Gustav Mahler und Thomas Mann "Ob der Brief wol in Ihre Hände gelangt?"

Ohne es zu wissen ein Vorbild für Thomas Manns Gustav von Aschenbach: Gustav Mahler an Bord 1910.

(Foto: imago/Leemage (links), Thomas-Mann-Archiv der ETH-Zürich)

Thomas Mann verlieh dem Helden seiner Novelle "Der Tod in Venedig" Züge Gustav Mahlers - jetzt ist das einzige Schreiben des Komponisten an Thomas Mann aufgetaucht.

Gastbeitrag von Hans Rudolf Vaget

Gustav Mahlers letztes Konzert in München, die Uraufführung der Achten Symphonie am 12. September 1910, bescherte ihm den größten Erfolg seiner Laufbahn. Zu der glänzenden Nachfeier im Hotel "Vier Jahreszeiten" waren auch Thomas und Katia Mann geladen. Offenbar kam es jedoch bei jenem festlichen Anlass zu keinem persönlichen Austausch zwischen dem Autor der "Buddenbrooks" und dem gefeierten Komponisten und Dirigenten.

Stattdessen schickte Thomas Mann zwei Tage danach, zusammen mit einem Exemplar seines Romans "Königliche Hoheit", einen formellen Huldigungsbrief. Er glaube, so beteuerte er, dass sich in dem Verehrten "der ernsteste und heiligste künstlerische Wille unserer Zeit" verkörpere. Dies erklärt, dass er es für gut und richtig befand, seinem fiktiven Alter Ego in "Der Tod in Venedig", dem Schriftsteller Gustav von Aschenbach, die "Maske Mahlers" zu verleihen, dazu den Vornamen und das ungefähre Alter.

Von dem Mahler-Faktor in der Entstehung des "Tods in Venedig" konnte niemand etwas ahnen. Auch kam es keinem der frühen Rezensenten in den Sinn, den Künstlerhelden der Novelle mit Gustav Mahler in Verbindung zu setzen. Erfahren in der hohen Kunst der Rezeptionssteuerung, beschloss Thomas Mann, bei nächster Gelegenheit selbst darauf aufmerksam zu machen. Dies geschah 1921 in dem "Vorwort zu einer Bildermappe" von Wolfgang Born, der neun farbige Lithografien zur "Venedig"-Novelle vorgelegt hatte. Hier nun erklärte er, dass Aschenbach sehr mit Bedacht "die Maske Mahlers" trage.

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Wir können nur spekulieren, was ihn dazu bewog. Vermutlich lag ihm daran, nicht nur als zwiespältiger Wagnerianer oder als Propagandist Hans Pfitzners wahrgenommen zu werden. Der gezielte Hinweis auf seine Hochschätzung Gustav Mahlers sowie dessen Bedeutung für die "Venedig"-Novelle konnte dem bis zu einem gewissem Grad korrigierend entgegenwirken. Bisher war nicht bekannt, dass Mahler auf Manns Huldigung reagierte.

Man durfte jedoch davon ausgehen, dass der Autor Kunde von Mahlers Wertschätzung erhalten hatte, denn in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" schreibt er, dass seine Erzählungen und Romane gute "Partituren" seien, die von Musikern geschätzt werden. Mit auffallender Bestimmtheit fügt er hinzu: "Gustav Mahler zum Beispiel hat sie geliebt."

Wie konnte er das wissen? Diese Frage kann nun beantwortet werden anhand eines Briefes, den die Opern- und Konzertsängerin Frauke May-Jones im Thomas-Mann-Archiv in Zürich entdeckt hat. Es ist das einzige Schreiben Mahlers an Thomas Mann. Mahler war Ende Oktober 1910 nach Amerika gereist zu seiner vierten Saison in New York. Es sollte seine letzte sein. Kurz nach Ankunft schrieb er auf dem Briefpapier des Hotels, in dem Alma und Gustav Mahler eine Suite bewohnten, des Hotels Savoy, den folgenden Dankesbrief.

"Mein lieber Herr Mann!

