Von Gottfried Knapp

Vom Schautempel der Nazis zur Kathedrale der Kunst: Wie Gilbert & George das Haus der Kunst in München zur Kirche umwidmen - im Namen der Filzlaus.

Paul Ludwig Troost, der Architekt des Hauses der Kunst, hätte seine Freude gehabt, wenn er je eine Malereiausstellung erlebt hätte, die sich so wollüstig in die Monumentalarchitektur seines Kunsttempels hineinschmiegt wie die Riesenbilder des britischen Künstlerduos Gilbert & George. Dass ihn das, was auf den Bildern in grellbunten Farben und maßlosen Vergrößerungen zur Schau gestellt ist, ähnlich entzückt hätte, darf bezweifelt werden, aber die vitale Korrespondenz zwischen dem Quadratmuster der Solnhofener Platten am Boden, dem Quadratraster der Gitterroste an den Oberlichtdecken und den streng rechteckig unterteilten Foto-Tableaus an den Wänden hätte ihn begeistern müssen.

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Begeistert von den Vorgaben der Architektur sind jedenfalls die beiden Künstler, die hier ihr Lebenswerk in einzigartiger Fülle ausbreiten können. Gilbert & George haben angesichts der hierarchisch gegliederten Raumfolgen erstmals auf eine zeitliche Ordnung ihres Werks verzichtet. Für sie ist der Schau-Tempel der Nazis eine Kathedrale der Kunst, in die sie die fehlenden Farbfenster einsetzen dürfen. Und tatsächlich wächst ihren hinter Glas grell in drei, vier Grundfarben aufglühenden, von Rechteckrahmen zerschnittenen Schaubildern erstmals etwas zu von jener kalten Buntfarbigkeit neugotisch-viktorianischer Kirchenfenster, die den beiden Farbskulpteuren vorgeschwebt hat.

Frisch verliebt

Bis ins Detail wird in der Ausstellung das Kathedralmuster durchgespielt. Das Mittelportal, das von Hitlers Ehrenhalle aus in den Osttrakt, also in die derzeitige St. Gilbert & George Cathedral hineinführt, wird von den ersten Porträtzeichnungen der beiden damals frisch verliebten Kunststudenten flankiert: Wie Apostel im Gewände eines gotischen Doms hängen Gilbert, gezeichnet von George, und George, gezeichnet von Gilbert, symmetrisch rechts und links neben der Eingangstür.

Der schäbige Zustand der beiden Blätter - sie waren offensichtlich schon einmal zerknüllt und wurden für diesen Auftritt wieder aufgebügelt - macht freilich klar, dass bei all der kultisch exhibitionistischen Selbstüberhöhung, in die sich die beiden Herren gerne hineinsteigern, immer eine gehörige Portion britischen Humors mitschwingt.

Durch das Portal betritt man die Vorhalle der G & G Kathedrale. In ihr sind die "Schmutzigen Wörter" aus den 70-er Jahren zusammengefasst: wandhohe Schwarz-Weiß-Fotomontagen, auf denen sich die beiden Selbstdarsteller grafisch effektvoll mit Graffiti und zwiespältigen Figuren aus ihrer Umgebung mischen. Vor diesen Foto-Pionierarbeiten wird deutlich, warum die beiden Künstler bei ihren gemeinsamen Arbeiten zur symmetrischen Darstellung verdammt sind: weil sie sich als gleichgeschlechtlich-gleichgewichtiges Paar auf ihren Bildern jeweils nur in gleichen Haltungen abbilden können.

Im riesig ausladenden Mittelschiff der Kunstkirche ziehen G & G mit dem achtzehn Meter breiten, vierteiligen Bekenntniswerk "Death Hope Life Fear" mächtig vom Leder. Umschlossen von knallfarbig-dynamischen Formationen junger Männer, die für "Hoffnung" und "Furcht" stehen, formieren die mehrfach übereinandergestülpten Umrisse von Gilbert und George auf der Tod-Seite eine Art Flamme, die von Rosen unterlegt ist, auf der Leben-Seite aber eine Art Baumstamm, der mit seinen riesigen seitlichen Blättern auch ein monströses Insekt sein könnte.

