Interview: Alexander Gorkow

Humor hält jung: Der lebende Beweis Bette Midler über Sex im Alter, Vulgarität in Las Vegas und warum sie keine "Hockey Mum" ist.

Das wohltemperierte Connaught in London Mayfair. Ein Hotel wie ein Seufzer in rauen Zeiten. Bette Midler in einem aparten, klugerweise konservativen Kostüm. Sie ist klein - und riesengroß! Die Augen funkeln vor Lebensfreude, und ihre Körpersprache ist die einer Lady, die vulgär sein kann, es aber eigentlich nicht ist. Sie sieht so fabelhaft aus, dass hiermit bewiesen ist: Humor hält jung.

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Derzeit ist Bette Midler in ihrer Revue "The Showgirl must go on" in Las Vegas zu sehen. (© Foto: AP)

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SZ: Mrs. Midler, ich habe eigentlich nur Fachfragen.

Bette Midler: Sind unanständige dabei?

SZ: Nein, nein. Ihre Antworten darauf wären ja eh besser als die Fragen.

Midler: Ich habe zumindest schon schmutzige Witze gemacht, als Sie noch recht klein waren, nehme ich an, oder?

SZ: Machen Sie in Ihrer Show in Las Vegas immer noch schmutzige Witze?

Midler:Oh ja! Nicht nur. Aber unter anderem.

SZ: Welche Richtung?

Midler:Sex im Alter. Das ist wirklich das ganz große Ding. Todsichere Lacher.

SZ: Aha . . . es gibt bei uns in Deutschland in diesen Wochen einen Kinofilm, der sehr sensibel mit diesem Thema verfährt.

Midler:Sensibel?

SZ: Also . . . dass Sex im Alter normal ist.

Midler:Natürlich ist er das. Viele haben ihn.

SZ: Und dass diese Normalität aber von einer Gesellschaft verdrängt wird, die immer nur die Jugend . . .

Midler:. . . hören Sie, das alles ist sicher absolut wundervoll. Aber es ist - wie gesagt - für viele Leute normal, im Alter Sex zu haben. Dieser Sex sieht nur oft nicht mehr so richtig toll aus, oder? Hahaha! Und er bringt peinliche Probleme mit sich. Also, die Gesellschaft mal hin oder her - aber dieses Thema ist wirklich viel zu gut, um Lacher zu verschenken!

SZ: Sind die Leute im Caesars Palace nicht sauer, wenn Sie sich da lustig machen?

Midler:Nein, also . . . wissen Sie, wenn sich zwei Leute lieben und die haben tollen Sex oder auch mal eine Weile keinen tollen Sex, wieso sollten die sich von mir die Stimmung verhageln lassen? Jeder, der Glück hat, wird alt. Diese Witze treffen also jeden. Nein, die Leute haben Humor. In Deutschland wird ja auch gelacht!

SZ: Bei uns gibt es nichts zu lachen.

Midler: Wieso das denn nicht?

SZ: Humor hat ein schlechtes Image bei uns.

Midler:Wirklich? Das ist aber auch schon wieder recht komisch, oder?

SZ: Aus der Entfernung vielleicht.

Midler:Gibt es keine komischen Sendungen?

SZ: Da treten Komiker mit Schellenmützen und lustigen Frisuren auf.

Midler:Verstehe . . . Keine guten Leute?

SZ: Es gibt ein paar. Aber die geben sich keine Mühe mehr. Die Witze sind Mist.

Midler:Die Witze müssen gut sein. Wenn Sie gute Autoren haben, können Sie alles machen - den letzten Schweinekram sogar!

SZ:Hat sich der Humor in Hollywood oder in Las Vegas verändert?

Midler:Er ist gnadenloser geworden. Die ganze Welt ist gnadenloser geworden.

SZ: Ihre Kunst ist es immer gewesen, dass Sie die Leute zum Lachen bringen wie auch zum Weinen. Solche Entertainer gibt es nicht mehr viele, oder?

Midler:Da haben Sie Recht. Es ist klassifizierter, dieser ist für diese Witze zuständig, der da hinten für die anderen. Es ist auch böser geworden, more machismo . . . Aber es ist okay, ich meine, Larry David ist beleidigend, aber eben auch gut, oder?

SZ:Den kennt in Deutschland kaum wer.

Midler:Das ist nicht wahr!

SZ:Die Fernsehsender haben sich in harter Arbeit ein Publikum erzogen, das diesen Humor einfach nicht mehr versteht.

Midler:Wie komisch! Das ist wirklich komisch! Vermutlich ist es tragikomisch.

SZ:1978 sind Sie in Deutschland aufgetreten und haben die reichen Leute aus der ersten Reihe beleidigt. Ich habe hier eine Rezension dabei, aus der Zeit . . .

Midler:. . . zeigen Sie! Wöana Börkert heißt der Autor. Ist es eine gute Rezension?

