"Girl on a train" von Paula Hawkins Nur ein geklonter Coup?

Stilisiert, wie Autoren und Autorinnen in der Buchwerbung oft aussehen: Paula Hawkins.

(Foto: Random House)

Paula Hawkins' "Girl on a Train" erinnert nicht nur vom Titel her an Gillian Flynns "Gone Girl". Jeder Figur ist das Schlimmste und zugleich das Harmloseste zuzutrauen. Trotzdem ist das Buch solide Thrillerarbeit.

Von Bernd Graff

Natürlich war es auch böswillig, wie Peter Sloterdijk in der letzten Woche in der Bild die Frage nach den Gründen für das Phänomen Helene Fischer beantwortete: "Helene Fischer ist wahrscheinlich eine solide Schlagerarbeiterin. Und da Unterhaltung für die unterbeschäftigten Massen sowieso der Ernstfall ist, übt Helene Fischer einen systemrelevanten Beruf aus." Böswillig war die Bemerkung von den "unterbeschäftigten Massen" und dem "Ernstfall Unterhaltung". Denn nur in dem Ambiente von Dauerunterhaltung für Unterbeschäftigte kann die Trällertante Helene Fischer zur soliden Schlagerarbeiterin werden.

Nimmt man Sloterdijk aber ernst in dieser Beobachtung, dann ist an "solider Schlagerarbeit" tatsächlich rein gar nichts auszusetzen. Was solide ist, funktioniert verlässlich. Das ist oft viel besser als Extravaganz und exzeptionelle Qualität, die nur punktuell und nur den wenigen aufleuchtet. Man bejubelt ja auch nicht die unermüdliche Leistung des Kühlschranks, es reicht, dass er beständig kühlt.

Reiner Trash verkauft sich schlecht, selbst wenn man ihn verlagstechnisch aufpumpt

Die spitzbübische Denkbewegung Sloterdijks sollte man im Hinterkopf haben, wenn man den Roman "Girl on the Train" der britischen Autorin Paula Hawkins zur Hand nimmt. Eigentlich ist dieser Spannungsroman ein literarisches Debüt. Die Autorin, die in Simbabwe aufwuchs und seit 1989 in London lebt, hatte 15 Jahre als Wirtschaftsjournalistin gearbeitet, dann unter dem Pseudonym Amy Silver unbeachtete Liebesromane verfasst und schließlich beschlossen, nun unter eigenem Namen einen letzten Versuch im literarischen Fach zu unternehmen.

Herausgekommen ist dieser Thriller, der in den Vereinigten Staaten inzwischen unter dem Kürzel "GOTT" firmiert. Dann wissen alle, dass es sich um "Girl on the Train" handelt. Denn die englische Originalfassung, die Anfang des Jahres erschien, hat es binnen kürzester Zeit auf eine Auflage von drei Millionen gebracht, sowieso die englischsprachigen Bestsellerlisten gestürmt und sich da wochenlang gehalten. Die deutsche Fassung von Mitte Juni ist schon auf Platz 14 der Amazon-Liste für alle Buchverkäufe geklettert.

Dieser raketenrasante Erfolg einer Newcomerin war dem Spiegel anscheinend so suspekt, dass dort in der Besprechung von "GOTT" unter dem Titel "Bastelanleitung für einen Bestseller" der "systematische" Aufbau eines "Welterfolgs" durch "Lektoren, Agenten und Marketingexperten" dafür verantwortlich gemacht wurde. Man habe ein "Vermarktungsspektakel" inszeniert. "Leseproben" habe es auch gegeben. Der Artikel insinuiert, "GOTT" sei in der Retorte gezüchtet und mit Werbe-Amphetaminen künstlich hochgejazzt worden. Irgendwie unlauter scheint das alles. Der Artikel gipfelt im Satz, dass die "Autorin nun Einblicke in ihr Leben gewähren und geschminkt für Fotos posieren muss". Mit Verlaub, lieber Spiegel, geht's noch?

Tatsächlich funktioniert der Buchmarkt ja so, tatsächlich arbeiten da Menschen für den Erfolg von Büchern. Stellt er sich ein, spielt dabei dann aber weniger Schminke als vielmehr der Inhalt eines Buches die entscheidende Rolle. Reiner Trash verkauft sich schlecht, selbst wenn man ihn verlagstechnisch aufpumpt - die Werke von Sebastian Fitzek und E. L. James einmal ausgenommen.