Graphic Novel Zeitreisen sind auch keine Lösung

Mit der Graphic Novel "Patience" zeigt sich der amerikanische Zeichner Daniel Clowes auf der Höhe seines Könnens. Er setzt den alten Wunsch in Szene, Geschehenes rückgängig machen zu können.

Von Christoph Haas

Daniel Clowes versteht sich darauf, Leser neugierig zu machen. Das beginnt schon bei den barock-verschnörkelten oder lakonischen Titeln, die der 1961 geborene US-Amerikaner seinen Graphic Novels gibt. "Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln" (1993), "Ghost World" (1997), "David Boring" (2000), "Der Todesstrahl" (2011) - da schwingt stets ein Hauch von Camp mit, ein ironisch gebrochenes Versprechen von Sensationen und Mystery. So ist man auch sofort bereit, eine tiefere Bedeutung dahinter zu vermuten, dass Clowes' aktuelles Werk "Patience" heißt. Es ist der Name der weiblichen Hauptfigur, aber bedeutet eben auch "Geduld".

Durch das auffällige, knallbunte Retro-Design des Covers, das sich im Innern fortsetzt, springt der Band sofort ins Auge. Clowes hat im Lauf der Zeit eine eigene, sehr amerikanische Version der Ligne claire entwickelt. Seine Panels und Seitenlayouts sind übersichtlich und eher statisch. Zugleich ist aber der Einfluss der EC-Comics der Fünfziger spürbar, sowohl was die Crime-, Horror- und Science-Fiction-Motive als auch was die Tendenz zum Grotesken angeht. In "Patience" verbindet sich dies mit einem psychedelischen Pop-Appeal. Das passt dazu, dass Raum und Zeit hier gründlich durcheinandergeraten.

Alfred Hitchcock und David Lynch sind Clowes' große Vorbilder

Alles beginnt im Jahr 2012. Jack und Patience sind ein Paar. Sie erwartet ein Kind, auf das beide sich freuen, auch wenn sie bereits jetzt kaum wissen, wie sie sich über Wasser halten sollen. Dann passiert das Grauenvolle: Als Jack eines Abends nach Hause kommt, liegt seine Frau erschlagen auf dem Teppich. Jack wird des Mordes verdächtigt, landet im Gefängnis, wird schließlich freigelassen und macht sich auf die Suche nach dem Mörder. Aber alle Spuren, denen er mit wachsender Verzweiflung folgt, führen ins Nichts.

Im Jahr 2029 ist Jack grau, einsam und verbittert. Eine Prostituierte, der er zufällig begegnet, erzählt ihm, dass einer ihrer Kunden dabei sei, eine Zeitmaschine zu entwickeln. Der Mann erweist sich als ein dicker, lächerlicher Nerd - aber seine Erfindung funktioniert! Jack reist zurück ins Jahr 2006, in eine Provinzstadt, wo Patience unglücklich ihr Dasein fristet. Jack will mit aller Macht verhindern, dass ihr zukünftig etwas zustößt. Aber dies erweist sich - natürlich - als schwieriger als gedacht. Als er nach einer brutalen Schlägerei vor der Polizei fliehen muss, katapultiert es ihn weiter zurück in der Zeit, ins Jahr 1985.

Ein sehr guter Zeichner war Clowes immer. Inzwischen ist er auch als Szenarist auf der Höhe seines Könnens angekommen. Egal welche erzählerische Option er wählt, er weiß deren spezifischen Vorgaben zu erfüllen. In "Der Todesstrahl" kam ein junger Mann unvermutet zu übermenschlichen Kräften und einer futuristischen Waffe. Das war im Grunde eine klassische Superheldenstory, die Clowes aber so distanziert und unernst schilderte, dass er sie als pubertäre Fantasie entlarvte. "Patience" gibt sich dagegen ganz den Freuden des Genres hin; die Plot Twists und Figuren sind aber interessant genug, um ein Versanden im Trivialen zu verhindern.

Zwei Schlüsselsequenzen am Anfang und im letzten Drittel des Comics sind spiegelbildlich aufeinander bezogen. Da macht sich zunächst Jack Vorwürfe, weil er Patience verschwiegen hat, welch erbärmlichen Job er in Wahrheit hat. Vor der Wohnungstür stehend, beschließt er, ihr endlich die Wahrheit zu sagen - aber da ist sie schon tot. Viel später dann, als aus Patiences Sicht erzählt wird, erfährt man, dass sie zur selben Zeit Jack ebenfalls Schwerwiegendes verheimlicht hat und deswegen befürchtet, seiner nicht wert zu sein. Verharren im Leid, drängende Gefühlsqualen, knappes Verpassen von Glück und Erfüllung: Von Hitchcock und David Lynch, seinen großen Vorbildern, hat Clowes gelernt, dass actionreiche Geschichten ihre Wirkung erst dann richtig entfalten, wenn sie in Wahrheit verkappte Melodramen sind.

"Patience" schließt nicht mit der naheliegenden, moralischen Pointe, dass aus dem Wunsch, Geschehenes rückgängig zu machen, nichts Gutes erwachsen kann. Für seine Hartnäckigkeit und Geduld wird Jack vielmehr belohnt. Dafür hat er allerdings einen doppelten, schmerzlichen Verzicht zu leisten: Wenn im Namen der Liebe ein Zeitparadox provoziert wird, ist das Happy-End zugleich der Moment, in dem die Ordnung des Kosmos wiederhergestellt werden muss.

Daniel Clowes (Text und Zeichnungen): Patience. Aus dem Amerikanischen von Jan Dinter. Reprodukt Verlag, Berlin 2017. 180 Seiten, 29 Euro.