Für Ihre lieben Zeilen und schöne Sendung nicht schon lange gedankt zu haben, muß ich mich wirklich schämen. Und ich könnte es auch gar nicht begreifen, da ich auf's herzlichste davon erfreut war, wenn ich nicht aus Erfahrung wüßte, daß der Beschenkte es eben schlimmer hat als der Geber. Es ist oft schwer im Momente etwas der Gabe Würdiges zu finden. Und Ihre lieben Worte forderten schon eine bedeutendere Erwiderung, als so ein flüchtiger Gruß vermag. - Auf meiner Fahrt über den atlantischen Ozean erinnerte ich mich stark [AN]meinen Schüler, denn da war es, wo ich Ihre mir sehr werth gewordenen Bücher nach und nach kennen lernte; und auch dies letzte hatte ich mir für die heurige Reise aufgespart. - Seien Sie nun zugleich als Poet und als Freund bedankt (das Erstere bedingt übrigens bei mir immer das Zweite) - ich weiß daß Sie mein Schweigen nicht anders gedeutet, und wenn unsere Wege sich wieder einmal kreuzen, so hoffe ich, daß wir nicht an einander so vorübereilen werden, wie schon 2 mal (zu oft für eine so kurze Reise). Seien Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem Sie verehrenden

Gustav Mahler."

Bei dem von Mahler erwähnten "Schüler" handelt es sich um Klaus Pringsheim (genannt "Kaleschlein"), Thomas Manns Schwager, der vom März 1906 bis zum Sommer 1907 als Korrepetitor unter Mahler an der Wiener Hofoper sein Handwerk als Dirigent erlernt hatte. Er war das entscheidende Bindeglied zwischen Mahler und dem Autor der "Venedig"-Novelle. Die andere Begegnung, an die Mahler erinnert, fand am 27. Oktober 1908 statt, gleichfalls im "Vier Jahreszeiten", nach der deutschen Erstaufführung der Siebten Symphonie im Odeon. Den einzigen Beleg dafür liefert das Tagebuch Hedwig Pringsheims, der Mutter der beiden Zwillinge Katia und Klaus Pringsheim.

Gustav Mahler an Thomas Mann

"Seien Sie nun zugleich als Poet und als Freund bedankt (das Erstere bedingt übrigens bei mir immer das Zweite) ..."

Mahlers Brief ist undatiert. Nach Ausweis des Poststempels wurde er am 6. November 1910 abgeschickt. Bevor Mahler den Brief ins Kuvert steckte, schrieb er auf den oberen Rand des ersten Blatts, über dem Briefkopf: "Ob der Brief wol in Ihre Hände gelangt?" Und auf das Kuvert schrieb er: "Bitte nachzusenden!" Seine Sorge ist verständlich, denn er adressierte den Brief an das "Landhaus Thomas Mann" in Bad Tölz, von wo er Manns Sendung erhalten hatte. Er vermutete, dass sich der Autor zu dieser Jahreszeit nicht mehr dort aufhielt. Der Brief wurde richtig an seine neue Münchner Adresse in der Mauerkircherstraße weitergeleitet.

In der Sorge des schwer kranken Komponisten, dass sein Brief auch wirklich in Thomas Manns Hände gelange, schwingt wohl auch eine leise Ahnung seines herannahenden Endes mit, in Verbindung mit der Hoffnung, es möge zu einem erneuten Zusammentreffen kommen, "wenn unsere Wege sich wieder einmal kreuzen".

Ihre Wege kreuzten sich nicht wieder. Gustav Mahler starb am 18. Mai 1911 in Wien. Thomas und Katia Mann, zu der Zeit auf der Insel Brioni in der Adria, verfolgten die Zeitungsmeldungen zum Gesundheitszustand des ehemaligen Operndirektors mit höchster Anteilnahme. Kurz nach dem Ableben des verehrten Komponisten und Dirigenten wechselten die Manns ihr Ferienquartier und begaben sich nach Venedig, ins Hotel des Bains am Lido. Dort trat die Vorgeschichte der Novelle "Tod in Venedig" in ihre letzte Phase. Sie war von der Erschütterung durch Mahlers Tod überschattet - einer Trauer, die im letzten Satz der Novelle nachzittert: "Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode."

Hans Rudolf Vaget ist emeritierter Germanist in den USA und Mitherausgeber der Großen kommentierten Thomas-Mann-Ausgabe bei S. Fischer.

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