Guggenheim Lab eröffnet in Berlin Zunächst einmal nett sein

Solarbetriebene Kaffeeröstung, wetterfeste Hüllen für Fahrradsattel und eine Anleitung zum wissenschaftlichen Flirten: Das Guggenheim Lab in Berlin widmet sich zu Beginn handfesten Alltagsthemen. Große Diskussionen wie wirtschaftliche Macht und bürgerschaftlicher Einspruch bleiben aber auf der Strecke.

Von Stephan Speicher

Das BMW Guggenheim Lab hat in Berlin seine Arbeit aufgenommen. Die Architektur-Abteilung des New Yorker Guggenheim-Museums hatte sich vor einiger Zeit gefragt, was außerhalb des Museums und seiner Grenzen zu tun möglich sei und also das Lab konzipiert, das in sechs Jahren durch neun Städte ziehen soll. Der Start war in New York, nun ist Berlin die zweite Stage, bevor es nach Mumbai geht.

Die großen Fragen von Verdrängen und Bestehen, von wirtschaftlicher Macht und bürgerschaftlichem Einspruch werden nicht aufgetischt. Das Guggenheim Lab möchte zunächst einmal nett sein.

(Foto: dapd)

Im März dieses Jahres hatte es erheblichen Ärger um das Projekt gegeben, als es in Kreuzberg Quartier nehmen wollte. Örtliche Initiativen sahen darin nichts als einen weiteren Vorboten der Gentrifizierung, stießen sich auch an BMW als dem Hauptsponsor. Die Polizei hielt die Sicherheit des Unternehmens für nicht gewährleistet, der Regierende Bürgermeister schaltete sich ein, zuletzt wurde ein neuer Standort in Prenzlauer Berg gefunden, auf dem Gelände des Pfefferbergs, einer aufgegebenen Brauerei, zu Fuß etwa zehn Minuten vom Alexanderplatz entfernt.

Dort steht nun als Heim des Labs eine langgestreckte Stahlkonstruktion, nicht viel mehr als ein hohes Dach mit mehreren Scheinwerferbrücken. Hier sollen sechs Wochen lang die verschiedenartigsten Veranstaltungen stattfinden unter dem Generalthema "Confronting Comfort". Was "comfort" meint, das bleibt eine vorerst offene Frage; was in der antiken Philosophie gutes Leben heißt, ist wohl mitgemeint. Doch ist Theorie nur der kleinere Teil des Programms. Vor allem soll die Bevölkerung zu eigener Tätigkeit animiert werden.

So hat das Guggenheim Lab eine Initiative angesprochen, die nach der Verwendung kommunalen Grundbesitzes fragt. Mit finanzieller Unterstützung des Labs wurde ein altes Feuerwehrauto gekauft, das an den Wochenenden zum Verkauf stehende Immobilien anfährt und dort mit Bürgern über die wünschenswerte Nutzung diskutieren möchte. Auch eine Internetseite wurde möglich.

"Frau Tulpe" lädt zum Nähkurs

Eine der Kuratorinnen ist die Berliner Künstlerin Corinne Rose, die sich um ästhetische und kommunikative Fragen kümmern will, Exkursionen finden statt, aber auch konkrete Handreichungen fehlen nicht: "The science of seduction - Nehmen sie an diesem Workshop teil, in dem es um komplexe städtische Kommunikationssysteme geht und eignen sie sich die wissenschaftlichen Grundlagen des erfolgreichen Flirtens an!"

Fast noch handfester ist ein Workshop, zu dem am Eröffnungstag "Frau Tulpe" gebeten wurde, eine Nähschule, die Interessenten zeigt, wie man wetterfeste Schutzhüllen für Fahrradsättel fertigt. Und unter dem Stichwort "Making things move" lernt man, wie aus ferngelenkten Spielzeugautos ferngelenkte Bodenwischmaschinen gebaut werden können oder solargetriebene Kaffeeröstung möglich ist.

Studenten des Bostoner MIT arbeiten mit; es ist das gute alte Elektrobasteln, das als Nutzung humaner Ressourcen zu neuen Ehren kommt. Die großen Fragen von Verdrängen und Bestehen, von wirtschaftlicher Macht und bürgerschaftlichem Einspruch werden nach all den politischen Aufregungen nicht aufgetischt. Das Guggenheim Lab möchte zunächst einmal nett sein.