"Fuocoammare"-Sieg bei der Berlinale Nicht überraschend, trotzdem richtig

Freute sich über den goldenen Bären für seinen Dokumentarfilm "Fuocoammare" - und holte alle auf die Bühne, die ihm einfielen: Gianfranco Rosi.

(Foto: dpa)

"Fuocoammare" bekommt den goldenen Bären. Die anderen Filme auf der Berlinale hatten gegen die Flüchtlings-Doku keine Chance.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Es soll ja Menschen geben, die das Wort "Flüchtlingskrise" nicht mehr hören können. Diese werden über die Entscheidung der Berlinale-Jury nicht glücklich sein. Wer allerdings die italienische Flüchtlingsdoku "Fuocoammare" gesehen hat, der versteht, warum sie Samstagnacht mit dem Goldenen Bären zum Siegerfilm der Berlinale gekürt wurde: Man kommt schlicht nicht drumherum.

Ja, es hätte andere Filme gegeben, die den goldenen Bären 2016 verdient hätten. "24 Wochen" etwa, der einzige deutsche Film im Wettbewerb, ein anrührendes Familiendrama um ein ungeborenes behindertes Kind. Ein wichtiges, unterschätztes Thema, dazu mit Julia Jentsch und Bjarne Mädel ein grandioses Schauspielerduo. Ginge es um Ästhetik, hätte "Genius" gewinnen können, der Film über den Durchbruch des US-Schriftstellers Thomas Wolfe, schön irre gespielt von Jude Law, groß herausgebracht in den 1920er Jahren von seinem britischen Lektor, den Colin Firth bezwingend zurückhaltend meistert.

"Nach dem Holocaust vielleicht die größte Tragödie"

Doch wir stecken derzeit nun einmal mitten in einer großen Flüchtlingskrise, und längst ist dazu noch nicht alles gesagt. Das zeigt "Fuocoammare" ("Feuer auf dem Meer") von Gianfranco Rosi sehr anschaulich. Seine Doku von der Insel Lampedusa, wo seit vielen Jahren unzählige Geflüchtete ankommen, tot oder lebendig, ist ein wertvoller zeitgeschichtlicher Beitrag dazu, dass "wir nach dem Holocaust vielleicht gerade eine der größten Tragödien erleben, die die Welt je gesehen hat", wie der 51-jährige Regisseur auf der Pressekonferenz zu seinem Film sagte.

Was sein Film vor allem leistet, ist die Veranschaulichung der Dualität, die das Flüchtlingsdrama begleitet. Da stranden echte Menschen in Italien, gar nicht so weit von Deutschland entfernt. Sie haben 1500 Dollar gezahlt für einen Platz an Deck eines Schlepperbootes, 1000 Dollar für einen Platz im Rumpf oder 800 Dollar für einen Platz im Bug eines solchen Bootes. Weil es dort unten entsetzlich heiß werden kann, wenn fast 500 Menschen ein kleines Boot bevölkern, das sieben Tage lang auf See ist, kommen immer wieder viele Leichen auf Lampedusa an. Kranke Kinder, gerade gestorbene schwangere Frauen, verdurstende Männer mit zuckenden Leibern. Weinende Witwen. Totgeborene Flüchtlingsbabys.

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