Graphic Novel Ein Rudel weißer Wölfe

In "Madgermanes" erzählt Birgit Weyhe vom Schicksal dreier ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik.

Von Thomas von Steinaecker

Es ist eine unglaubliche und immer noch kaum bekannte Geschichte, die dieser Comic erzählt: Ab 1979 schickte die neue Regierung Mosambiks fast 20 000 Vertragsarbeiter ins kommunistische Schwesterland DDR. Es winkten eine gute Ausbildung und hohe Löhne, die nach der Rückkehr ausbezahlt werden sollten. Nur: Alle Versprechungen erwiesen sich als heiße Luft. Die Auswanderer wurden als billige Arbeitskräfte verheizt; und auch von ihrem Geld sahen sie nie etwas. So kommt es, dass heute Besucher der Hauptstadt Maputo Zeuge eines surreal anmutenden Schauspiels werden können: Mosambikaner, die mit der DDR-Flagge in den Straßen weiter für ihr Recht demonstrieren.

Aus Gesprächen mit diesen sogenannten Madgermanes, eine Wortneuschöpfung aus "Made in Germany", hat die Comic-Künstlerin Birgit Weyhe drei fiktive Lebensläufe destilliert. Zunächst sind da der sensible José und das sympathische Großmaul Basilio. Der eine will Lehrer, der andere Architekt werden, auf jeden Fall fühlen sich beide als Teil einer neuen Elite ihres Landes. Und auch nach ihrer Ankunft in einem tristen Ost-Berliner Wohnheim herrscht noch die aufgeregte Stimmung einer Klassenfahrt, auf der Sensationen wie Schnee genauso zu bestaunen sind wie weiße Frauen und Filme wie "Die Geschichte vom kleinen Muck". Aber rasch stellt sich Ernüchterung ein: Nicht nur die strengen Regeln und Pünktlichkeit sind gewöhnungsbedürftig; im vermeintlich gelobten Land sind Schwarze allen Versprechungen zum Trotz lediglich geduldete "Schokomänner", die niedere Dienste verrichten.

Nach der Wende entlädt sich der latente Rassismus mit voller Wucht

Also schuftet José noch verbissener, Basilio hingegen lässt sich gehen. Als die selbstbewusste Annabella in Josés Leben tritt, scheint wieder alles möglich zu sein; beide erkunden gemeinsam die DDR und träumen von einem besseren Leben. Und auch Basilio findet eine deutsche Partnerin und mit ihr neuen Halt. Doch als Annabella gegen alle Vorschriften schwanger wird, kommt es zum Drama. Es droht die Abschiebung. Und dessen nicht genug: Nach der Wende entlädt sich der bis dahin lediglich latente Rassismus mit voller Wucht, sodass die meisten Madgermanes nach mehr als einem Jahrzehnt nach Mosambik heimkehren.

In ihrer Heimat, die nach einem blutigen Bürgerkrieg ebenfalls der kommunistischen Ideologie abgeschworen hat und nur allmählich zur Ruhe kommt, will jedoch keiner etwas von ihnen wissen. Was sie gelernt haben, wie zum Beispiel die Produktion von Wärmflaschen, ist absurd überflüssig; ja, sie werden als arrogante und vermeintlich reiche "Weiße" verachtet, obwohl die eigene Regierung sie um ihre Löhne betrogen hat. Verkehrte Welt: Am Ende wird ihnen sogar auch hier das Haus angesteckt. Es bleibt das bittere Fazit: "Wir sind alle ohne Bindung, ohne Anker, schwebend zwischen den Kulturen. Egal, ob wir zurückkehren oder bleiben."

Einer der Männer hat ein Buch mit Sprichwörtern auswendig gelernt, um in der DDR als "authentischer" Afrikaner zu gelten

Birgit Weyhe, selbst in Ostafrika aufgewachsen, ist wie schon in dem autobiografischen Vorgänger "Im Himmel ist Jahrmarkt" mit allen postmodernen Wassern gewaschen. Die Geschichten der Hauptfiguren José, Basilio und Annabella sind als Interview-Monologe angelegt, die gleich eingangs die Unzuverlässigkeit der Sprecher betonen. "Auf die Erinnerung ist kein Verlass", meint etwa der grüblerische José, während Basilio großspurig behauptet: "Mein Gedächtnis ist ein klarer See - ich kann bis auf den Grund sehen." Weil Weyhe aber die Schicksale sich nacheinander und mittels fingierter Dokumente entwickeln lässt, ergeben sich immer neue Perspektiven und Widersprüche, der schönste vielleicht gegen Ende: Basilio flicht in seinen Bericht unentwegt afrikanische Weisheiten ein und zwar in einem Maß, dass man als Leser denkt, die Autorin übertreibe es nun aber doch ein wenig - bis sich herausstellt, dass Basilio ein Buch mit Sprichwörtern auswendig gelernt hat, um in der DDR als "authentischer" Afrikaner zu gelten.

Wie es dem Comic trotz der komplizierten Anlage gelingt, diesen theoretischen Überbau fast nie aufdringlich wirken und die Schicksale der Madgermanes zu tief bewegenden Bild-Erzählungen werden zu lassen, ist große Kunst. Das beginnt bei den zweifarbigen Tuschezeichnungen: Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer enormen Reduktion, die Szenarien eher andeutet als ausführt und die Fantasie anregt, wird der Leser unmittelbar ins Geschehen hineingezogen. Weyhe entwickelt jenen assoziativen Stil fort, den sie schon in ihren anderen Büchern pflegte und der hier um afrikanisch anmutende Motive erweitert wird, etwa wenn Josés Angst vor der ungewohnten Kälte durch ein Rudel weißer Wölfe visualisiert wird, das ihn umzingelt. Wie Weyhe dann das heimliche Herzstück des Buches, einen erschütternden Brief aus der Heimat, präsentiert, ist einfach nur meisterhaft: Auf einer Doppelseite lesen wir das handgeschriebene Dokument und durchleben gleich im Anschluss, ähnlich der Hauptfigur, einen Blackout, nach dem erst langsam die Wahrnehmung wiederkehrt.

Es wäre verfehlt, würde man dieses Buch auf die historische Episode reduzieren. Keine Frage, die wird hier mustergültig aufbereitet. Doch letztlich sind die drei Geschichten in "Madgermanes" (im Avant Verlag, Berlin 2016, 240 Seiten, 24,95 Euro) vom Verlust der Heimat in ihrer bloß scheinbaren, dabei aber ergreifenden Einfachheit von universalem Anspruch. Das macht den Band nicht nur zu einem der Höhepunkte des laufenden Comicjahres - in Erlangen bekam er kürzlich einen Max-und-Moritz-Preis -, sondern auch der jüngsten deutschsprachigen Comicgeschichte.