Geschenke in letzter Minute Mit eleganter Feder

Mathias Modica (Musiker und DJ): Auch die nächsten Monate noch wird mich wohl Mark Greifs Essaysammlung "Bluescreen" (Suhrkamp, 2011) begleiten. Der Mitherausgeber des amerikanischen Literaturmagazins n+1 denkt darin über die Sexualisierung der Kindheit nach, über YouTube, die Statussymbolsucht der afroamerikanischen Popsociety und über die Frage, ob der Mensch intuitiv weiß, wie man zeugt. Es geht also um alles.

Christoph Möllers (Rechtswissenschaftler):

Joseph Vogls "Das Gespenst des Kapitals" (Diaphanes, 2011) ist ein elegantes Buch zur Krise. Am Anfang dachte ich: warum noch eine kritische Geschichte des Liberalismus, noch dazu von einem Literaturwissenschaftler? Aber Seite für Seite buddeln wir uns mit dem Verfasser tiefer in die Details des Problems und es entsteht eine wundersame Geschichte diskursiven Versagens, die stets diskret und mit charmanter Verwunderung von jemandem erzählt wird, der aus seiner fachlichen Distanz "Kapital schlägt". Wenn dann noch die an der Wirklichkeit gestrandete Differentialgleichung erklärt wird, für die es einen Wirtschafts-Nobelpreis gab, ist klar: Und ist es Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Herta Müller (Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin):

Liao Yiwu beschreibt in "Für ein Lied und hundert Lieder" (S. Fischer, 2011) die vier Haftjahre, die er für sein Gedicht "Massaker" über den 4. Juni 1989 bekam. Dreimal wurde das Manuskript beschlagnahmt. In China ist das Buch verboten. Wir schauen unter die Glanzfolie des neureichen, machthungrigen Imperiums. In Gefängnisse und Lager nach dem Vorbild des stalinistischen Gulag. Wer dieses Buch gelesen hat, versteht, was Verfolgung und umzingelte Einsamkeit anrichten. Und wie schwer man schleppt an den "jenseitigen Zärtlichkeiten" der Erinnerung. Es ist Poesie und Zeitgeschichte zugleich.

Herfried Münkler (Politikwissenschaftler):

Ich empfehle Peter Englunds "Schönheit und Schrecken. Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs, erzählt in neunzehn Schicksalen" (Rowohlt Berlin, 2011). Das komplexe und vielfältige Kriegsgeschehen zwischen 1914 und 1918 wird aus der Perspektive englischer und russischer, französischer und deutscher Soldaten sowie einiger Zivilisten erzählt. Kaleidoskopartig entsteht so ein Bild des Ersten Weltkriegs, das sich deutlich von den herkömmlichen Darstellungen abhebt. Ein glänzend geschriebenes Buch, das eine Epoche berührt, die mit den Problemen des verfassten Europa neue Aktualität erlangt hat.

Armin Nassehi (Soziologe):

Mein Buch des Jahres 2011 ist Joseph Vogls "Das Gespenst des Kapitals" (Diaphanes, 2011) und schon zwei Wochen vor Jahresbeginn erschienen. Vielleicht bedeutet das, dass es wirklich höchste Zeit war für dieses Buch. Buch des Jahres ist es schon wegen dieses Satzes auf Seite 150: "Abgesehen davon, dass diese sogenannten Krisen wenig wünschenswert sind, geben sie Hinweise darauf, dass Ausnahmefälle womöglich zum regulären Funktionsablauf gehören und zudem eine Krise jenes Theorieprofils dokumentieren, das auf die innere Stabilisierungstendenz der Finanzmärkte setzt."

Susan Neiman (Philosophin):

"Dem Land geht es schlecht" (Hanser, 2011) ist das politische Testament des engagierten Historikers Tony Judt, der 2010 an ALS gestorben ist. Das Buch ist eine eloquente Verteidigung der Notwendigkeit einer echten Sozialdemokratie, verstanden nicht nur als ökonomisches, sondern vor allem als moralisches Projekt. Judt analysiert sowohl die europäischen wie auch amerikanischen Verhältnisse der letzten 30 Jahre, die zu dem Konsens führten, dass Politik nur auf materialistischer Basis gemacht werden kann. Er beschreibt die Verarmung der Gesellschaft, in der öffentliche Güter als Luxus empfunden werden, und plädiert für einen neuen politischen Diskurs, in dem Gerechtigkeit wieder an erster Stelle steht. Man kann nur hoffen, dass die ermüdeten Meinungsträger Europas seine Botschaft ernst nehmen.

Jürgen Osterhammel (Historiker):

Gewaltgeschichte bleibt oft bei der Beschreibung des Schreckens stehen. Sie riskiert Voyeurismus, bleibt eng auf Täter-Opfer-Beziehungen fixiert und verzichtet auf Erklärungen. Der junge Historiker Dietmar Süß geht in "Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England" (Siedler, 2011) neue Wege. Wie Gesellschaften und politische Ordnungen unter Bombengewalt auf ähnliche Herausforderungen unterschiedlich reagieren, zeigt er mit allen Mitteln historischer Wissenschaft und Kunst.

Thomas Ostermeier (Regisseur):

Götz Aly stellt schon im Titel seines neuen Buches "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" (S. Fischer, 2011) die Frage, die mich schon in jungen Jahren beschäftigte und die mir meine Eltern nie beantworten konnten. Eigentlich erstaunlich, dass vor Götz Aly noch nie jemand versucht hat, darauf eine Antwort zu suchen oder zu finden. Als ich im Laufe des Erwachsenwerdens immer mehr über die deutsche Schuld am Holocaust begriff, reifte in mir die Frage, warum die Deutschen ausgerechnet das Volk der Juden vernichten wollten. Götz Aly untersucht in seiner komplexen Analyse auch die politische und soziale Wirklichkeit und die Bildungssituation im 19. Jahrhundert und legt Fährten, wie die Tragödie des Holocausts auch zu begreifen ist durch den Biedersinn in der deutschen Gesellschaft, durch Sozialneid, Unflexibilität und die Bildungsskepsis der Deutschen im Gegensatz zu ihren jüdischen Mitbürgern. Ein Buch, das viele mögliche Antworten auf diese wichtige Frage gibt, dabei aber nie oberlehrerhaft oder wissenschaftlich trocken daherkommt. Für mich ist es das Sachbuch des Jahres und ein absolutes Muss für jeden, der das Spezifische des deutschen Antisemitismus verstehen möchte.

Kathrin Passig (Journalistin und Schriftstellerin):

Ich empfehle Wolfgang Herrndorfs "Sand" (Rowohlt Berlin, 2011). Weil es fertig geworden ist, was wegen der schweren Erkrankung des Autors bis zur letzten Seite fraglich war. Und weil es endlich mal Handlung enthält, genug Handlung, um einen Ausgleich für Herrndorfs vorangegangene Bücher und noch ein paar andere zu schaffen. Atomspionage! Verfolgungsjagden! Gesichter fliegen als Hackfleisch davon! "Ich habe mich an Stendhal orientiert", sagt Herrndorf.