Großformat Ultradeutsh

Ein paar sprachtheoretische Überlegungen und Vorschläge des Brasiliano-Münchner Autors Zé do Rock, natürlich auf ultradeutsh. Oder ist das schon kaudadeutsh?

Von Reinhard J. Brembeck
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Sein vor 22 Jahren erschienener Romanerstling "fom winde ferfeelt" beginnt mit dem Foto zweier Buben, der eine kann schon stehen, der andere grinst aus der Wiege, und darunter steht: "de held is de schönere". Nun hat Zé do Rock (Pseudonym) keinen schwäbischen, sondern einen brasilianischen Migrationshintergrund, er lebt seit 25 Jahren in München und ist der Erfinder des "ultradeutsh", das die deutsche Sprache wie gesprochen und kabarettistisch korrekt im Schriftlichen wiedergibt. "fom winde verfeelt" ist nicht nur die frühe Autobiografie des Zé do Rock, das Buch beschreibt auch die Genese des ultradeutsh, das es auch in einer Light- und Forte-Variante gibt und das im "kaudadeutsh" seine Vollendung gefunden hat. Auch in dem hier erstmals abgedruckten Text "SIE DUZEN" betätigt er sich als Sprachtheoretiker. Wer sich vom Lachen erholt hat, der kann dann mit Zés unter dem Titel "LANDES E LINGUAS" auf Youtube veröffentlichten sprachtheoretischen Vorlesungen weitermachen.

SIE DUZEN

Ja, was meine ich mit dem titel? Das die leut andre leuti duzen, oder duzt der herr mir gegenüber andre leut, oder meine ich damit den akt, eine gewisse frau zu duzen, andre leuti zu duzen oder den herrn mir gegenüber zu duzen? Ich hab schon sätze in andren sprachen geseen, die 2 bedeutus haben, aber noch nie ein satz mit 5 möglichen interpretationen. Und ausgerechnet dise deutshe sprache hat den ruf, ser exakt zu sein! Ich ärger mich dauernd, das man in auslandishen filmen, die sincronisirt werden, wegen dem wort 'sie' nich weiss, wer gemeint is. Sagen wir mal, die ursache eines probleems könnte eine frau sein, aber auch 3 typos oder die gesprächspartni. Der menschi sagt zum beispil in english: "Neither she nor they are the problem, but you!" Bei a deutshe film wird die menschi versuchen, mit den händen oder augen auf die verschidenen möglichen "schuldigen" hinzuweisen, aber das is in andren sprachen nich nötig, weil es 3 verschidene pronomen sind. So sagt der sinkronisirte mensch auf deutsh, "Weder sie noch sie sind das probleem, sondern Sie!" Sie, sie, sie, und groszbuchstaben kann ma nich hören. Die zuschaui hat kein anu, wer am ende die schuldi is.

Das kann ma nich grad eine exakte sprache nennen. Früer gab es in deutsh das "Ir" für die respektvolle anredu, weil die grafis und herzogis es nich leiden konnten, wenn sie geduzt wurden, als wären sie auf dem gleichen nivo wie ire untertanis. Das gesinde bzw. gesindel durfte sie nich auf gleicher augenhöhe anschaun. Irgendwann wurde das "Ir" durch das "Sie" ersetzt, eine seltenheit in diser welt. Die meisten andren sprachen - wenigstens die, von denen ich halbwegs ein anu hab - ham weiterhin ein wort wie "Ir", was auch für deutlich weniger missverstehus sorgt. Aber die idee dahinter is immer noch die mittelalterlich einteilu der menschis in höhere und niedrigere kasten. Es is zwar richtig, das heutzutage das sizen in beide richtus get, also auch der höhergestellti die unterlingis siezt, aber nur er darf sich erlauben, das 'du' anzubiten. Manche sprachen ham aus der respekt-anredu die allgemein anredu gemacht, wie das colombia-espanian "usted" oder das englishe "you", das ursprünglich nur "euch" bedeutete, wie in die plattdeutshe 'ju'.

