Großformat Alpha und Omega

Der Berliner Künstlerin Sonja Alhäuser sind Rituale vertraut. Und sie schafft Vergängliches. Auf ihrer Osterkerze nimmt sie Abschied von Tragödien.

Von Rudolf Neumaier

Wer bei kommerziellen Anbietern im Internet katholische und evangelische Osterkerzen lang genug vergleicht, wird den Unterschied irgendwann entdecken. Den Kerzen im evangelischen Sortiment fehlen nur winzige Applikationen: jene vier kleinen Knöpfe, die Nägel darstellen und die Wundmale des Gekreuzigten symbolisieren. Wundmalzeichen - das ist den Protestanten schon zu viel Schnickschnack. Sonja Alhäuser lässt sich daher eindeutig als katholisch geprägte Künstlerin identifizieren, denn ihre Osterkerze ist mit den vier Nägeln versehen.

Sonja Alhäuser, Jahrgang 1969, hat sich mit vergänglicher Kunst einen Namen gemacht und mit Materialien wie Schokolade, Butter und Marzipan. Ihre Bankette, die sie opulent gestaltet, sind Kunstwerke, die zum Aufessen gemacht sind. Wenn die Berliner Künstlerin nun für die Süddeutsche Zeitung ihre erste Osterkerze kreiert, fügt sich diese Arbeit in ihr Gesamtwerk. Bienenwachs ist letztendlich genauso ephemer wie die Schokolade der Osterhasen in Stanniolpapier - wenn Osterkerzen durchgehend bis zum nächsten Osterfest brennen müssten, würden es wohl nicht einmal die stämmigsten Exemplare bis Weihnachten packen. Im liturgischen Betrieb der katholischen Kirche hat die Osterkerze aber genau definierte Einsatzzeiten. Entzündet wird sie in der Osternacht am Osterfeuer vor der Kirche. Der Priester trägt sie unter dreimaligem Singen der Worte "Lumen Christi", in der deutschen Version "Christus, das Licht", was das Volk mit den Worten "Deo gratias" ("Dank sei Gott") erwidert, durch die abgedunkelte Kirche zum Altar. Die Bedeutung ist klar: Die Flamme des auferstandenen Erlösers obsiegt über die Finsternis. Bis zum Pfingstfest steht die Kerze im Altarraum und wird in jedem Gottesdienst entzündet. Dann kommt sie nur noch bei außerordentlichen Anlässen zum Einsatz, bei Trauungen etwa und bei Taufen, wobei die Taufkerze an ihr entzündet wird. Besonders wichtig im katholischen Ritus ist die Osterkerze bei der Totenfeier - als Symbol der Auferstehung.

Mit dieser Symbolik ist Sonja Alhäuser, Absolventin der Klasse Schwegler an der Düsseldorfer Kunstakademie, seit ihrer Gymnasialzeit in der Zisterzienser-Abtei Marienstatt im Westerwald vertraut. Ihr Exemplar enthält alle Applikationen, die einen Wachsrohling zu einer katholischen Osterkerze machen: Alpha und Omega, die Jahreszahl, das Kreuz, die vier Nägel. "Ich wandle Rituale ab, sodass sie zu mir passen", sagt sie. Mit der unter der Flamme schmelzenden Kerze soll all das verbrannt werden, von dem sie Abschied nehmen will: persönliche Tragödien, verloschene Liebe, Kälte, der Winter. Sonja Alhäuser hat Figuren entworfen, erst zeichnerisch, dann mit Paraffinwachs modelliert, und sie auf die Kerze appliziert. Um sie zu erkennen, muss man diese Osterkerze aus nächster Nähe betrachten. Über dem Alpha etwa umarmt sich ein Paar, und am Omega, dem letzten Buchstaben des griechischen Alphabets und Symbol für das Ende, hängt ein Mann mit dem Kopf nach unten. Ein Gestrauchelter. Für das Osterfest im kommenden Jahr plant Sonja Alhäuser eine höhere Auflage, doch diese Osterkerze ist ein Unikat. Die Künstlerin wird sie in ihrem Atelier abbrennen. In ein paar Monaten wird nichts mehr von diesem Kunstwerk existieren. Nur noch der Entwurf. Wie gut, dass Sonja Alhäuser auch zeichnet.