Graffitisprayer "OZ" Punkt, Punkt, Opa, Strich

Auf 120.000 Stück schätzt die Polizei das Gesamtwerk des Graffiti-Sprayers "OZ" - viele vermuten eine ganze Bande hinter dem Kürzel. Aber dann steht ein ergrauter, erkälteter Mann vor einem, der mit hessischem Akzent ein wenig nuschelt.

Von Ronen Steinke

Von der S-Bahn-Haltestelle fällt etwas gelbes Licht hinter den Gitterzaun, es ist Nacht im Hamburger Schanzenviertel. Der 60-jährige Walter Josef F., in Jeans und Kapuzenjacke, zeigt auf etwas, das hinter den Gitterstäben liegt, im Halbdunkeln: Im spitzen Winkel zwischen Bahngleisen und Hauswand hat sich jemand die Mühe gemacht, ein Mauerstück voll zu sprühen, mit wild gekräuselten schwarz-weißen Schlangenlinien, die von kleinen geometrischen Formen umschwirrt werden - und sich aus der Entfernung betrachtet zu einem großen Smiley zusammenfügen. "Na, wie findest du die Stelle?", fragt er. Hinter dem Gitterzaun sieht das Ganze eigentlich kein Mensch. "Aber da wird es auch nicht gleich wieder weggemacht!" Schelmisches Kichern.

Schon mehrfach saß "OZ" für seine Sprayereien im Gefängnis, das Bild zeigt ihn bei einem Prozess im Jahr 1999. Jetzt steht der älteste Graffiti-Künstler Deutschlands bald wieder vor Gericht.

(Foto: DPA)

Weggemacht wurden in Hamburg schon viele Tausende von F.s Graffiti. Zigtausend weitere hat er über die ganze Stadt verteilt. Vor allem Smileys sind darunter. F.s gesprühtes Markenzeichen, das hier ausnahmsweise alleine vor sich hin lächelt, wiederholt sich entlang der Hamburger S-Bahnstrecken oft schon auf wenigen Metern hundertfach, es säumt Stromkästen und Mülleimer rund um die Alster, setzt sich von dort in langen, dichten Reihen nach St. Georg fort, übersät Poller im aufgestylten Schanzenviertel ebenso wie Laternenpfosten im behäbigen Ohlsdorf. Auf rekordverdächtige 120000 Stück schätzte die Polizei F.s Gesamtwerk bereits im Jahr 2002 - eine solche Menge, dass viele in der Hansestadt eher eine ganze Sprayer-Bewegung hinter "OZ", wie sich Herr F. nennt, vermuten.

Aber dann steht ein zierlicher, ergrauter, erkälteter Mann vor einem, der unter seinem borstigen Schnurrbärtchen ein wenig mit hessischem Akzent nuschelt. F. hat Spaß daran, im Gehen auf verblassende Smileys an den unmöglichsten Stellen hinzuweisen, und er achtet wie zuvor am Gitterzaun geschickt darauf, mit keiner Silbe seine Urheberschaft zu bekennen - etwa wenn er auf ein gesprühtes Lächeln weit oben an einer Hauswand zeigt und sagt: "Das sieht lustig aus, oder? Da hat sich einer was bei gedacht." Und was?

Was denkt sich der Sprayer, dessen naives Punkt-Punkt-Strich so gar nicht hineinpassen will zwischen die unzähligen nach Szeneruhm schreienden Namensschriftzüge jüngerer Graffitikünstler, und der sie in dieser Stadt, zumindest quantitativ, dennoch alle in die Tasche steckt? Der sogar ganze Lattenzäune oder Betonflächen bunt gemustert und, für Sprayer eigentlich undenkbar: unsigniert zurücklässt?

Aus dem Ziegelsteinhaus der Werbeagentur "Jung von Matt" fällt in dieser Nacht noch Licht auf die Straße. Man steht hier zwar inmitten einer bunt beschmierten Häusergegend. An diesem Ziegelsteinhaus allerdings, so schimpft F., bestehe die Besonderheit, dass jedes Graffiti bereits am nächsten Tag wieder entfernt sei. Just von jenen "selbst ernannten Kreativen" also, die inzwischen sogar Graffitimotive in ihre Arbeiten einbauen. Das ärgert F. ein bisschen. Als ein junger Mann aus der Agentur mit Trainingsjacke und 50er-Jahre-Hut vor ihm in ein wartendes Taxi steigt, dreht sich der Künstler weg.

Am Rücken des mit 60 Jahren sicher ältesten Sprayer Deutschlands schlabbert ein Sportrucksack, die Füße stecken in abgewetzten Adidas-Schuhen, F. sagt "geil" und "Bullen" (freilich nicht im selben Satz). Aufgewachsen ist er in einer ganz anderen Welt. In einer sehr katholischen. Ein uneheliches Kind bedeutete da vor allem, dass geredet werden würde, und so hat die Mutter den kleinen Sohn schnell "beiseite geschafft", wie F. heute sagt: in ein Heim bei Worms, wo Nonnen herrschten. Wo geschlagen wurde.

Jüngere Sprayer mögen heute vielleicht HipHop. F., der in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren vergeblich versuchte, irgendwo Boden unter die Füße zu bekommen, der sich zeitweise als Gärtner verdingen konnte und obdachlos wurde, mag Blues. Weil es "die Musik der unterdrückten Schwarzen" ist, wie er sagt. Und weil er die Farbe Blau mag.

Wer als Heimkind gegenüber den Ordensschwestern nicht aufmucken durfte, der konnte freilich noch auf andere Weise rebellieren: mit heimlichen Kritzeleien. Die brachte man am besten im öffentlichen Bereich des Hauses an. Dort sah es zwar nie so kahl aus wie in den durchgenormten Schlafräumen. Aber dort konnten sie auch keinem Heimkind mehr zugeordnet werden.

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