Es gibt sprachen, in denen das "Sie" nur für hohe tiris verwendet wird, wie zum beispil nederlandish und skandinavish - da handelt es sich meist um die köni, auch wenn manchmal sogar hen von sein untertanis geduzt wird. Deshalb wird bei IKEA grundsätzlich geduzt. Und trotzdeem is mir in Skandinavie nie aufgefallen, das die leuti respektloser miteinander umgeen. Es hat vermutlich auch damit zu tun, das ma z.b. in Sverige (das is das Knäckebrotland in der nähe des Nordpols) die leuti nach irem titel oder beruf "gesiezt" hat, das heisst, ma fragte zum beispil, "Wie get es dem Herrn Teppichhändler heute?" statt "Wie get es Inen?". Wenn ma den titel bzw. beruf nich wusste, wurde es komplizirter, und heutzutage wär eine anredu wie "Möchte der Strategic Digital Marketing Vice-Director ein kaffee?" doch etwas zu umständlich, vor allem weil manche leuti kein oder kaum english können, und praktisch jede berufbezeichnu auf english is, vermutlich is sogar der metzgi zum 'Meet Treetment Facility Cheef' geworden. Es gab zwar auch ein einfaches pronomen, 'Ni' (Ir), das aber nie richtig allgemeine akzeptanz erlangte. Im braziliano wird auch normal geduzt, und wenn gesiezt wird, dann vil ältere leuti gegenüber oder zu die chef, und das nur einseitig, das heisst, die vil älteri oder die chefi duzt zurück, und hen (er/sie) darf jederzeit die jüngeri bzw. die "niedrigeri" in der hierarchie von der siz-pflicht entbinden. Übrigens, vile kindis in France oder Brazil sizen ire eltis - meistens is es ja so, das die eltis älter sind als ire kindis. Wärend das 'Sie' in vilen sprachen nur ein zeichen des respekts is, is es in deutsh und francian auch a bekundu, das ma distanz will - ob das 'Sie' dann ein zeichen des respekts is oder des wunsches, distanz zu bewaren, bleibt offen. Es gibt leuti, die auf ein erstes "Sie" gleich mit eim "du" antworten, one rücksicht auf verlirus. Aber guterzogene menschis sizen zurück bis sie eine gelegenheit finden, ganz barock das ganze mal zu besprechen, dann gibt ma sich noch die hand und verkündet sein vornamen, auch wenn el andri ihn schon längst gewusst hat. Andris können ir leben lang mit leuti leben und/oder arbeiten, die sie sizen, weil sie die distanz brauchen, oder weil sie's nich anders kennen.

Teoretisch kann nur die distanz der motor vo die deutshe "Sie" sein, nich der respekt, da ma mit "du" nich respektlos is. Normalerweise respektirt ma ja seine freundis, meistens sogar mer als unbekannte. Sogar zu Gott sagt ma ja du. Oder gibt es leuti, die Gott sizen, womöglich weil sie distanz von ihm wollen? Egal, das "du" wird für freundis verwendet, und ma darf nich jemand "mein freund" nennen, wenn disi sich dabei nich so fült. Die polizei sagt überall, das sie unser freund und helfi is. Aber sagt ma "mein freund" (also "du") zu a polizi, hat man a verbrechu begangen, oder zumindest eine ordnuwiedrigkeit. In Deutshland is es a beleidigu, zu sei gesprächpartni zu sagen, hen sei a freund, wenn disi von der tatsache nich überzeugt is. Schlimmer noch: wenn a gesprächpartni mit irer pronomenwal signalisirt, das hen distanz will, Muss el andri genau die gleichu signalisiren, auch wenn hen das gar nich mag. Die unfreundliche geste hat vorrang in die menschliche bezius, zumindest in Deutshland. Ideal wär natürlich, wenn es kein gegenseitigkeitszwang in der pronomenwal gäbe, das heisst, el eini würde sagen, hen will distanz, und el andri könnte antworten, hen braucht dise prinzipielle distanz nich. Und wenn hen distanz will, get hen halt wek.

Übrigens, das 'hen' hab ich vom sverigish übernommen, eine neue kreazion, ein wort zwischen 'han' (er) und 'hon' (sie). Das wort stet seit zwei jaren im wörterbuch. Die feministas könnten sich beschweren, das das fast wie english 'he' klingt, aber es klingt auch fast wie 'henne', und die is ja bekanntlich weiblich - und trotzdeem: vileicht beschweren sie sich dann umso mer, weil ma nich grade mit hennen in verbindu gebracht werden möchte. Und dann protestiren die männer, aus dem gleichen grund.

Kein gegenseitigkeitszwang in der pronomenwal: wenn dise lösu nich richtig durchsetzbar is, bräuchte man ein einheitspronomen. Immerhin hab ich mal, als ich noch taxifaro war, 100 fargastis danach gefragt, und 2/3 waren dafür. Wenn ma den meisten andren sprachen folgen würde, müsste man als einheitspronomen für du/Sie das "Sie" nemen, aber dises wort hat in deutsh schon sonst so vile bedeutus. Wenn das ein drittel der leuti, das sich gegen die abschaffu von el unterscheidu sträubt, noch mer probleme hätte, wenn ma das "du" als einheitspronomen näme, weil das inen zu nahe ginge, könnte ma zu einer andren sprache greifen. Das plattdeutshe "Ju' (euch) würde sich natürlich anbiten, dann aber für 'du' und 'Sie', wie in english, wobei das 'ir' und das 'euch' für den plural weiter besteen sollte. Ma könnte natürlich auch das franciano wort nemen und es etwas eindeutschen, "vu". Konjugirt wär es one endu: ich ge, vu ge, er get, wir gen, ir get, sie gen. "Vu" würde natürlich "du" und "Sie" bedeuten, egal ob es sich um a bauri oder ministri handelt. Der plural blibe auf alle fälle 'Ir', und wie in alten zeiten, blibe er voller respekt.

