Großformat So wenig Technik

Als er noch mit Rainer Werner Fassbinder drehte, passte alles, was er benötigte, auf ein einziges Blatt. Eine Liste des Kameramanns Michael Ballhaus.

Von David Steinitz

Auf der Berlinale wird der Kameramann Michael Ballhaus in der kommenden Woche mit einem Goldenen Bären für sein Lebenswerk geehrt. Das Festival zeigt in diesem Rahmen auch eine Hommage mit zehn Filmen, die seine Arbeit von den wilden Anfängen in Deutschland bis zu seiner langen Karriere in Hollywood nachzeichnet.

Der gebürtige Berliner, Jahrgang 1935, hat allein fünfzehn Mal für Rainer Werner Fassbinder die Kamera geführt und sieben Mal für Martin Scorsese. Auch mit Volker Schlöndorff, Wolfgang Petersen und Francis Ford Coppola arbeitete er zusammen. Ballhaus ist der Beweis dafür, dass die große Handwerkskunst der Kameraarbeit mit dem deutschen Begriff Kameramann unzureichend beschrieben ist. Ballhaus ist ein "director of photography", ein Bildregisseur, der durch seine Lichtsetzung, seine Einstellungen und Kamerafahrten genauso viel wie seine Regisseure dazu beiträgt, dass Filme wie "Goodfellas", "Die fabelhaften Baker Boys" und "Bram Stokers Dracula" in die Filmgeschichte eingingen.

Für seine US-Filme wurde er dreimal für den Oscar nominiert; für unser Großformat hat er aus seinem reichen Archiv trotzdem keine der vielen Fotografien ausgewählt, auf denen er Stars wie Paul Newman und Tom Cruise in Szene setzte. Sondern seine Materialliste für das wunderbare Wahnsinnswerk "Warnung vor einer heiligen Nutte", das er 1970 mit Fassbinder drehte. Bevor seine Technikausstattung in Hollywood immer größer wurde, passte seine Equipmentliste auf eine Briefpapierseite.

"Warnung vor einer heiligen Nutte" ist ein Film über einen Film: der manische Fassbinder verarbeitete darin die Dreharbeiten zu seinem Südstaatenmelodram "Whity", bei dem ebenfalls Ballhaus die Kamera führte. Ein Projekt, das in einem gefährlichen Mix aus Fassbinders Hybris und viel zu viel Alkohol und Intrigen unter diversen Crewmitgliedern im Chaos absoff. Auf Ballhaus' Technikzettel bereits vermerkt: Genug Schienen für den "Ballhaus-Kreisel", jene ikonografische 360-Grad-Kamerafahrt, die er immer wieder anwandte und für die er so berühmt wurde.