Goethe in Venedig Der Anstößige

In Venedig erinnert nun eine Tafel an Goethes zweiten Aufenthalt in der Lagunenstadt. Damals schrieb er seine "Venezianischen Epigramme", die oft radikal wirken, zum gängigen Goethe-Bild nicht passen wollen.

Von Kristina Maidt-Zinke

Venedig hatte in letzter Zeit eine schlechte Presse. Ein besinnungslos befeuerter Massentourismus, der Pesthauch der Kreuzfahrtriesen, ein dubioses Schleusenprojekt, der schleichende Ausverkauf der Bausubstanz an global operierende Konzerne, ein Bürgermeister mit John-Wayne-Attitüde - solche Verhältnisse bringen die Lagunenstadt immer mehr in Verruf. Aber es gibt auch gute Nachrichten. Zum Beispiel die, dass an diesem Montag, an Goethes Geburtstag, am Canal Grande unweit der Rialtobrücke eine Gedenktafel eingeweiht wird, die an des Dichters zweiten venezianischen Aufenthalt im Frühjahr 1790 erinnert. Der war, im Vergleich zu seinem ersten Besuch während der italienischen Reise im Herbst 1786, der interessantere und produktivere, ist jedoch viel weniger bekannt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Venezianischen Epigramme, die literarische Frucht jener zweiten Begegnung mit der Stadt im Wasser, von der germanistischen Forschung stiefmütterlich behandelt wurden, da sie allerlei politisch, religiös und erotisch Anstößiges enthalten - oder, wissenschaftlich ausgedrückt, "radikale, mit dem gängigen Goethebild schwer zu vereinbarende Positionen".

Als Goethe diese "Ferklein" - wie Caroline Schlegel sie liebevoll nannte - produzierte, wohnte er in der "Locanda Della Tromba" , zu Deutsch: Pension "Zur Trompete". Sie lag an der Riva del Carbon, dem Kanaluferstück, das nach den einst dort befindlichen Holzkohlelagern benannt ist, genau zwischen dem Rialto und dem Palazzo Farsetti, in dem sich heute das Rathaus von Venedig befindet (im Volksmund "Farsetti Real Estate", wegen der Immobiliendeals der Stadtregierung). Die Pension gibt es längst nicht mehr, aber das Haus steht noch da, und nachdem vor einigen Tagen drei "marmisti" aus Bologna mit großem Vergnügen und handwerklicher Akribie die sechzig Kilo schwere Tafel zwischen den Fenstern des ersten Stocks angebracht haben, ist die Erinnerung an das, was hier vor 227 Jahren Gestalt gewann, buchstäblich in Stein gemeißelt. Im Parterre befindet sich, was zu Goethe in seiner Eigenschaft als Naturforscher wie die Faust aufs Auge passt, ein Optikerladen.

Nun ist es ja mit Gedenkplaketten aller Art so eine Sache. Aus Frankreich weiß man, dass Napoleon, hätte er überall dort logiert, wo es ihm nachgesagt wird, kaum mehr Zeit für seine Eroberungsfeldzüge gefunden hätte. Doch im Fall des venezianischen Quartiers, in dem Goethe fast zwei Monate verbrachte, ist alles durch wasserdichte Indizien abgesichert: Der in Bologna lebende Germanist Stephan Oswald hat für sein 2014 erschienenes Buch "Früchte einer großen Stadt - Goethes Venezianische Epigramme" (SZ vom 25. Juni 2015) in lokalen Fremdenregistern recherchiert, die kurz nach der Französischen Revolution zugleich Listen der berüchtigten Staats-Inquisition waren, und den Gast ausfindig gemacht, obwohl er dort nur unter falschem Namen, beispielsweise als sächsischer Rat Gaeta, auftaucht.

Die genaue Verortung der Unterkunft anhand von Goethe-Briefen und alten Stadtkarten nahm dann fast kriminalistische Züge an. Ihr Ergebnis wiederum begeisterte den Weimarer Freundeskreis des Goethe-Nationalmuseums derart, dass mit einer Spendenaktion die Erinnerungstafel finanziert werden konnte.

Provisorisch enthüllt wurde sie schon im vorigen Jahr, aber bis zur Anbringung galt es noch, bürokratische Hürden zu überwinden, einige davon mit Possencharakter. Das Deutsche Studienzentrum in Venedig und die Deutsch-Italienische Kulturgesellschaft (die im Palazzo Albrizzi das Quellen- und Bildmaterial der Recherche in einer Kabinett-Ausstellung zeigt) schalteten sich fördernd und schirmherrschaftlich ein. Schließlich besann man sich gar auf die Segnungen der Technik: Mittels Skype-Schaltung wird die Einweihung des Quasi-Denkmals aus Venedig nach Weimar übertragen, sodass der im Garten des Goethehauses versammelte Freundeskreis den Festakt per Großbildschirm verfolgen kann. Und wenn dort, traditionsgemäß pünktlich zum Glockenschlag zwölf, auf den Dichter angestoßen wird, sollen auch in Venedig die Gläser klingen - mit thüringischem Wein. Das allerdings in den Räumen des benachbarten Kulturdezernats, da eine Sondergenehmigung für ambulanten Alkoholkonsum auf offener Straße, wenn überhaupt, nur für Plastikbecher erteilt worden wäre.

Eines ist sicher: Die Erinnerung an Goethe, zumal an einen aufsässigen, ja "radikalen" Goethe, bringt eine kleine Dosis guten Geist in die gebeutelte Stadt. Möge er kräftig herumspuken.