SZ:Werner Burkhardt war ein wunderbarer Kritiker.

Midler:Hat ihm die Show gefallen?

SZ:Er hat die Show geliebt.

Midler:Wie schön! Und ich habe die Leute im Theater beleidigt? . . . Was schreibt er da?

SZ:Sie haben gesagt: "Hier vorne sitzt die Prominenz mit den Freikarten, und jeder von ihnen macht ein Gesicht, als wollte er sagen: Meine Scheiße stinkt nicht."

Midler:Mein Gott! Das habe ich gesagt?

SZ:Steht hier.

Midler:Furchtbar! Plötzlich bekommt man das wieder hingeknallt! Nach 30 Jahren!

SZ:Bringen Sie solche Dinger bei Ihrer Show heute in Las Vegas auch noch?

Midler:Nicht ganz so! Nein. Ich war ja damals erst 32 Jahre alt. Jesuschrist!

SZ:Sind Sie heute weniger vulgär - oder ist das System Las Vegas weniger vulgär?

Midler:Hmm, gute Frage . . . schwierig.

SZ:Und?

Midler:Ich glaube: Hurra, Las Vegas ist wieder dabei, sich meinem insgesamt vulgären Niveau anzupassen! Wie Sie vielleicht wissen, versuchten die Manager in Vegas über Jahre, in Richtung Family Entertainment zu gehen. Teils etwas grotesk . . .

SZ:Was waren die Gründe?

Midler:Da es in dieser Stadt um Geld geht, waren es finanzielle Gründe. Man dachte, wenn man aus Sin City eine Fun City für die Familie macht, bringt es Geld. Kinder sind ja kleine Terroristen, die sich so lange auf dem Strip wälzen, bis der Papa vor Erschöpfung Tickets kauft. Für ein Musical mit sprechenden Tieren.

SZ:Das saubere Las Vegas passte auch zu einem konservativen Amerika.

Midler:Es passte auch in die Stimmung, ja. Mein Las Vegas war es nicht. Wissen Sie, ich liebe den Mythos um die Stadt, ich liebe die Sünde, ich liebe den Westen, ich liebe Männer, die trinken und dann vom Pferd fallen . . . Ich liebe diese Stadt. Es ist die Stadt, in der ich geheiratet habe, und zwar nicht zufällig und unter Drogen, sondern: bewusst. In Vegas sind die Leute früher nach den Shows in die Bars, und als es hell wurde, sind sie in die Wüste geritten, um dort zu frühstücken und dann ihren Rausch auszuschlafen . . .

SZ:. . . hervorragender Lebensentwurf . . .

Midler:. . . das meine ich doch auch! Und das ist es, was ich an der Las Vegas liebe: Die Leute sind sicher manchmal nicht ganz dicht. Aber häufig doch ziemlich cool.

SZ:Mussten Sie schon oft einen Rausch ausschlafen?

Midler:Was ist oft? . . . Mussten Sie es oft?

SZ:Ja. Und Sie? Alkohol? Drogen?

Midler:Ich habe Drogen genommen, natürlich, dies und das, hahaha! Aber nicht lange.

SZ:Wenn ausgerechnet Sie auch noch high sind - eine umwerfende Vorstellung!

Midler:Verlassen Sie sich drauf! Ich liiiebe es, high zu sein! Das Problem ist der Absturz danach. Ich bin dann nicht einfach ein bisschen down, verstehen Sie? Sondern: am Boden der Tonne! Sie kriegen mich da tagelang nicht mehr raus. Ich klebe fest. Nein, keine Drogen! Machen mich fix und fertig. Ich bin die Falsche.

SZ:Ist Las Vegas noch die Stadt der Sünde?

Midler:Die Manager haben immerhin gemerkt, dass sie sich von der reinen Familienunterhaltung verabschieden müssen, dafür ist eine solche im Prinzip versaute Stadt mitten in der Wüste nicht gemacht.

SZ:Ist sie noch versaut?

Midler:Ihrem Wesen nach schon. In den Off Shows. In den Clubs. Nicht in den großen Shows natürlich. Leider, leider. Als ich im Februar im Caesars Palace Celine Dion beerbte, wollte ich barbusige Tänzerinnen. Was bitte spricht gegen schöne Busen - doch eigentlich nichts, oder?

SZ:Und? Keine Chance?

Midler:Unmöglich!

SZ:Und jetzt?

Midler:Jetzt haben die Mädchen Kostüme an, die aussehen, als hätten die Mädchen keine Kostüme an - verstehen Sie?

SZ: Absurd.

Midler:Natürlich. Aber das ist nicht untypisch für das Amerika, in dem wir leben.

SZ:Sie spielen auf die Regierung an?

Midler:Aber sicher.

Lesen Sie auf Seite 2, was Midler von "Hockey Mums" hält.

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