Geschlechterdebatte Deutschland, Land der Neu-Feministen

"Rosie the Riveter" warb 1941 Frauen für die Rüstungsindustrie an - feminstisch war das nicht gemeint.

(Foto: dpa)

Haben Frauen wirklich Rechte - oder nur eine Arbeitserlaubnis? Die Frage stellt sich auch nach den Übergriffen von Köln. Denn wie so oft ist Gleichberechtigung nur ein Thema, wenn sie anderen Interessen nutzt.

Von Susan Vahabzadeh

Als einig Land der Frauenrechtler präsentiert sich Deutschland seit Silvester. Der Feminismus hat sogar die AfD erfasst. Björn Höcke, dem in Deutschland sonst die Männlichkeit fehlt, echauffiert sich über Köln. "Ein Kulturbruch" seien die Belästigungen von Frauen gewesen. Oder der Neu-Feminist Henryk M. Broder, der den Autorinnen eines Artikels zur Silvesternacht, den er dumm fand, in einem Blogeintrag Erfahrungen mit der Vergewaltigungskultur des IS wünschte. Wie man sich in einer Kultur ausdrücken würde, in der Frauenrechte für sich genommen ein schützenswertes Gut sind, muss er jedenfalls noch mal üben.

Frauenrechte, hat bei der Bundestagsdebatte zu den Ereignissen von Köln am Mittwoch die Parteivorsitzende der Linken Katja Kipping beklagt, werden gerade instrumentalisiert und zur rassistischen Hetze missbraucht. Da hat sie recht. Neu ist das nicht. Man könnte eigentlich behaupten: Die Geschichte des Kampfs um Frauenrechte ist eine Geschichte der Instrumentalisierung.

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Der Feminismus war, bis vor Kurzem zumindest, eine Angelegenheit des Westens. Der wichtigste Grund dafür ist die industrielle Revolution. Bis zu ihrem Beginn waren die Rechte von Frauen kein Thema. Selbst für die Menschenrechtler, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen den Sklavenhandel kämpften, waren sie nebensächlich.

Wer keine Familie wollte, hatte die Wahl: Dienstmagd oder Prostituierte

Als es endlich um Frauen ging, hatte das wenig mit der Anerkennung ihrer Gleichwertigkeit zu tun. In den wachsenden Städten mussten einfach die patriarchalischen Strukturen neu organisiert werden, in denen Frauen oft nicht einmal Besitz- oder Erbrecht zugestanden wurde. Bis dahin hatten Frauen gefälligst im Familienverband zu leben und zu arbeiten, in dem die Rechte allein bei den Männern lagen. Die Vorstellung, eine Frau würde lieber auf sich gestellt sein, gab es nicht.

Die Möglichkeiten waren ja auch begrenzt. Wer nicht heiratete oder wenigstens zu einem Familienverband gehörte, hatte die Wahl zwischen Dienstmagd werden und sich prostituieren. Die industrielle Revolution aber erforderte Arbeitskräfte, jemand musste die neu erfundenen Maschinen bedienen. 1851 gingen fast ein Drittel der Frauen in England einem Beruf nach, in den textilverarbeitenden Fabriken stellten sie die Hälfte der Arbeitskräfte. Und wer würde da schon auf die fügsamen Frauen verzichten, denen man, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, nur die Hälfte zahlen kann? Begründen kann man das nicht - eigentlich bedeutete der Einsatz von Maschinen ja eine Entwertung der Körperkraft an sich.

So begann der Kampf um Frauenrechte - gewonnen wurde er meist nur, weil sich nebenher ein Nutzen ergab, der mit Rechten wenig zu tun hatte. Die industrielle Revolution hatte die Gesellschaftsstrukturen so maßgeblich verändert, dass irgendwas passieren musste. Die Arbeiterinnen in England, die oft noch Kinder zu versorgen hatten, sollten laut Gesetz nicht länger als zwölf Stunden täglich in der Fabrik arbeiten - nur vier Inspektoren gab es in ganz England, um das durchzusetzen. Was das bedeutete, ist demnächst im Film "Suffragette" zu sehen, in dem Carey Mulligan eine solche Arbeiterin spielt, die sich aus Verzweiflung der Suffragettenbewegung anschließt. Bezeichnenderweise ist Sarah Gavrons Film einer der ersten zu diesem Thema überhaupt.