Bisher war der Grimme-Preis in der Medienbranche gleichbedeutend mit einem Ritterschlag. In diesem Jahr setzt man auf hyperaktive Unterhaltung und ehrt "Extreme Activity" mit Jürgen von der Lippe.
Nun ist es öffentlich: Zum ersten Mal in der Geschichte des Adolf-Grimme-Preises wurde auch ein Preis in der Kategorie "Unterhaltung" vergeben. Herausgekommen ist dabei gleich zu Beginn ein großer Murks. Außer der Vorabendserie Türkisch für Anfänger gewann, und darüber wird wohl zu reden sein, das Pro-Sieben-Unterhaltungsformat Extreme Activity mit Jürgen von der Lippe.
Preisgekrönte Glanzleistung: Idealbesetzung Nina Hagen in der ProSieben-Sendung "Extreme Activity". (© Foto: proSieben/willi weber)
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Die Jury aus Journalisten und Medienwissenschaftlern (neun Mitglieder) war sich bei der Entscheidungsfindung im letzten Wahlgang größtenteils einig, auch wenn es nur wenige so formulierten wie ein Kollege, der seit fast zwanzig Jahren in der Grimme-Jury sitzt und erklärtermaßen keine Lust mehr hat, "Preise immer nur an Sachen mit Aidsinfizierten und Behinderten zu vergeben". Was wie eine Kampfansage an falschem Ort klingt, wirft die Frage auf, worum es beim Grimme-Preis geht.
Lange vor dem Deutschen Fernsehpreis gehörte er zu den bedeutendsten Auszeichnungen für Fernsehmacher. Er zieht seine Bedeutung im Unterschied zum Bambi oder Der Goldenen Kamera aus dem Umstand, dass er wie zu Beginn seiner nunmehr 43-jährigen Existenz auf nichts anderes als auf Qualität setzt.
So viel Unterhaltung war nie
Grimme bedeutet Anspruch in Reinkultur. Olli Dietrich hat ihn sogar einmal mit dem Nobel-Preis verglichen. An diesem Anspruch nun scheint mancher schwer zu tragen. Nachdem in den zurückliegenden Jahren oft nur noch darüber diskutiert wurde, wie viele Preisträger aus dem Privatfernsehen stammen, hat man sich in Marl, dem Sitz des Adolf-Grimme-Institutes, etwas Neues ausgedacht.
Den bewährten Preiskategorien "Fiktion & Unterhaltung" und "Information & Kultur" wurde erstmals eine eigenständige Kategorie "Unterhaltung" hinzugefügt, um der sich verändernden Medienrealität gerecht zu werden, wie es so schön heißt. Prompt ergatterten Privatsender so viele Nominierungen wie nie zuvor - acht von achtzehn allein in der "Unterhaltung".
Auch wenn sich durch die neue Kategorie ein etwas undurchsichtiger Kategoriensalat ergibt - denn wer will nun entscheiden, ob Unterhaltung gleichbedeutend mit Non-Fiktion ist? - kann gegen diese Entscheidung niemand ernsthaft Einwände haben. Gerade non-fiktionale Unterhaltungsformate haben bei den Privatsendern seit beinahe zehn Jahren beste Konjunktur, denkt man nur an Big Brother, Das Dschungel-Camp oder an DSDS, Genial daneben oder Die Super-Nanny, auch wenn das strenggenommen bereits wieder in die Kategorie "Information" hineinragt.
Eine Entertainment-Armada
Das Procedere in der Jury "Unterhaltung" gleicht dem der Nachbarkategorien. Nur die Bandbreite der nominierten Sendungen in der "Unterhaltung" dürfte neu gewesen sein, galt es doch vieles miteinander zu vergleichen: Frauentausch-Formate wie We are family (Pro Sieben) oder Suche Familie! (RTL 2); Primetime-Familien-Unterhaltung à la Schlag den Raab (Pro Sieben), Extreme Activity (Pro Sieben) und Die große Nachtmusik des ZDF sowie Guildo Horns Behinderten-Talk Guildo und seine Gäste (SWR); die Doku-Soap Die Özdags (WDR); Das perfekte Dinner (VOX) und Serien wie Pastewka (Sat1) oder eben Türkisch für Anfänger (BR/ NDR). Abgesehen davon, dass kaum mehr als ein Drittel der vorgeschlagenen Sendungen die Nominierung rechtfertigte, bedeutete dies ganz konkret, in der Jury Äpfel mit Birnen mit Pflaumen mit Nüssen zu vergleichen.
Der Preisträger Extreme Activity nun lädt zwei Mannschaften aus jeweils drei Männern und Frauen - am liebsten Verona Feldbusch, Dirk Bach, No-Angels-Angehörige, Lindenstraße-Bewohner, Vorabendsternchen - auf die Ottomane, damit diese sich gegenseitig Begriffe wie Nacktschnecke, Achselhaar oder Brustwarzenpiercing durch Pantomime oder Malen erklären.
