dass er einmal den Berliner Club Berghain aufgesucht habe (das hat er Plagiatskollegin Helene Hegemann also voraus): "Harter Techno kann auch Spaß machen."

Deshalb erzählt er bereitwillig von seiner Vorliebe für Bruce Springsteen, vom Vater-Sohn-Verhältnis, von der Religion und vom Lampenfieber, das er beim Mozart-Klavierspiel vor seinen Töchtern empfinde, während ein Auftritt "in einem Bierzelt mit 5000 Menschen" kein Problem sei. Und deshalb berichtet er mit Vergnügen, dass er sich auch außerhalb der politischen Praxis intensiv "mit den evidenten Machtverschiebungen auf der Welt" und "den neuen globalen Herausforderungen" beschäftige.

Der politische Trick dieser Rhetorik - und hier wird es potenziell gefährlich - ist es, sich stärker zu machen, indem man Schwächen zugibt. Es ist der schlechthin Ungreifbare, der hier "Prinzipienfestigkeit" sein Ideal nennt. Der ostentativen, vornehmen Fähigkeit zur Selbstkritik steht der "Grundanspruch meines Lebens" zur Seite, "einen Beitrag für kommende Generationen (zu) leisten". Das heißt: Je mehr seelische Introspektion vorgeführt wird, desto mehr dient es der kalten Maske der Macht. Es ist eine populistisch-cäsaristische Selbstüberhöhung, die sich in Demutsgesten verkleidet. Widerlich.