Er verreist nie, denn "es gibt nie etwas Schönes": Michel Houellebecq etwas widerwillig über sein Regiedebüt, unschöne Genitalien und sinnlosen Urlaub.
Zuweilen könnte man auf dem Filmfestival von Locarno meinen, man läuft hier durch eine Filmkulisse, so lieblich hügeln sich die Berge um den tiefblauen Lago Maggiore, so kurortmäßig schmiegt sich das Städtchen an das Ufer des Sees. Michel Houellebecq, der beim Festival seinen ersten Langfilm, eine Anlehnung an seinen Roman "Die Möglichkeit einer Insel" vorstellt, hat sich für seine Interviews allerdings den trostlosesten Ort ausgesucht, den Locarno zu bieten hat: Er sitzt bei knapp dreißig Grad im Fell-Parka neben einem Parkplatz, denkt nach, raucht - und manchmal sagt er sogar etwas. Ihm gegenüber: Ehefrau Marie-Pierre. Unterm Tisch: Hund Clement.
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Michel Houellebecq als Regisseur. Beim Filmfestival in Locarno war sein Buch "Die Möglichkeit einer Insel" als Film zu sehen. (© Foto: AP)
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SZ: Monsieur Houellebecq, immerzu werden Sie als der große Romantiker gesehen, der seine Sehnsucht mit Zynismus kaschiert. Ihr Film spart Romantik völlig aus, es gibt viele kühle Totalen und nur einen sehr langen Close-up-Blick, der so etwas wie Verliebtsein andeutet. Warum?
Michel Houellebecq: Ich wollte alle Sentimentalität vermeiden.
SZ: Ist Sex auch sentimental?
Houellebecq (schaut zu seiner Ehefrau hinüber): Oh, das denke ich schon. Es ist zumindest eine gute Möglichkeit, Sentimentalität zu leben.
SZ: Zeigen Sie deswegen keine Sexszenen?
Houellebecq: Wenn man Sex zeigt, gibt es immer ein Problem mit den Männern; die männlichen Genitalien sind einfach nicht schön. Ich habe schon einmal einen erotischen Kurzfilm gemacht, darin waren aber nur Frauen beim Sex zu sehen. Doch bei einem längeren Film nur vögelnde Frauen zu zeigen, ist ja langweilig. Sex lässt sich nicht verfilmen, darüber kann man höchstens schreiben.
SZ: Der Standardvorwurf gegenüber Literaturverfilmungen ist: hat nichts mit dem Buch zu tun. Dieser Vorwurf wird auch Ihnen gemacht.
(Houellebecq schaut dem Rauch seiner Zigarette hinterher, schweigt).
SZ: Nun ist es aber doch Ihr Buch, das Sie da verfilmt haben. Was wollten Sie da eigentlich hinzufügen?
Houellebecq: Hinzufügen wollte ich nichts! Ich glaube, es ist auch gar keine gute Idee, diese Frage zu beantworten. Denn jede Antwort wäre dumm. Doch was man natürlich sagen kann, ist dies: Fast alle französischen Autoren haben gedreht. Sie haben zwar wenig miteinander zu tun, etwa Marcel Pagnol und Jean Cocteau oder Sacha Guitry, die sind wirklich völlig unterschiedlich. Ich habe einfach die Notwendigkeit gespürt. Doch wenn ich Ihnen nun persönliche Gründe nennen müsste, dann würde ich wahrscheinlich ein paar Punkte vergessen. Deshalb lasse ich es ganz.
SZ: Kann es sein, dass Sie vor Bildern mehr Respekt haben als vor Worten?
Houellebecq: Ja.
SZ: Sie haben zwei Jahre Film studiert. So gesehen sind Sie kein Amateur. Hat Ihnen das Regieführen gefallen?
Houellebecq: Teilweise. Das Shooting selbst ja. Ich habe beim Filmen immer alles verworfen und neu überlegt. Es ist nicht so, dass ich nicht wusste, was ich zeigen will. Ich wusste es eigentlich immer ganz genau. Aber das Schneiden später mochte ich nicht, diesen Film in eine feste Form zu zwingen.
SZ: Beim Betrachten der langen Wüstensequenzen denkt man als Zuschauer: Der Film hätte gut auch noch zwei oder zehn Stunden länger sein können.
Houellebecq: Oh ja, das gefällt mir. Ein Film, bei dem man zwischendurch auch mal rausgehen und eine rauchen kann, ohne dass man etwas Wesentliches verpasst. Das ist amüsant.
SZ: Ihr Freund Frédéric Beigbeder sagte kürzlich in einem Interview, Sie hätten beim Regieführen all Ihren Humor verloren.
Houellebecq: Das hat er mir auch selbst gesagt. Doch er meinte die Ironie, nicht den Humor. Er sagt, der große Unterschied zwischen Literatur und Kino ist, dass sich Kino und Ironie widerspricht. Und in diesem Punkt stimme ich ihm zu. Es ist unmöglich, im Kino ironisch zu sein, weil Ironie auf Vieldeutigkeit basiert. Das Kino aber ist immer eindeutig.
SZ: Haben Sie vor, noch weitere Filme zu drehen?
Houellebecq: (nagt an seiner Zigarette, sie ist am Ende ganz weichgebissen): Ich weiß nie, was ich als Nächstes mache, ganz ehrlich. Ich bin keine Person, die gerne Pläne macht.
SZ: Schopenhauer sieht den Menschen zwischen Langeweile und Schmerz pendeln. Wo stehen Sie?
Houellebecq: Ich langweile mich nie. Leiden kann ich schon. Ja doch, ich habe Talent dazu. Aber es geht nicht darum, ob das Leben nun vergnüglich ist oder nicht. Ich halte es da mit Spinoza: "Alles Sein will sich in seinem Sein erhalten." Das ist keine Wahl, es geht um etwas Tieferes. Vielleicht zuerst einmal: Hör mit dem Warum-Fragen auf.
SZ: Können Sie das denn?
Houellebecq: Ja! Man muss. Das ist eine intellektuelle Entscheidung. Das Leben wird besser, wenn man aufhört, sich Fragen zu stellen, auf die es keine Antwort gibt.
SZ: Viele Szenen des Films spielen in Benidorm, einem albtraumhaften Touristenort, und in beinahe allen Ihren Romanen ist der Urlaub ein zentrales Motiv. Verreisen Sie gerne?
Houellebecq: Ich mache nie Urlaub. Ich reise sehr viel, aber das hat immer einen beruflichen Hintergrund. Ich frage mich selbst, ob das denn so eine gute Idee ist, denn ich sehe nie etwas. Es gibt nie etwas Schönes.
SZ: Was bedeutet das Motiv des Urlaubs für Sie?
Houellebecq: Es ist ein interessanter Moment, ein Augenblick im Leben, in dem Menschen eigentlich glücklich zu sein haben. Deshalb gibt es diese ganze Tourismusindustrie. Aber das ist auch ein riesiger Druck.
SZ: Aber wenn Sie sich jetzt hier umschauen, die Berge, der See. . .
Houellebecq (guckt, als würde er Berge und See jetzt erst bemerken): Oh ja. Ich würde gerne einmal wandern gehen.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
(SZ vom 18.8.2008/sst)
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Houellebecq ist ein bisschen wie Medizin: hilft, schmeckt aber furchtbar bitter. (Er könnte sicherlich ein interessanter Autor sein, wäre er nur nicht so schrecklich ungenießbar...)