Geschichte Gottes Gelehrte

Sie stellten Traditionen infrage, sie waren dem katholischen Klerus so suspekt wie den Aufklärern: die Jesuiten. Der Historiker Markus Friedrich schildert die Entwicklung dieses Ordens und die Motive seiner Gegner.

Von Rudolf Neumaier

Der kleine, überaus hässliche, jedoch äußerst beredte Dr. Leo Naphta ist zweifellos der berühmteste Jesuit der Literaturgeschichte. Im "Zauberberg" nervt und beeindruckt diese Figur gleichermaßen. Doch ihr Schöpfer Thomas Mann war keineswegs der erste Schriftsteller, der einen Jesuiten aufs Korn nahm. Von Anfang an lieferte dieser Orden Stoffe für Autoren jeglicher Textgattungen, wobei Pamphlete anfangs zahlenmäßig deutlich überwogen. Zu den vergnüglicheren Abhandlungen gehören die "Lettres provinciales" von Blaise Pascal aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Der französische Mathematiker, Philosoph und Geistliche stellte in diesen Schriften den Jesuitenorden mit einer Persiflage bloß: Sein fiktiver Jesuit lässt keine Gelegenheit aus sich lächerlich zu machen, er personifiziert all die Borniertheit und Skrupellosigkeit, die man diesem Orden damals nachsagte. Die Jesuiten hatten einen schweren Stand in dieser Zeit.

Nach der Lektüre von Markus Friedrichs Tour d'Horizon über "Die Jesuiten" kann man sagen, dieser Orden war noch nie so unumstritten wie heute. Mit dem Argentinier Jorge Mario Bergoglio stellt er sogar erstmals in seiner bald 500 Jahre langen Geschichte ein Oberhaupt der katholischen Kirche. Wie Papst Franziskus den Katholizismus verändert, hat tiefe Wurzeln in der jesuitischen Theologie, schreibt Friedrich - etwa das Misstrauen gegenüber hergebrachten Ideologien, seine Strategie kleiner symbolischer Schritte und das starke innere Bedürfnis, die Menschen für den Glauben zu gewinnen.

Markus Friedrich: Die Jesuiten. Aufstieg, Niedergang, Neubeginn. Piper Verlag, München/Berlin 2016. 727 Seiten, 39 Euro. E-Book 33,99 Euro.

Hätte sich Franziskus nicht nach dem Stifter eines anderen Ordens benannt, sondern nach dem Gründer der Gesellschaft Jesu, hätten die Katholiken heute einen Papst Ignaz. Ignatius von Loyola, Abkömmling einer baskischen Adelsfamilie, hatte ein vergleichsweise kurioses Damaskus-Erlebnis: Er lag im Sommer 1521 mit einer schweren Beinverletzung aus einer Verteidigungsschlacht gegen die Franzosen darnieder und vertrieb sich die Zeit mit dem Lesen mittelalterlicher Rittergeschichten. Allein die verfügbare Literatur war ausgelesen, und so fielen ihm eher zufällig zwei Jesus-Epen in den Schoß - und machten aus dem Krieger einen gottesfürchtigen Pilger. So berichtet Ignatius es selbst.

Sie stellten Traditionen infrage - dem katholischen Klerus waren sie suspekt

Markus Friedrich, 42, der in Hamburg Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit lehrt, hat bei der Recherche aus einem wesentlich breiteren Quellenfundus geschöpft - allein 50 Seiten nehmen Literatur- und Quellenverzeichnis ein. Unter anderem fand er Belege, die Ignatius als kauzige Figur erscheinen lassen - es gab Phasen in seinem Leben, in denen er vor lauter Kontemplation jegliche Maniküre und Coiffure ablehnte, um sich ausschließlich auf göttliche Eingebungen zu konzentrieren. Täglich beichtete er. Diese mitunter verwilderte und seit jener Kriegsverletzung hinkende Schratgestalt fand dennoch eine große Schar von Anhängern, darunter gelehrte Geistliche wie den Kirchenlehrer Petrus Canisius, aber auch fromme Männer wie Peter Faber - mit ihm, seinem Exerzitienmeister, bildete Ignatius beim Studium in Paris eine Wohngemeinschaft.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Das Spektrum von extrem gottesfürchtig bis hochintellektuell findet sich auch in späteren Jahrhunderten. Es entwickelte sich auf der Grundlage von Ignaz' Lehren eine sonderbare Gebetsbürokratie mit bizarren Erscheinungen: Friedrich erzählt von einem Wormser Ordensmann, der errechnete, Jesus habe am Kreuz 97 035 Tropfen Blut vergossen - "jeder einzelne ein Anlass zur Reue des Sünders". Als Jesuit führte man über jeden Rosenkranz Buch.

Als Prediger und vor allem als akademische Lehrer in Theologie und Philosophie wurden die Jesuiten innerhalb kurzer Zeit nach der päpstlichen Anerkennung im Jahr 1540 zum intellektuellen Sturmtrupp der Gegenreformation. Sie waren überzeugt, durch Bildung den Seelen der Menschen helfen zu können. Und weil seine Kollegen dann so erfolgreich agierten, dass sie in den 1560ern ihre eigenen Universitäten eröffneten, wuchsen allenthalben Ressentiments gegen die frommen Gelehrten: bei den neuen Konfessionen, weil die Jesuiten das Christentum glaubwürdiger vertraten als der katholische Klerus und andere Orden, und innerhalb der Kirche, weil die Parvenüs Traditionen in Frage stellten.

Die universelle Entwicklung dieses Ordens in einem Buch darzustellen, ist eine gigantische Aufgabe. Markus Friedrich hat sie meisterhaft bewältigt. Er spürt den Protoglobalisierern nach, die auf der ganzen Welt den katholischen Glauben verbreiteten. Er blickt in ihre Lehr- und Glaubensbücher. Und er analysiert die Motivation ihrer Gegner. Was ist von den Jesuiten noch zu erwarten? Wo sie einst die Reformation bekämpften, stoßen sie heute Reformen an. Ihr deutscher Provinzial Stefan Kiechle zum Beispiel hat angeregt, den Zölibat abzuschaffen.