Auf der gegenüberliegenden Wand geht es geradezu fundamentalistisch zu. Nach dem Attentat auf die Londoner U-Bahn haben G & G die Schlagzeilen des Evening Standard gesammelt und sich selbst in elektronisch grotesken Verzerrungen und Verstümmelungen, als wären sie ein zentraler Teil des Medienspektakels, blutrot zwischen die monotonen "Bombs"-Worttafeln gesetzt.

Solche privatistischen Anverleibungen öffentlicher Katastrophen kann nur verstehen und ertragen, wer die Poetik der beiden Selbstdarsteller kennt. Ende der 60-er Jahre wollten sie - Bildhauerstudenten an der Londoner St. Martin's School of Art - wie viele junge Menschen anders sein als die Lehrergeneration. Sie weigerten sich also strikt, jemals ein plastisches Objekt zu fertigen, wollten aber dem Begriff "Skulptur" durchaus die Treue halten. So kamen sie als trainierte Dandys auf die ergiebige Idee, sich selber als lebende Kunstwerke, als Skulpturen auszugeben.

Tadellos gekleidete Herren auf Holztischen

In den abgedunkelten Treppenhallen des Hauses der Kunst laufen die Filme über die damaligen Aktionen. Die Verblüffung von einst über die tadellos gekleideten Herren auf den Holztischen, über ihre bronzierten Gesichter, ihre zeitlupenhaften Bewegungen und die todernst abgesungenen Lieder teilt sich durchaus auch heute noch mit, doch am meisten bewundert man, dass die beiden Skulpteure bei ihrem Tun so perfekt das Lachen unterdrücken konnten.

Ein paar Jahre reisten G & G mit dieser Nummer durch die Avantgardegalerien der Welt, dann mussten sie sich etwas Neues zum Thema Skulptur einfallen lassen. Sie begannen nun paper sculptures zu fertigen, wunderbar atmosphärische Kohlezeichnungen größten Formats, für deren Fotovorlagen sie als verliebtes Paar an einem phallisch gereckten Baumstamm posierten. Doch da der Kunstbetrieb extrem gierig über diese geschickt mit Kaffee verfremdeten Schwulen-Idyllen herfiel - endlich war etwas Verkaufbares in Aussicht -, zogen sie ihre Erfolgs-"Skulpturen" rasch wieder vom Markt zurück; 30 Jahre lang hat sie niemand mehr zu sehen bekommen.

Erst nach ein paar schweren Schaffenskrisen - die Gordon's-Flasche war die Zentralskulptur dieser Jahre - fanden G & G die Methode, mit der sie sich als gewachsene Skulpturen dauerhaft und in immer neuen Varianten präsentieren konnten. Sie begannen sich gegenseitig zu fotografieren und konzentrierten sich bildnerisch immer ausschließlicher auf das Eigene, auf die eigenen Weltvorstellungen, Ängste und Wünsche, auf den eigenen Körper, die eigene Sexualität, die eigenen Gliedmaßen und Körperöffnungen, ja selbst die eigenen Ausscheidungen unterzogen sie im vorgerückten Selbsterforschungsstadium mikroskopisch genauen Untersuchungen und breiteten die entdeckten bizarren Strukturen im Namen der Filzlaus, die sie zu ihrem Wappentier machten, auf riesigen farbigen Wandfeldern genüsslich aus.

Man mag jede der so entstandenen intimen Leibes- und Seelenvisitationen für geschmacklos halten, in der Bilderflut, die im Haus der Kunst auf zwei Stockwerken über die Besucher hereinbricht, wachsen die Rätsel der frühen Schwarz-Weiß-Kompositionen und die ironisch gebrochenen Schrecklichkeiten des Spätwerks zu einem Werkkomplex zusammen, der einem immer wieder den Atem nimmt.

Gilbert & George. Die große Ausstellung. Haus der Kunst, München, bis 9. September. Info: 089 / 211 27 113. Katalog (Hatje Cantz) 24,80 Euro.

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(SZ vom 11.6.2007)