Großformat Sterben Sie nicht für die Literatur!

Zwei Ansichtskarten sendet der Schriftsteller Thomas Bernhard im Jahr 1956 an den Münchner Lektor Hansjörg Graf. Sie zeigen den bekannten Griesgram als entspannten Urlauber.

Von Willi Winkler

Mit 25 wusste Thomas Bernhard noch immer nicht, was aus ihm werden sollte. Einen Vater kannte er nicht, seine Mutter und der Großvater waren gestorben, er hatte die Schule abgebrochen und eine Kaufmannslehre anfangen müssen, er bekam Lungenentzündung, lag bereits in der Sterbekammer und kam nur knapp und ausgezehrt mit dem Leben davon. Die Schriftstellergattin Alice Herdan-Zuckmayer, die ihn für "sehr begabt und zugleich für unerträglich hochmütig" hielt, empfahl ihn an das Demokratische Volksblatt in Salzburg. Bernhard wurde Gerichtsreporter, sein Hochmut aber nicht kleiner davon. Der Intendant des Salzburger Landestheaters strengte eine Ehrenbeleidigungsklage gegen ihn an, weil Bernhard vom "Niveau einer Bauernbühne" gesprochen hatte und von "sauer gewordenen Schlagobersmärchen", die es da zu sehen gebe. (Strafmaß: fünf Tage Arrest, später ein Vergleich.) Die Wiener Café-Hawelka-Gesellschaft brachte er gegen sich auf, als er in seinem "Wort an junge Schriftsteller" diese als "Handlanger gut honorierter Räte der Naturschutzbehörde" beschimpfte. "Die Bücher, die ihr schreibt, sind langweilig, sie sind aus Papier."

Eine andere Frau, Hedwig Stavianicek, finanziert ihm das Studium am Mozarteum, er soll Sänger werden, dann Schauspieler, aber schreiben will er auch unbedingt. Sein späterer "Lebensmensch" bezahlt ihm auch die Ferien im kroatischen Fischerdorf Lovran: "Hier blühen die Bäume entlang des Meeres, richtiger Frühling, ferne Schiffe (...). Hier kann ich diesmal gut arbeiten." Diesen Bericht aus der Idylle schickt der junge Dichter an Hansjörg Graf, der als Lektor beim Otto-Müller-Verlag in Salzburg mehrfach seine Gedichte abgelehnt hat. Graf, der am 27. Dezember 2017 im Alter von 95 Jahren gestorben ist, wechselte 1956 nach München zum Piper-Verlag. Im Nachlass des "Graf Doktor", wie Bernhard den promovierten Literaturwissenschaftler nennt, finden sich zwei Ansichtskarten, die ihm Bernhard an einem lebensentscheidenden Punkt geschrieben hat. Er ist noch nicht der Schmerzensmann der österreichischen Literatur, hat sich aber bereits von der bodennahen Heimatliteratur des geliebten Großvaters Johannes Freumbichler verabschiedet - und er kann über sich selber lachen: "Ich warne Sie", schreibt Bernhard auf der zweiten Karte, mit der er sich mit Graf in Innsbruck auf ein Glas Wein verabredet, "sterben Sie nicht für die Literatur!" Da hat er zwischendurch leicht reden, denn zwei Jahre später erscheint bei Otto Müller in Salzburg der Gedichtband "In hora mortis", in der Stunde des Todes, gewidmet "meinem einzigen und wirklichen Freund G. L.", dem Komponisten Gerhard Lampersberg, dem er viele Jahre später in der genialen Diatribe "Holzfällen" bis zur Staatskrise einheizte.

Der in seinen späteren Büchern scheinbar so todessüchtige Thomas Bernhard will im März 1956 ganz bestimmt nicht sterben, sondern schwärmt wie ein ganz normaler Mittelmeerurlauber: "Ich hab den Wunsch, hier im Süden, unter den 'einfachen Sängern', mein Leben zu verbringen. Hier ist Europa noch nicht krank!!" Also gut, bloß nicht sterben für die Literatur. Andererseits: Für was dann?

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