Schon wieder Ärger um den Contergan-Film: Grünenthal gibt nach der Niederlage im Rechtsstreit um "Eine einzige Tablette" keine Ruhe - und will nun ein Verbot einzelner Filmszenen erwirken.
Der jahrelange Rechtsstreit um den im November 2007 in der ARD ausgestrahlten Contergan-Film "Eine einzige Tablette" geht in eine weitere Runde. Nach der Niederlage im Hauptsacheverfahren vor dem Hamburger Landgericht im April wollen der Contergan-Hersteller Grünenthal und ein früherer Anwalt der Contergan-Opfer nun vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht (OLG) für ein Verbot einzelner Filmszenen kämpfen.
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Die Berufungen der Kläger gegen die Urteile der Vorinstanz seien beim OLG eingegangen, sagte eine Gerichtssprecherin am Dienstag in Hamburg. Ein Verhandlungstermin stehe noch nicht fest. Der TV-Zweiteiler "Contergan" thematisiert den Skandal um das Schlafmittel Contergan, nach dessen Einnahme tausende Frauen Ende der 50er Jahre missgebildete Kinder geboren hatten.
Der Rechtsstreit geht im Kern um die Abwägung zwischen der Kunstfreiheit und dem Schutz von Persönlichkeitsrechten bei der Darstellung historischer Ereignisse. Grünenthal (Aachen) und der Anwalt sehen durch Szenen des Films ihre Persönlichkeitsrechte verletzt und klagen seit Sommer 2006 gegen den Westdeutschen Rundfunk (WDR) und die Produktionsfirma Zeitsprung.
Einstweilige Verfügungen verhinderten zunächst die Ausstrahlung des Films. Nach deren Aufhebung durch das OLG ließ das Bundesverfassungsgericht dann noch vor der endgültigen Entscheidung über die Rechtmäßigkeit des Films die Sendung zu. Obwohl der WDR und Zeitsprung im Laufe des Verfügungsverfahrens Teile des Films geändert sowie einen erklärenden Vor- und Nachspann angehängt hatten, wollen die Kläger im Hauptsacheverfahren weiter ein Verbot diverser Szenen erreichen. Das Landgericht wies jedoch ihre Klagen im April ab.
Die Berufung dagegen begründete Grünenthal nun damit, dass der Film "nach wie vor grobe historische Fehler enthalte, die von der Kunstfreiheit nicht gedeckt sind". Der Streit um den Film sei unabhängig von dem jüngsten Zugehen des Unternehmens auf die Opfer des Arzneimittelskandals durch die Zahlung von 50 Millionen Euro an die Conterganstiftung, betonte eine Firmensprecherin. Die Produktionsfirma Zeitsprung geht zuversichtlich in die Berufungsverhandlung vor dem OLG. "Wir sehen das mit Gelassenheit", sagte Justiziar Mirek Nitsch.
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(sueddeutsche.de/dpa/ehr)
Ähnlich auch die FAZ:
Es war ein frommer Wunsch, anzunehmen, dass die Pharmafirma Grünenthal über den Streit um den Fernsehfilm Eine einzige Tablette und die Spende von fünfzig Millionen Euro was wenig genug ist für die durch das Medikament Contergan geschädigten Menschen zu einem neuen Umgang mit dem von ihr verursachten Medizinskandal gefunden hätte. (FAZ.net Beitrag Contergangeschädigt Grünenthal klagt weiter gegen Film vom 27.05.08)
Diesen klaren Worten wäre noch folgendes hinzuzufügen. Anders als bei Grünenthal war bei vielen Grünenthal-Opfern die Ausstrahlung des WDR-Beitrags Nur eine Tablette tatsächlich so etwas wie eine Initialzündung für eine jeweils sehr persönliche Vergangenheitsbewältigung. Sie hat ein Bewusstsein für geschichtliche Hintergründe ausgelöst. Und sie hat den Mut für Wut gemacht, die in der Notwendigkeit des Sich-Arrangierens mit dem eigenen Lebensschicksal oft zu kurz gekommen ist.
In einer zeitgenössischen Werbeanzeige für Contergan und Contergan forte ist folgendes zu lesen:
Ein Augenblick voll natürlicher Harmonie
lässt uns wünschen, dass sich die Sekunde dehne. Doch
zumeist bleibt es Augen-Blick und flüchtiger Wunsch, denn
die Unruhe, dem Geiste einst dienstbar, beherrscht uns
und treibt uns umher. Ruhe und Schlaf zu fördern
vermag Contergan. Dieses gefahrlose Medikament
belastet den Leberstoffwechsel nicht, beeinflusst weder
den Blutdruck noch den Kreislauf und wird auch
von empfindlichen Patienten gut vertragen.
Ein Versprechen, dass sich für Chemie Grünenthal aus Stollberg im Rheinland millionenfach auszahlte. Ein Versprechen, dass aber nicht eingelöst wurde.
Vielleicht beinhaltet die aktuelle Image-Kampagne für 4711 (eine Traditionsmarke der Wirtz-Gruppe) hier eine Hoffnung: Ich glaube heißt es dort und tatsächlich: Ich glaube, dass es sinnvoller wäre, die Energien in eine andere Richtung zu lenken.
Es war richtig, Contergan als Namensteil der Geschädigtenstiftung bei zu behalten (entsprechende gegenläufige Begehrlichkeiten hat es wohl gegeben, wie der Anhörung des Familienausschusses vom 26.05.08 zu entnehmen war). Genauso richtig wäre es jetzt, sich der Verantwortung auch persönlich zu stellen. Dann wäre 4711 wirklich dass, was es verspricht: Ein Wunderwasser. Nicht schlecht für´s Image, oder?
Eine Firma wie Grünenthal dürfte es eigentlich nicht mehr geben!
Jeder Privatmann, der in Deutschland einen Schaden anrichtet, haftet in unbegrenzter Höhe.
Es kann nicht sein, dass Pharmafirmen nur begrenzt haften! Lächerlich sind die Entschädigungen, die die Opfer erhielten! Schön ist es, dass Grünenthal einen solch hohen Betrag freiwillig stiftet, allerdings in Anbetracht zum Gesamtschaden ist auch dieser lächerlich!
...wäre nach Allem was sie verbockt haben gut beraten leiser zu treten. Es gibt wenige Firmen, die so viel Leid verursacht haben. Denn es wurde ja nur auf Druck von aussen gezahlt. Deshalb habe ich für das Vorgehen dieser Hexenküche kein Verständnis.
DIALOG STATT KONFRONTATION UND ABSCHOTTUNG