Interview nach Gedicht-Debatte Grass beklagt Kampagne gegen sich

Der Dichter wehrt sich: Am Tag nach der Veröffentlichung seines Israel-kritischen Gedichts in der SZ meldet sich Günter Grass in Interviews zu Wort, versucht seine Thesen zu untermauern und attackiert all jene, die ihm widersprochen haben. Besonders vehement prangert der Nobelpreisträger dabei eine "Gleichschaltung der Meinung" in Deutschland an.

Günter Grass fühlt sich falsch verstanden und ist empört. Empört darüber, wie mit ihm und seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" umgegangen wird. Einen Tag lang hat er geschwiegen, hat gelesen und gehört, wie in Deutschland und in der Welt die Kritik an seinen Worten immer lauter wurde. Nun sagt er: "Der Tenor durchgehend ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einzulassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt" Es würden alte Klischees bemüht. Zum Teil sei es auch verletzend.

Das sagte Grass dem NDR. Auch Tom Buhrow von den ARD-Tagesthemen hat der Literaturnobelpreisträger ein Interview gegeben, das online bereits vorab veröffentlicht wurde. Hier sagte er, dass in den Medien gegen ihn gewettert werde, er von vielen Menschen aber Zuspruch erhalte. Auf die Frage, wie er die Zustimmung von Rechten sehe, entgegnete Grass, sein Motto sei diesbezüglich "bloß keine Angst vor dem Beifall der falschen Seite".

Der Nobelpreisträger hatte das Gedicht am Mittwoch in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Darin warf er der "Atommacht" Israel vor, mit der Bedrohung Irans den Weltfrieden zu gefährden. Er äußerte Zweifel, ob das iranische Regime über eine Atombombe verfügt. Zudem kritisierte Grass die deutsche Haltung in der Frage und prangerte mutmaßliche U-Boot-Lieferungen an Israel an.

Mit seiner Stellungnahme löste der Schriftsteller eine heftige politische Debatte aus. Kritiker warfen ihm unangemessene Äußerungen, viele sogar Antisemitismus vor. Auch außerhalb Deutschlands stieß das Gedicht überwiegend auf scharfe Kritik.

Grass kritisierte nun im Gespräch mit dem NDR, in Deutschland stehe "eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund". Es sei auch vorauszusehen gewesen, dass sogleich "mit dem Begriff Antisemitismus gearbeitet" würde. "In einer der Springer-Zeitungen stand 'der ewige Antisemit', das ist eine Umkehrung des 'ewigen Juden'. Das ist schon verletzend und ist demokratischer Presse nicht würdig", so Grass.

Grass wiederholte in dem Gespräch auch seine Befürchtungen, ein Angriff Israels auf Iran würde unweigerlich einen Gegenschlag durch Teheran sowie die Einmischung anderer Staaten in der instabilen Region nach sich ziehen. Das sei "äußerst gemeingefährlich". Während Iran nicht die Macht habe, einen Krieg auszulösen, habe die "Atommacht" Israel diese sehr wohl.

Grass wehrte sich in den Tagesthemen vehement gegen den Vorwurf, einseitig Israel zu kritisieren und Iran auszusparen. Kritik an der Politik Teherans werde berechtigterweise überall geäußert und er habe sich daran auch beteiligt.

Er mache sich allerdings Sorgen um Israel, "so wie sich auch viele Israelis Sorgen um ihr Land machen", etwa in Bezug auf die Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten - in seinen Worten "Enteignungspolitik" und "Besatzungspolitik". Es gebe "nur wenige Länder, die UN-Resolutionen so missachten wie Israel", so Grass.

"Ich wünschte mir viele, die aus Freundschaft und Sorge um Israel dieses Tabu des Schweigens brechen", so der Schriftsteller. Die Israelis selbst übten letztlich "mehr als die Deutschen" Kritik an der eigenen Politik. Zugleich trete im Land aber ein "Machtcharakter" in den Vordergrund und dies werde von Schriftstellerkollegen wie Amos Oz dort auch beim Namen genannt.

Die Äußerungen von Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad - von der Leugnung des Holocaust bis zu der Drohung der Auslöschung Israels - bezeichnete Grass als "Blödsinn und Lügen". Diese seien aber bekannt. "Ich rede über Dinge, über die nicht gesprochen wird".

So empfinde er es als "Schande", dass ein Land mit der Geschichte Deutschlands einer der größten Waffenlieferanten der Welt sei. Warum er für seine eigentlich politischen Anliegen die Form des Gedichts gewählt habe, erklärte Grass unter anderem mit Verweis auf Vorbilder wie Walther von der Vogelweide, Heinrich Heine und Bertolt Brecht.

Auf die Frage Buhrows, ob es sich bei seiner Israel-Kritik möglicherweise um eine Besessenheit handle, wies der Nobelpreisträger darauf hin, dass er sich auch zu anderen politischen Themen äußere, etwa zur Umwandlung der alten Bundeswehr in eine "Söldnerarmee".

"Diese Sorge teilt er mit einer ganzen Menge Menschen"

Unterstützung hatte der Schriftsteller zuvor aus der Kulturszene erhalten. "Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden", sagte der Präsident der Akademie der Künste in Berlin, Klaus Staeck, der Mitteldeutschen Zeitung und zu Deutschlandradio Kultur. Die "reflexhaften Verurteilungen als Antisemit" empfände er als nicht angemessen. Grass habe lediglich seiner Sorge über die Situation im Nahen Osten Ausdruck verliehen. "Diese Sorge teilt er mit einer ganzen Menge Menschen", sagte Staeck.

Der israelische Historiker Tom Segev kritisierte hingegen den Dichter scharf. Er habe den Eindruck, dass Grass vor allem von seinem eigenen langen Schweigen über seine Vergangenheit bei der Waffen-SS getrieben sei, sagte Segev zu Spiegel Online. Zudem verdrehe Grass die Tatsachen. "Der Unterschied ist, dass Israel im Gegensatz zu Iran noch niemals erklärt hat, dass es irgendein Land von der Weltkarte streichen will, während Iran Tag und Nacht verspricht, dass man Israel aus der Welt schaffen will", sagte Segev in Anspielung auf Aussagen Ahmadinedschads.

Zugleich relativierte Segev aber auch die Relevanz der rhetorischen Intervention von Grass. Die meisten Reaktionen in Israel seien eher achselzuckend nach der Art des jiddischen Ausdrucks: "Hot er gesogt", was so viel bedeute wie ein augenzwinkerndes "Na wenn schon". Grass sei in Israel einfach keine "bedeutende moralische Institution".

Auf die Kritik Segevs angesprochen, erklärte Grass, er akzeptiere Kritik und Wünsche, es müsse aber ihm überlassen bleiben, über was er arbeite.