Günter Wallraff: Schwarz auf Weiß Ein Mann will gehasst werden

Günter Wallraffs Undercover-Film "Schwarz auf Weiß" zeigt die Fragwürdigkeit seiner Methoden und bereitet gewaltige Kopfschmerzen - was nicht nur an den schlechten Aufnahmen liegt.

Von Andrian Kreye

Zunächst einmal bereitet einem der Dokumentarfilm über die Deutschlandreisen des Reporters Günter Wallraff in der Verkleidung als somalischer Einwanderer gewaltige Kopfschmerzen. Buchstäbliche Kopfschmerzen, denn ein Großteil des Filmmaterials für "Günter Wallraff: Schwarz auf Weiß" wurde mit versteckten Kameras gedreht.

Wallraff in der Maske: auf dem Weg zum somalischen Einwanderer.

(Foto: Foto: filmstarts.de)

Die liefern Bilder, die von extremen Weitwinkeln, matten Kontrasten, ungefederten Kamerastößen und unnatürlichen Kamerapositionen bestimmt sind, was rasch zu einer Art visuellem Schleudertrauma führt. Das Tragische an diesen Aufnahmen ist jedoch, dass sie keinerlei Material liefern, das einen solchen Qualitätsverlust rechtfertigen würde.

Da lässt sich Wallraff dunkelbraun einfärben, zieht sich eine Kraushaarperücke über und ein Hemd aus jenem bunten Stoff, aus dem in Afrika die Kleider der Marktfrauen geschneidert sind. So weit bleibt er sich treu. Seine Verkleidungen als Gastarbeiter, Bild-Zeitungs-Reporter und Penner waren ähnlich aufwendig.

Allerdings ist es ein großer Unterschied, ob man im Dienste der Aufklärung die soziale Leiter hinabsteigt, oder sich als ethnische Minderheit maskiert. Das beginnt schon mit der unglaubwürdigen Maskerade selbst. Man erwartet von Wallraffs somalischem Alter Ego Kwami Ogonne eher, dass er "Viva Colonia" anstimmt, als einen afrikanischen Folkloregesang.

So marschiert er dann in Schrebergärten und Hundezüchtervereine, auf Volksfeste und Fußballspiele, er legt sich mit Kneipengästen und Türstehern an, vornehmlich in der ostdeutschen und bayerischen Provinz.

Dabei wirkt er wie der Antipode eines pathologisch Liebesbedürftigen: Wallraff will unbedingt gehasst werden. Doch selbst die betrunkenen ostdeutschen Fußballhools in ihren Nazi-shirts pöbeln ihn nur mit vorhersehbaren "Deutschland-ist-weiß"-Sprüchen an. Da bleibt ihm dann nichts anderes übrig, als im Schminkstuhl noch einmal zu referieren, was für eine bedrohliche Stimmung das gerade gewesen sei.

Immer penetranter geriert sich Wallraff ohne jede Dramaturgie als humorloser Borat. Als er sich auf einem Volksfest zum Schunkeln aufdrängen will, fragt man sich, ob es nicht eher an seiner unangenehmen Person als an seiner künstlichen Hautfarbe liegt, dass ihn die Leute so schneiden.

Nein, was Wallraff hier mit diesem technisch und dramaturgisch unzulänglichen Film vorführt, ist weniger eine Anklage gegen den Rassismus als eine Inszenierung seiner eigenen Vorurteile. Er bestätigt seinem bildungsbürgerlichen Stammpublikum ihre vorgefassten Meinungen und bedient dabei einen Klassendünkel, der einen Großteil der Bevölkerung zum fratzenhaften Pöbel degradiert.

Beweisen kann Wallraff mit solchen Szenen nicht viel. Noch schlimmer ist aber, dass er offensichtlich auch nichts verstanden hat. Denn letztlich krankt der Film ja daran, dass sich Wallraff hier einer Methode bedient, die traditionell ein Mittel des Rassismus war - des "Blackface". Von den europäischen Metropolen des Kolonialzeitalters bis zum Amerika des frühen 20. Jahrhunderts spielten zu Schwarzen umgeschminkte weiße Schauspieler das rassistische Klischee als Schmierenkomödchen. Wallraff mag es gut gemeint haben. Letztlich hat er sich mit diesem Film nur geschadet - denn er stellt auch seine Arbeit als Autor in Frage.

GÜNTER WALLRAFF: SCHWARZ AUF WEISS, D 2009 - Regie: Pagonis Pagonakis, Susanne Jäger, Produzent: Gerhard Schmidt, Kamera: Frederik Walker, Ralf M. Mendle. X-Verleih, 86 Min.