Manchmal wird gegen Sumo-Ringer gekämpft, oder einer muss sich hinter eine Wand mit Loch stellen, aus der sein Gesicht herausschaut, und die anderen dürfen Torten darauf werfen. Alles ganz lustig, alles ganz witzig. Aber dafür gleich einen Grimme-Preis?
Ein kurzer Blick zurück: Beim Deutschen Fernsehpreis hat man in der Kategorie "Unterhaltung" Erfahrung, denn in ihr hier wird die beste Unterhaltungssendung gekürt. Als 2005 Clever und 2006 Genial daneben mit Hugo Egon Balder gewann, kommentierten die Beobachter diese Entscheidung mit den betretenen Worten, im nächsten Jahr würden diese Preisträger ohnehin vergessen sein. Tatsächlich jedoch, und das zeigt der Grimme-Preis für Extreme Activity, hat sich das Problem längst verstetigt: In Deutschland scheint niemand zu wissen oder sagen zu können, was gute Unterhaltung ist.
Loch, Gesicht, Torte?
Dabei wären es auch hier so simple Kategorien wie Kreativität und Innovation, die man auszeichnen könnte. Das Grimme-Preis-Statut ist hierfür eigentlich recht brauchbar. Es sieht vor, Preis an Formate zu vergeben, die "die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Form und Inhalt Vorbild für die Fernsehpraxis sein können."
Die Jury jedoch, das wurde in der internen Diskussion deutlich, tappte in die Falle. Man freute sich am meisten über die Sendungen, die die meisten Lacher produzierten, die am besten sinnfrei unterhalten konnten, so, als setze die Kategorie "Unterhaltung" die Verabschiedung von allen analytischen, benennbaren Kategorien voraus.
Es hätte ein Format gegeben, das die Anforderungen des Statuts und die Erwartung anspruchsvoller Unterhaltung verbunden hätte: Guildo und seine Gäste. Die Talkshow, in der Guildo Horn mit behinderten Gästen über Tagespolitik, ihr Leben, ihre Sexualität, ihre Gedanken spricht. Selten hat es ein so unkonventionelles und mutiges Unterfangen im deutschen Fernsehen gegeben, das obendrein eine Poesie auf den Bildschirm zaubert, die staunen lässt. Aber gut, Grimme-Preise für Behinderte, Türken, Aids-Infizierte, Schwule und Ossis hat es angeblich schon genug gegeben. Da könnte einem ja langweilig werden.
Die Autorin war Mitglied der Jury "Unterhaltung" beim 43. Adolf-Grimme-Preis.
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
... ich finde es herrlich, daß so viele selbsternannte Medienwächter offenbar ganz genau wissen, was für die Allgemeinheit gut ist, und sich genötigt fühlen, mir die Worte im Mund umzudrehen.
Wahrscheinlich gehört auch Harry Potter auf die Liste verbannungswürdiger Bücher, weil es sich um Fiktion und Belletristik handelt (wie verwerflich!!), oder? Ich habe mich bei Erscheinen dieser Bücher eher über den positiven Effekt gefreut, den es auf Kinder (und auch Erwachsene) hatte, denen man ja bereits gänzlich die Lust und teilweise auch die Fähigkeit am Lesen von "richtigen Büchern" abgesprochen hatte.
Ähnlich sehe ich die kritisierten und (offenbar von allen außer mir) verteufelten Sendungen. Wir müssen und von dem elitären Denken verabschieden, daß Wissen keinen Spaß machen darf. Natürlich kann man aufgrund solcher Sendungen kein Abitur bestehen, aber darauf sind sie auch nicht angelegt! Ich ordne sie eher ein wie die Sendung mit der Maus für Erwachsene - und was soll daran schlecht sein? Mir deshalb zu unterstellen, ich würde alles gutheißen, was nicht zu Mord und Totschlag anstiftet, finde ich doch arg übers Ziel hinausgeschossen und zeigt, mit welcher Verbissenheit sich manche Menschen über Generalabrechnungen definieren.
Zwei Anmerkungen noch:
@Kimcool: diese Formate sind keine Erfindung der Privaten - erinnert sich noch jemand an die KnoffHoff Show im ZDF?
@padpad: sooooo ungebildet kann ich eigentlich nicht sein, wie Sie mir hier unterstellen, wenn ich ein 1er Abi in Bayern schaffen konnte und meinen MA mit "mcl"... Ich versuche hier nur, die Dinge etwas differenzierter zu sehen.
