Graphic Novel Linientreu

Zu neuen Ufern: Zwanzig Jahre nach Hugo Pratts Tod setzen die beiden Spanier Rubén Pelejero und Juan Díaz Canales die Serie "Corto Maltese" im Geist ihres Schöpfers fort.

Von Alex Rühle

Da sitzt er unterm Baum und denkt nach. Vielleicht ja über Fluch und Segen des Ruhms. Warum er überhaupt da lehnen und so tun muss, als würde er einen Brief von Jack London lesen. Dabei hat er das doch seinerzeit so meisterhaft hingekriegt mit dem Verschwinden. Spanischer Bürgerkrieg, seine Spur verliert sich im Staub der Geschichte, danach ward er nie mehr gesehen. Und jetzt soll er plötzlich nach Alaska?

Vielleicht denkt er auch viel grundsätzlicher nach, zum Beispiel darüber, warum ausgerechnet ein Einzelgänger, Skeptiker und Zivilisationsflüchtling wie er zu einer Marke, schlimmer noch zu einem Brand des Kulturbetriebs werden musste, den man nach Belieben neu verkaufen kann. Oder ob er überhaupt noch er ist, wenn ihm nicht sein eigentlicher Schöpfer, der große Hugo Pratt, das Leben einhaucht, sondern irgendein Spanier.

Aber erstens ist Corto Maltese keiner, der sich empören würde. Er hat noch jeden Auftrag klaglos angenommen. Der Brief seines Freundes Jack London soll nach Alaska? Bitte schön, schon zwei Bilder später geht Maltese in Nome von Bord und macht sich auf die Suche nach Waka Yamada, einer japanischen Prostituierten, in die London einst verliebt war und der er nun ein Erbe übertragen will.

Melville, Rimbaud, Stevenson waren die literarischen Gefährten des einsamen Helden

Außerdem: Maltese war mystischen Experimenten nie abgeneigt. Warum also nicht auch die eigene Auferstehung mitnehmen, nach 25 Jahren Pause wiederbelebt werden und sich ins nächste Abenteuer stürzen? Und warum sich dabei nicht von zwei neuen Menschen leiten lassen? Aber der Reihe nach.

Es ist ja erst mal seltsam, dass Corto Maltese hierzulande nie so bekannt wurde wie in Frankreich oder Spanien. Dabei waren die politischen Verhältnisse in Deutschland Ende der Sechzigerjahre noch bleierner, enger als in Frankreich. Dort erfand der gebürtige Italiener Hugo Pratt 1967 die Figur dieses Seemanns und damit eine Art Antidot zur Tristesse des kalten Kriegs: Die Welt war politisch erstarrt im Blockdenken, die letzten weißen Flecken waren von den Landkarten verschwunden, und selbst die wenigen Alternativreisenden wussten, dass Hans-Magnus Enzensberger Recht hatte mit seinem vernichtenden Diktum über den gerade erst entstehenden Individualtourismus: "Indem wir finden, was wir suchen, zerstören wir es."

Pratt setzte seinen Helden in eine doppelte Ferne: Er schickte ihn zum einen in die Vergangenheit, die Zeit der allerletzten Abenteurer und Entdecker. Die Geschichten spielen alle zwischen 1915 und 1925. Und so viel wie Maltese in den insgesamt zwölf Bänden unterwegs ist, könnte man von Road Novels sprechen - wenn er denn auf Straßen unterwegs wäre. Aber Straße, das heißt Zivilisation. Corto Maltese schlug sich - immer im Seemansmantel und mit Kapitänsmütze - durch Gegenden, die noch nicht durchkartografiert sind, wo noch Wildnis wuchert und Geheimnisse schlummern: die Mandschurei, Sibirien, der Urwald von Brasilien. Die langen Reisen, am liebsten auf schlanken Segelschiffen, vertrieb er sich mit seinen besten Freunden, den Autoren, die ihm verwandt sind: Melville, Rimbaud, Stevenson. Es gibt wohl keine andere Comicfigur, die derart oft lesend gezeigt wurde.