Es is nich so, das ich die unterschide negir. Die menschiheit is voller unterschide, jeder mensch eine einzigartige (und wunderbare) kombinazion von miliarden zellen und andren mini-faktoren.

Überlegenheit widerum is ein fliszender begriff: a dinosauri könnte a maus in einer sekunde zerfetzen, aber die dinosauris leben nich mer, die mausis immer noch. Schildkrötis schaffen es, länger zu leben als menschis. Sind sie deshalb überlegen? Manche menschis sind im direkten, frontalen vergleich stärker als andre, aber die schwächeris meiden den frontalen tetatett und laufen hinten rum. Und sind nich selten erfolgreicher damit.

Silbergorillis, reichis und mächtigis wird es immer geben, aber muss ich immer die macht meines gegenübers mit meiner macht messen, bevor ich ein pronomen ausstoszen darf?

Wenn 2/3 für die abschaffu der unterscheidu sind, warum bleibt allu bei el alt? Aus zwei gründen: erstens, die, die dafür sind, sind eher dafür, wärend die gegnis Entschiden dagegen sind.

Zweitens, das drittel, das dagegen is, hat in der regel mer macht. Es sind öfters leuti, die "davon profitiren" das ma sie siezt, und sie selber sizen el andris weil sie distanz von den untergebenis wollen.

Arbeitis und bauris sollen mich, die Höhergestellti, doch fürchten! Es is auch so, das in vilen fällen eine merheit für eine bestimmte sache is, aber sie weiss nich, das sie die merheit is, und es gibt keine kräfte, die dise stimmen kanalisiren. Eine regiru könnte nich vil machen, aber ein parlament könnte zum beispil beschliszen, das jemandi zu duzen - zum beispil die chef oder a polizi - kein verbrech und kein ordnuwiedrigkeit is. Sie könnte auch beschliszen, das kein menschi benachteiligus erleiden sollte, wenn hen andris duzt. Der Bundestag könnte auch ein allgemeines 'du', 'ju' oder 'vu' einfüren, aber das is natürlich schwiriger weil es die gesprochene sprache betrifft. Ich glaube zu so eim du-gesetz is es nur in Sverige gekommen, wobei ich gehört hab, das sich manche sverigis weiterhin sizen - nich wenigis aus trotz. Egal, in Skandinavie im allgemeinen kann ma jedi duzen one sich fragen zu müssen, ob das in dem fall passend is oder nich. Aber Skandinavie is Skandinavie und Deutshland is Deutshland. Hir gäbe es erstmal ein unendlichen streit über kompetenzen, ob der bund oder die länder darüber entscheiden sollen, über die vilen studus die gemacht werden müssten, um festzustellen, ob ein studu darüber durchgefürt werden sollte. Fürs wie, wann und wo müssten noch sonderstudus in die wege geleitet werden. Dann kämen die protestus, und ma würde das ganze erstmal abschwächen - vileicht eine kompromissform wie 'su' (Sie+dU)?, und das nur in bestimmten situazionen und in gewissen bundesländern - so das nimand mer durchblicken würde. Und das nennt ma dann deutshe einigkeit.

Übrigens, in gewissen kreisen in der englishsprachigen welt verwenden die leut auch das deutshe wort 'sie' (mit weichem oder hartem S am anfang). Aber in keinu der bedeutus, die man in deutsh findet, sondern mit a bedeutu, für die es in deutsh kein wort gibt: als ersatz für he/she, also er/sie, in wunschdeutsh 'hen'. Natürlich is das ein neologismus, von dem vile muttersprachis vermutlich nie gehört ham, wie das deutshe 'politiker*innen' oder 'die politik*'. Is aber ser praktisch: normalerweise würde ma sagen, "The theef came in the middle of the nite, he must hav enterd the house by the roof". Und so kann ma das 'he' (er) durch 'sie' ersetzen, das für deutsh 'er/sie' stet, und ma muss nich mer die männer diskriminiren - als wären all einbrechis männer!