Von THOMAS STEINFELD

Mark Coleman hat die Geschichte der Reproduktion von Tönen aufgeschrieben: Sein Buch "Playbacck" umreißt die Wandlungen der Verbreitung von Musik, so wie sie sich in den hundert Jahren von Edisons erstem Phonographen bis zur Digitalisierung abgespielt haben.

Ende September gerieten Steve Jobs, der Chef des Computerherstellers Apple, und Edgar Bronfan, in gleicher Funktion im Musikverlag Warner tätig, in einen heftigen Streit. Denn Apple verlangt für das Herunterladen eines beliebigen "Songs" aus dem Angebot der Firma im Internet auf einen seiner kleinen Musikcomputer einen einheitlichen Preis von 99 Cents. Ein Album kostet 9, 99 Euro. Und dieses Verfahren ist so erfolgreich, dass das Herunterladen mittlerweile den einzig hoffnungsfrohen Sektor des Handels mit konservierter Musik darstellt. Dagegen protestierte nun der Verleger: "Es gibt keine Ware auf der Welt, bei der es nicht auch eine Flexibilität im Preis gibt. Nicht alle Songs sind gleich. Nicht alle Alben sind gleich."

Anzeige

Was er wollte, lag auf der Hand: einen höheren Preis für aufwendigere Produktionen. Aber mit dieser Absicht verband der Vertreter der Schallplattenindustrie den Vorwurf, Steve Jobs, der Repräsentant der neuesten Vertriebstechniken, hänge einer Vorstellung von Musik aus einer älteren, vergangenen Zeit nach: Denn es war die Schallplatte, die Scheibe aus Schellack oder Vinyl, die zuerst alle Musik gleich werden ließ. In der gesamten Geschichte der Musik dürfte es keinen radikaleren Gleichmacher gegeben haben als die in den fünfziger Jahren aufgekommene und in 45 Umdrehungen pro Minute abzuspielende "Single", mit einem Lied von drei, vier Minuten Dauer auf der Vorder- und einem zweiten auf der B-Seite.

In den Vereinigten Staaten ist vor kurzem die auf den jüngsten technischen Stand gebrachte Taschenbuchausgabe eines Werkes erschienen, das Klarheit in dieses sonderbare historische Vorwärts und Rückwärts der technischen Reproduktion von Musik zu bringen vermag: "Playback" heißt das Buch des Musikjournalisten Mark Coleman, "Abspielen". Es umreißt die Wandlungen in der Konservierung und Verbreitung von Musik, so wie sie sich in den gut hundert Jahren von Thomas Alpha Edisons erstem Phonographen bis zur restlosen Digitalisierung der Technik abgespielt haben. Und es erzählt diese Geschichte so, dass in jedem ihrer Momente deutlich wird, wie sich Veränderungen in der Reproduktionstechnik in Wandlungen im musikalischen Material niederschlagen. Das beginnt beim grandiosen Erfolg Enrico Carusos auf dem Schallplattenmarkt, der auch darauf beruht, dass der Tenor die einzige Stimmlage war, die das Rauschen und Kratzen auf den Schallplatten des frühen neunzehnten Jahrhunderts zu durchdringen vermochte. Und es führt bis zu dem Umstand, dass der "Song", das heute noch alles beherrschende musikalische Kurzformat, von der Schallplatte mitkomponiert wird - zum Beispiel dadurch, dass, bei nur drei Minuten Spielzeit, ein jedes "Lied" sofort wiedererkennbar sein muss. Wodurch dann in der Komposition ein besonderes Gewicht auf dem kurzen Motiv oder Thema sowie auf der Klangfarbe entsteht.

Die Auseindersetzung zwischen Steve Jobs und Edgar Bronfan erscheint vor diesem historischen Hintergrund als Teil einer medialen Entwicklungsgeschichte: "Canned Music", standardisierte, formalisierte, rationalisierte "Dosenmusik", so lautete der Vorwurf, der in den dreißiger Jahren von den Protagonisten des gerade aufkommenden und noch hauptsächlich von leibhaftig spielenden Musikern versorgten Rundfunks gegen die damals schon bestehende Schallplattenindustrie erhoben wurde. In dieser Kritik ist Edgar Bronfans aktuelle Belehrung des Computerherstellers schon vorgezeichnet. Und war es nicht so, dass die Single überhaupt keine eigenständige Entwicklung war? Tatsächlich ging sie hervor aus der Langspielplatte mit ihren 33 Umdrehungen pro Minute, und zwar genau in dem Augenblick, in dem die "LP" das ältere, klangtechnisch weit unterlegene Format mit 78 Umdrehungen ablöste. Die extreme Standardisierung der "Single" ist also eine Abspaltung aus der gestalterischen Freiheit, die das große Format gewährte.

Die populäre Musik habe sich in den vergangenen Jahrzehnten so sehr durchgesetzt, argumentiert Mark Coleman, dass sich der bis in die Achtziger Jahre hinein zu beobachtende stilistische Antagonismus der Generationen beim Musikhören fast völlig abgeschliffen habe. Stattdessen lägen die Unterschiede nunmehr in der Art und Weise, wie man Musik höre. Alt sei die Vorstellung von musikalischer Stabilität und Treue, vom auch ikonographisch inszenierten Kunstwerk Langspielplatte mitsamt der CD, ihrem Nachfolger, sowie von Repertoire und Dauer. Mit ihr seien das Ideal der "High-Fidelity" und der dazugehörige häusliche Schrein verschwunden. Neu hingegen sei die grundsätzliche Mobilisierung der musikalischen Bestände wie seiner Hörer - ein sich unendlich erweiterndes und unaufhörlich wandelndes "Menü" der musikalischen Wahrnehmung. Vor solchem Hintergrund nimmt sich Steve Jobs digitaler Musikfundus namens "iTunes" mitsamt seiner Nutzungsgebühr von 99 Cents tatsächlich beschränkt und anachronistisch aus: genauso beschränkt und anachronistisch, wie in den fünfziger Jahren die "Single" gegenüber der Langspielplatte war. Und beide Medien haben von dieser Trennung sehr profitiert.

MARK COLEMAN: Playback. From the Victrola to MP3, 100 Years of Music, Machines, and Money. Da Capo Press, Cambridge/Massachusetts 2005. 250 Seiten, 15,95 Dollar.

Leser empfehlen