Graphic Novel "Einmal durch den Louvre" Wo geht's denn hier zur Kunst?

Im vergangenen Jahr sind zehn Millionen Besucher durch den Louvre geströmt. An Spitzentagen sind das mehr als im Hamburger Flughafen. Schlangestehen ist hier fast so etwas wie ein Spektakel für sich. Deshalb zeigt der Zeichner David Prudhomme der "Mona Lisa" die kalte Schulter - und porträtiert stattdessen ihre geduldigen Verehrer.

Von Johannes Spengler

Die Geschichte des Comics "Einmal durch den Louvre" ist schnell erzählt: Auf der Suche nach seiner Freundin irrt der Zeichner David Prudhomme durch die insgesamt zwölf Kilometer langen Gänge des "Museumswesens", wie er den Louvre nennt. Doch darum geht es gar nicht. Worum es geht, das sind die Heerscharen von Besuchern, die das Pariser Museum bevölkern, den Ausstellungsraum mit Leben füllen und Prudhomme als Ausgangsmaterial für seine ironischen Beobachtungen dienen.

Auf seinem Streifzug durch das Museumswesen eröffnet sich dem Zeichner ein Kaleidoskop von Eindrücken, die er in flüchtigen, karikaturhaften Bleistiftzeichnungen festhält. Jedes Bild ist ein Porträt von einem der Vorübergehenden, einem Besucher, der danach wieder in der Masse verschwindet. Die Gemälde hingegen stellt Prudhomme bloß als graue Schlieren dar, die sinnlos an den Wänden hängen. Präsent sind sie trotzdem ständig, als Bildzitate, die mit viel Witz und Ironie arrangiert wurden.

Freiheitsikone mit Staubwedel statt Trikolore

Da ist zum Beispiel die Museumsführerin, die vor dem Gemälde "Die Freiheit führt das Volk an" von Eugène Delacroix steht und an die Revolutions-Ikone erinnert, die hinter ihr an der Wand hängt. Statt einer Trikolore hält sie allerdings einen Staubwedel in der Hand. Einige Räume weiter befindet sich eine Gruppe von Statuen - allesamt mit überdimensionierten Penissen ausgestattet. Davor mehrere Männer, die fragend an sich hinunterschauen, während die einzige Frau in der Gruppe ein Foto von den steinernen Geschlechtsorganen schießt.

Es sind detailverliebte Szenen wie diese, die "Einmal durch den Louvre" so besonders machen, weil hier die überschwängliche Bildsprache des Comics mit dem demütigen Ernst der Kunst verschmilzt. Eine Verbindung, die gar nicht mal so abwegig ist. Prudhomme bemerkt bereits auf den ersten Seiten, dass er sich im Louvre fühlt wie in einem Comic. "Überall Panels an den Wänden", sagt er und vergleicht die gerahmten Gemälde mit einzelnen Bildern auf einer Comic-Seite.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Schließlich sind die Panels in einem Comic durch eine Geschichte miteinander verbunden. Die Gemälde in einem Museum hingegen stehen für sich. Deshalb verschiebt Prudhomme die Perspektive, stellt die Gemälde in den Hintergrund, sprengt ihren Rahmen, um sie als Zitat in seine Geschichte einzugliedern und im Kontext des Ausstellungsraumes zu betrachten. Was dabei entsteht, ist ein interessantes Spannungsverhältnis zwischen Objekt und Beobachter, das die Frage aufwirft, wie wir Kunst überhaupt aufnehmen?