Geschwister-Scholl-Preis Ein Buch folgt seiner Melodie

Hisham Matar wurde 1970 in New York geboren. Als Kleinkind lebte er in Tripolis, nach der Emigration der Eltern in Kairo. Seit 1986 wohnt er in London.

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Hisham Matars hat in seinem Buch beschrieben, wie eine Diktatur Familien auf Generationen deformiert. In seiner Dankesrede für den Geschwister-Scholl-Preis erklärt er, warum Literatur das Unsagbare ausdrücken kann.

Von Hisham Matar

Unter all den Büchern über den Arabischen Frühling ist dies ein Solitär. Hisham Matars "Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater" (Luchterhand Literaturverlag) beschreibt die Rückkehr des Autors nach Libyen, das Land seiner Kindheit, in dem sein Vater als prominenter Oppositioneller Jahrzehnte im berüchtigten Abu-Salim-Gefängnis einsaß und sehr wahrscheinlich dort starb. Nun ist Gaddafi gestürzt, und Matar unternimmt einen letzten Versuch, das Schicksal des Vaters zu klären. Doch Hisham Matar, der arabische und englische Lyrik las, ehe er den ersten Roman anrührte, beschreibt nicht nur einen historisch einmaligen Moment, sondern auch jene so schwer durchschaubaren Rituale, die diesen isolierten, eingeschüchterten, stolzen Menschen das Überleben ermöglichten. Und er beschreibt, wie eine Diktatur Familien auf Generationen deformiert. In seiner Dankesrede für die Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises am Montag in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität macht er klar: Die Verheerungen, die repressive Regime in einer Gesellschaft anrichten, gleichen sich auf erschreckende Weise. Wir dokumentieren die Rede in Auszügen.

"Geistige Unabhängigkeit" ist ein interessantes Kriterium für einen Literaturpreis. Indem Sie sie zu einem zentralen Moment erheben, diagnostizieren Sie eine bedeutende Gefahr, denn ist es nicht verstörend, welchen möglichen Einflussnahmen künstlerische, politische und moralische Positionen unterliegen? Vielleicht ist es kein Zufall, dass Sie sich dafür entschieden haben, den Wert geistiger Unabhängigkeit in direkte Verbindung zur Literatur zu setzen. Sie ist ein zentrales Charakteristikum dieser Kunst. Ein Buch muss seiner eigenen Melodie folgen. Genau deshalb lesen so viele von uns Bücher: wegen der Unabhängigkeit der in ihnen ausgedrückten Gedanken. Ich meine das nicht nur im offensichtlichen Sinn, dass ein literarisches Werk seiner Aussage treu zu sein hat, es muss auch sein eigenes Ende finden, frei sogar von den Absichten des Autors. Es geht also nicht nur um geistige Unabhängigkeit von den gängigen Strömungen und Zielen, dem, was wir die Manien unserer Zeit nennen könnten, sondern auch darum, und das ist vielleicht noch entscheidender, nicht für einen bestimmten Zweck eingespannt und auf ein vordefiniertes Ende hin geschrieben zu werden.

Wir suchen in der Literatur, wie ich denke, ein menschliches Bewusstsein, einen Intellekt und Geist, die wir, so paradox es klingt, unvorbereitet antreffen. Wir erleben Männer und Frauen, die in ihre eigenen Überlegungen und Beobachtungen versunken sind, mit dem eigenen Herzen ringen und deren Ausdruck ihre Grenzen erweitert. Ich weiß nicht, warum wir das tun: vielleicht, weil es uns einen Blick auf unsere wahre Natur gewährt. Ich weiß auch nicht, ob uns die Kunst zu besseren Menschen macht, aber ich glaube, sie stärkt unsere Vorstellungskraft und lässt uns dadurch womöglich toleranter werden. Und vielleicht stehen Toleranz und Vorstellungskraft in einem direkten Bezug zur geistigen Unabhängigkeit - weil wir das eine nicht ohne das andere haben können. Einer Sache bin ich mir allerdings sicher: Literatur besitzt die einzigartige Fähigkeit, das Unsagbare auszudrücken, menschliche Widersprüche und Zweifel darzustellen und zu ertragen. Wenn mir das Ihrer Meinung nach gelungen ist, freut es mich aus ganzem Herzen.