Pratt hat mit den Geschichten um seinen Seemann die Graphic Novel erfunden, schließlich gab es das davor nicht, Comics mit über 160 Seiten Umfang. Genauso wenig wie Geschichten mit derart ambivalenten Figuren: Maltese selbst ist ja kein strahlender Held, sondern ein so schweigsamer wie autonomer Beobachter, der sich zwar immer wieder auf die Seite der Schwächeren stellt, aber doch stets für sich bleibt. Und der eine Welt durchstreift, in der die Grenzen fließend sind, die zwischen Gut und Böse genauso wie die zwischen Ländern: In "Das Goldene Haus von Samarkand" sagt er einmal: "Soldaten vom türkisch-kurdischen Regiment. Die sind gefährlich. Man weiß nie, auf welcher Seite sie stehen."

Merkwürdig aktuell wirken diese Geschichten heute, Geschichten, "in denen Grenzen nicht mehr gelten, in denen ethnische, politische, religiöse Linien sich kreuzen wie auf einem Zeichentisch, ein Gewirr, das die Vermessung der Erde unleserlich macht", wie der Philosoph Tristan Garcia über Maltese schreibt.

Gut also, dass der kleine Comicverlag Schreiber & Leser vor zwei Jahren damit begonnen hat, alle 12 Maltese-Bände auf Deutsch herauszugeben, jeweils sowohl im schwarz-weißen Original, für die Puristen, als auch in Farbe: Pratts langjährige Mitarbeiterin Patrizia Zanotti kolorierte die Bände jeweils nach. Und mutig, dass Schreiber & Leser jetzt auch den ersten Corto Maltese herausgibt, der nicht aus Hugo Pratts Feder stammt: Die Spanier Rubén Pelejero und Juan Díaz Canales versuchen, 20 Jahre nach Pratts Tod mit "Unter der Mitternachtssonne" die Serie in dessen Geist fortzusetzen. In Frankreich tobte vor dem Erscheinen des Bandes ein Glaubenskrieg, ob das erlaubt und was überhaupt noch echt sei in diesen Zeiten: Erst hätten Frédéric Mébarki und Jean-Yves Ferri "Asterix" nach Schottland entführt, jetzt wollen auch noch zwei Spanier den größten Einzelgänger der Comicgeschichte für sich vereinnahmen.

Pratt selbst hat jedoch mehrfach betont, er könne sich ein Weiterleben seines Helden durchaus vorstellen, und eigentlich ist es ja auch nur konsequent, wenn ein dermaßen unabhängiger Geist nicht von seinem einstigen Erschaffer abhängt.

Fast schon zu perfekt eifert hier der Zeichner Rubén Pellejero dem berühmten Vorbild nach

Juan Díaz Canales trifft Pratts lakonischen Ton ziemlich gut, und auch der Plot erinnert an Pratts Geschichten: Unwegsame Gegenden (Alaska, Kanada, Packeis). Ein stoischer Held, der selbst in dieser Eiseskälte nicht daran denkt, sein dünnes Mäntelchen endlich mal gegen eine Funktionsjacke einzutauschen. Und Begegnungen mit seltsamen Menschen, bei denen man sich immer fragt, ob es sie wohl wirklich gegeben haben mag: der afro-amerikanische Abenteurer Matthew Henson, der zusammen mit dem Polarforscher Robert Peary mehrere Nordpolexpeditionen unternahm, aber nie an dessen Ruhm partizipieren durfte; Ulkurib, der Inuit, der in der kanadischen Wildnis Robespierre liest und die Guillotine einführt; oder besagte Waka Yamada, Jack Londons große Liebe, die in Alaska für die Frauenrechte kämpft. Der Zeichner Rubén Pellejero ist extrem bemüht, Pratt linientreu zu kopieren. Zuweilen stört gerade das Perfekte an seinen Bildern: Pratt hatte oft einen wilden Strich, viele seiner Kampfszenen zeigen eher rohe Bewegungsenergie als realistische Körper. Hier hingegen wirkt jeder Faustschlag abgezirkelt. Außerdem ist alles perfekt koloriert, das hat digitale Rechnerqualitäten, die nicht zum Original-Maltese passen: Zanotti hatte die Pratt-Zeichnungen wässrig und mit luftigem Strich koloriert, wodurch die Konturen weicher und fließender wurden und die Körper manchmal in die Hintergrundnatur übergingen, was natürlich herrlich romantische Effekte hat. Insgesamt aber ist "Unter der Mitternachtssonne" ein so gelungener wie eiskalter Einstieg in die Welt des Corto Maltese.

Juan Díaz Canales, Rubén Pellejero: Corto Maltese Bd. 13: Unter der Mitternachtssonne. Verlag Schreiber & Leser, Hamburg 2015. 100 Seiten, 24,80 Euro.