Guggenheim-Museum für Helsinki 214 Jahre Arbeit für die Tonne

Von wem dieses leuchtende Ei stammt, ist ungewiss - da der Wettbewerb anonym ist. Aber Haupttsache: Es wird nicht gebaut.

(Foto: Guggenheim Helsinki Design Competition)

Es ist einer größten Architektenwettbewerbe der Welt: Tausende wollen das neue Guggenheim-Museum in Helsinki bauen. Aber braucht die Stadt wirklich diese Mischung aus Kultur-Fastfood und Touristenattraktion?

Von Laura Weißmüller, Helsinki

Besonders originell ist die Riesenkartoffel, die auf eine Glasscheibe prallt. Es gibt den Bilderrahmen, die Babyschaukel, das Spinnennetz und auch etwas, das an ein Zuhause für Erdmännchen erinnert. Brainstorming für eine Surrealisten-Party? Nicht ganz. Es handelt sich um Entwürfe für ein Guggenheimmuseum in Helsinki. Doch das Bild vom überdrehten Maskenball ist nicht falsch.

Die private Guggenheim-Stiftung hat Anfang Juni einen offenen Wettbewerb für ein neues Kunstmuseum in Helsinki initiiert. Es haben so viele mitgemacht, dass es sich um einen der größten Architekturwettbewerbe der Moderne handeln dürfte. 1715 Entwürfe aus 77 Staaten sind bis zum 10. September eingegangen. Einige davon wirken, als hätte da jemand einen kurzen Albtraum gehabt, aber der Großteil der Teilnehmer hat die Aufgabe ernst genommen.

Ein Architekt aus Istanbul berichtet, dass er mit seinem Büro drei Monate am Entwurf saß. Auch die sechs Finalisten, die nun am Dienstag von einer internationalen Jury ausgewählt wurden und fast langweilig wirken im Vergleich zum Formenballett ihrer Konkurrenten, sehen nicht so aus, als wären sie über Nacht entstanden. Wenn nur die Hälfte der Architekten so lange an dem Wettbewerb gearbeitet hat wie ihr türkischer Kollege, dann würden die Bildchen, die die Stiftung auf ihrer Homepage zum flimmernden Flickenteppich gestrickt hat, mehr als 214 Jahre Arbeit symbolisieren - für die Tonne, denn nur ein Museum wird gebaut, wenn überhaupt.

Guggenheim-Fastfood

Doch die Ideenverschwendung ist hier nicht das größte Problem. Der Wettbewerb offenbart, wie sich das Franchise-System des Guggenheim, das wie eine Fastfood-Kette seine Filialen über den Erdball verteilen möchte, ad absurdum führt. Kaum einer der Entwürfe interessiert sich für seine Umgebung in Helsinki. Das passt vielleicht zum surrealistischen Motto "Schön wie die Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Operationstisch" - aber nicht zu einer nachhaltigen Stadtplanung. Und das ist das Problem.

Helsinki erhofft sich vom Museum, was viele Städte mit dem Namen Guggenheim assoziieren: internationalen Glamour und einen nie abreißenden Strom an zahlungskräftigen Touristen. Trat doch genau das bei der baskischen Hafenstadt Bilbao ein, nachdem der Architekt Frank Gehry dort 1997 eine silbrigglänzende Museumsskulptur ans Wasser gesetzt hat. Vom Bilbao-Effekt träumt seither fast jeder OB einer strukturschwachen Stadt.

Doch viele der Guggenheim-Ableger sind wie in Salzburg oder Rio de Janeiro nie über die Planung hinausgekommen. Das Projekt in Abu Dhabi, das 2017 eröffnen soll, hat bislang vor allem durch unmenschliche Bedingungen der Bauarbeiter Aufmerksamkeit erregt.

Ein Grundstück zum Nulltarif, die Lizenz für 30 Millionen

Dass in Bilbao langfristig wohl nur Billigjobs entstanden sind, wie eine Studie herausfand, will kaum einer wissen. Am wenigsten das Guggenheim selbst, verdient es doch gut am Museumstraum anderer. Für Helsinki machte es deswegen folgende Rechnung auf: 550 000 Besucher im Jahr, 41 Millionen Euro Einnahmen, 100 Jobs im Museum und weitere 340 bis 380 im Land. Das soll den Stadtrat überzeugen, der das Projekt im Frühstadium 2012 abblitzen ließ - im nächsten Jahr soll noch einmal abgestimmt werden.

Anders als diese Zahlen sind die Kosten real: 30 Millionen Dollar verlangt allein die Guggenheim-Stiftung als Lizenzgebühr. 130 Millionen Euro soll der Bau kosten, mehrere Millionen Euro pro Jahr der Unterhalt des Museums. Das Grundstück am Hafen in Bestlage liefert die Stadt zum Nulltarif.

Als hätte Helsinki keine anderen Sorgen. Die Stadt befindet sich im Totalumbau. Neue Viertel entstehen. Doch Raum für Wohnexperimente, für Kultur und Jugend findet man darin kaum - oder sie wurden gestrichen. Die Wirtschaftskrise hat Finnland hart getroffen. Das Architekturmuseum sucht seit Langem eine neue Bleibe, genauso wie das Designmuseum. Zwei Sparten, auf die Finnland zu Recht stolz ist und für die Helsinki gerade von der Unesco als Design-Stadt ausgezeichnet wurde. Statt für viel Geld Fastfood-Stadtplanung zu kaufen, sollte Helsinki lieber auf seine Tradition bauen.