Ja, besonders Genial daneben vermittelt unheimlich viel Wissen, schlimm genug, das Menschen glauben, das diese Art von Tv überhaupt etwas vermittelt. Mal ganz davon abgesehen, das es langweilig und öde, weil es immer das selbe ist - Wissen vermitteln kann dieses Fernsehen gewiss nicht. Nur weil ich eine Kochshow schaue, kann ich noch lange nicht kochen - nein, man schnappt was auf und legt es in Kurzzeitgedächtnis ab, vielleicht ausreichend für "Wer wird Millionär" aber WISSEN ist etwas ganz anderes. Da bedarf es schon etwas mehr als TV zu schauen - aber Bücher lesen und lernen ist ja sooo anstrengend.
Auf das Killerspielargument geh ich mal gar nicht ein, diese Art von Argumentation ist fern ab jeglicher Realität und zeugt von Unwissen. Das wiederum könnte am TV Konsum liegen denn es spiegelt genau das wieder, was das TV heutzutage vermittelt: gefährliches Halbwissen.
Als das Privatfernsehen auch in Deutschland Mitte der 80er eingeführt wurde, fand ich das phantastisch: Endlich kommt Bewegung in die müde Deutsche Fernsehlandschaft, bei der kurz nach Mitternacht Feierabend war. Das Programm fand auf zwei Kanälen statt, die Dritten zählte nicht so ganz, denn wer schaut sich schon "wir sprechen Russisch" an mit einer Filmqualität die selbst von der DDR in den 1950ern überboten wurde.
Nun sehe ich die Sache anders. Hier geht es nicht um Inhalte, sondern um möglichst viele Quoten zu gewinnen - egal, was läuft, und wenn es Folter, Entwürdigung und Bloßstellen von Menschen oder Sterben live ist. Trauriger Höhepunkt des Versagens des Privatfernsehen und seiner perversen Ideologie des Quotenfangs war der 11. September 2001, als ich Menschen aus dem Fenster in den Tod springen sah, live übertragen. Sat1, Pro7 & Co., die alle blitzschnell zusammenschalteten und das selbe Programm sendeten (einmalig in der Fernsehgeschichte) freuten sich: Noch nie waren die Quoten so gut, noch nie sahen so viel Menschen zu. Geschäfte machen mit dem Tod von Menschen - sorry, mir wird schlecht. Lieber bleibe ich arm und und muss mein Gewissen nicht so beschmutzen, wie es das Deutsche Privatfernsehen tut. Wer so etwas nötig hat, entwürdigt eigentlich nicht die Rezipienten, sondern sich selbst. Die "Unterhaltung" des Privatfernsehens ist zwar moralisch nicht so verwerflich, aber - von Ausnahmen abgesehen - schlicht von miserabler Qualität: PPP eben.
Wer heute überhaupt noch Privatfernsehen schaut, gibt sich der Peinlichkeit preis. Nein, Privatfernsehen gehört nicht verboten - es gehört einfach nur boycottiert.
Killerspiele, blöd saufende Kids...
Tolle Argumente und Verallgemeinerung der Jugend.
Früher waren es Splatter- und Zombiefilme und seit ein paar Jahren
hauen die Populisten auf die Ego-Shooter-Kiddies ein.
Gesoffen und gekifft wurde auch schon seit eh und je aber wenn
man erwachsen ist kann man sich an solche Dinge natürlich nicht mehr erinnern.
Anbei machen es die Erwachsenen auch perfekt vor!!!
BTW ich bin älter als 30 Jahre.
Ein paar BILD-Zeitungsartikel über Kiddies, die es übertrieben haben und schon
geht dieses jämmerliche Gekreische von vorne los. Letzte Woche waren es die schlimmen
PKWs mit ihren Emissionen Hauptsache man lenkt vom eigentlichen Thema ab.
Vielleicht sollte man sich auch einmal Gedanken darüber machen warum einige Kinder saufen.
Aber hierzulande sind Gesetzte, Verbote und Preisdiktaturen das Mittel um jedes Problem zu lösen
Zum eigentliche Thema zurück - interpretiere ich das also richtig :
Sie nehmen ein hundsmiserables TV-Programm ( Radio ebenso ) mit der sehr weit
hergeholten und zweifelhaften Begründung in Schutz, das dies besser als Saufen und Ego-Shooter
spielen wäre?!? Saufen und Ego-Shooter spielen ist aber bestimmt auch besser als Tankstellen auszurauben.
Eine tolle Argumentation, oder?!?
T.D.
P.S. Editiert, da das Forumsscript Beiträge mit Sonderzeichen nicht korrekt darstellt!!!
interpretiere ich das also richtig :
Sie nehmen ein hundsmiserables TV-Programm ( Radio ebenso ) mit der sehr weit
hergeholten & zweifelhaften Begründung in Schutz, das dies besser als Saufen & Ego-Shooter
spielen wäre?!? Saufen & Ego-Shooter spielen ist aber bestimmt auch besser als Tankstellen auszurauben.
Eine tolle Argumentation, oder?!?
T.D.
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