Es rührt mich zutiefst, dass dieser Preis eine Verbindung zwischen meiner Arbeit und dem Gedenken an Hans und Sophie Scholl zieht. Ich habe großen Respekt vor den Geschwistern. Ich staune über ihr außergewöhnliches moralisches Verständnis und den festen Glauben, dass ihnen die Zukunft gehörte: dass das Deutschland von morgen ihren und nicht den von den Nazis verfochtenen Werten folgen würde. Wir müssen ihre furchtlose Standhaftigkeit und ihren Glauben an die Menschlichkeit in Erinnerung behalten. Sie und ihre Studienfreunde, und auch einige Professoren der Universität, erhoben sich, als es wirklich zählte, und ihr Mut wurde getragen von einer Zuversicht, die weder zauderte noch anmaßend war.

Deutschlands selbstkritische Beschäftigung mit den Schrecken der Vergangenheit, diese lange, ernsthafte Auseinandersetzung, die nach dem Fall des Nazi-Regimes begann und bis heute andauert, wurzelt unter anderem im Verhalten der Geschwister Scholl und der übrigen jungen Männer und Frauen der Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose". Ihr Tun wirkt weit über ihre Zeit und die Grenzen Deutschlands hinaus. Nicht zuletzt inspiriert durch die Beispiele anderer vor ihnen, ermutigen die Geschwister Scholl Menschen überall auf der Welt, sich Diktatoren entgegenzustellen. Dreißig Jahre nach Hans und Sophie verfassten und verteilten auch in Libyen Studenten Flugblätter, die sich gegen einen Diktator wandten, gegen Gaddafi. Sie gingen große Risiken ein, und auch von ihnen wurden einige eingesperrt und hingerichtet. Ihre Flugblätter kommen in meinem ersten Roman "Im Land der Männer" vor, wahrgenommen durch den feinfühligen, verwirrten Blick eines neunjährigen Jungen namens Suleiman el-Dewani, der in Tripolis am Meer aufwächst.

"Irgendjemand, ein Verräter, druckte Flugblätter, auf denen er den Führer und seine Revolutionskomitees kritisierte. Morgens lagen sie wie Zeitungen vor unseren Türen. Ich sage irgendjemand, dabei müssen es Hunderte gewesen sein, vielleicht sogar Tausende, die sie mitten in der Nacht verteilten. Die Jungen und ich, wir wechselten uns mit dem Wachbleiben ab und hofften, einen von ihnen zu Gesicht zu bekommen. (...) Am Morgen, bevor Ustaz Raschid abgeholt wurde, hatten die Jungen und ich so große Langeweile, dass wir die Flugblätter nahmen und sie über die Gartenmauern warfen (...). Wir machten das nur in den Nachbarstraßen, wo wir niemanden kannten. Wir beschwerten das leichte Papier mit kleinen Steinen und warfen es über die hohen Mauern, wie sie es in den Kriegsfilmen mit Granaten machten."

Gedenken wir an diesem Tag Hans und Sophie Scholl und all der anderen Bekannten und Unbekannten unserer und vergangener Zeiten, die sich gegen Ungerechtigkeit und Fanatismus aufgelehnt haben, all jener, die, so sehr ich es ihnen nachzutun versuche, von einem tieferen Glauben an das Gute im Menschen und an sein Mitgefühl beseelt waren, die an die Kraft der Vorstellung glaubten, Gemeinsamkeiten selbst noch mit einem Feind zu finden, und die nie den so grundsätzlichen, profunden Umstand vergessen haben, dass auch die Schlimmsten unter uns unsere Brüder und Schwestern sind.

Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence