"Gerhard Richter Painting" im Kino Eisbergspitzen von Bekenntnissen

Es muss ein unausgesprochenes Vertrauensverhältnis geherrscht haben zwischen dem Maler und der Filmemacherin, andernfalls hätte Corinna Belz dem schweigsamen Gerhard Richter nicht so nahe kommen können, ohne ihm zu nahe zu treten. Herausgekommen ist dabei ein erhellendes Dokument, getragen von Neugierde und Entdeckerlust.

Ein Gastbeitrag von Hans Zischler

Zu Beginn dieses Films sieht man den Maler Gerhard Richter eine Videokamera auf ein Stativ montieren. Es scheint nicht gleich zu klappen, mit etwas Geduld geht es dann. Mit der Wahl dieses Moments hat Corinna Belz ein entscheidendes Thema ihrer Betrachtung und ihres Gesprächs mit dem Maler unaufdringlich angeschlagen: Geduld beim Zuhören und Diskretion im Fragen und unbefangenen Nachhaken, getragen von Neugierde und Entdeckerlust.

Ein Maler geht in den Clinch - Gerhard Richter vor seinem "Grünen Bild".

(Foto: dpa)

Und so wie der abwägende und leise, dann entschieden zupackende Maler ans Werk geht, folgt sie ihm mit ihrer Kamera (und einem Ton, der uns die schroffen Geräusche dieser Malerei gegenwärtig macht). Immer wieder geht Richter auf Distanz zu den entstehenden Tafelbildern, tritt er weit zurück, verharrt, prüft, verwirft und zweifelt, um dann erneut mit Hilfe seiner Gerätschaften in den Clinch zu gehen - und in den Atempausen dieser Auseinandersetzung entlockt die Cineastin ihm erhellende Äußerungen, laut Gedachtes und Eisbergspitzen von Bekenntnissen.

Gleichgültig ob Richter kleine oder große Formate sich vornimmt, ob er realistisch oder abstrakt malt, immer geht es um die Malerei selbst. Die anarchische, ja anarchistische Kraft, die in diesen Bildern steckt, tritt in diesem Film besonders dann deutlich hervor, wenn wir den erregenden Augenblick ihrer Entstehung und explosionsartigen Entfaltung in einer überaus geordneten Umgebung erleben dürfen. Wie versierte Chemiker mixen die Assistenten die Farben und munitionieren Richter für den Malakt, der in eine ganz offenbar unvorhersehbare Richtung zielt. Als gelte es, die Malerei jedes Mal von neuem zu erfinden.

Mit mächtigen gelben Quaststrichen wird der Anfang für ein großformatiges Diptychon gesetzt, und in immer neuen Anläufen, mit Schiebern und Spachteln, wird Schicht um Schicht aufgetragen, verteilt und verschliert. In dem Maße, wie das Bild hervortritt, entfaltet sich ein Dialog zwischen dem Maler und seinem Gegenstand auf der einen und der Cineastin (mit Kamera) auf der anderen Seite. Dieses Dreiecksverhältnis aus der Nähe zu verfolgen und mittelbar an ihm teilzuhaben, ist eine der großen Leistungen dieses Films.

Nüchtern, knapp und bestimmt teilt sich Richter mit, zum Beispiel darüber, dass ein entstehendes Bild nicht unmittelbar beurteilt werden darf, welchen gefälligen und gefährlichen Selbsttäuschungen der Künstler ausgesetzt ist. Einmal scheint der Prozess ins Stocken zu geraten, wenn Richter bemerkt, dass die anwesende Kamera ihn ungewohnt exponiere und beeinträchtige und ratlos mache. Und es spricht für Richters Generosität, dass er diese experimentelle Zumutung benennt, ohne sie sogleich beenden zu wollen.

Einladung, sich Zeit zu nehmen

Im Binnendialog zwischen dem Künstler und seinem Tafelbild auf der einen und der behutsam und beharrlich erkundenden Cineastin auf der anderen Seite treten die stärksten Momente dieses Films zutage, weil die Zeit gewährt wird, die dieser skeptische Künstler benötigt.

In solchen Augenblicken erschließt sich neben der Person auch der Raum selbst. Es ist eine unbestreitbare, manifeste Qualität der Videographie, dass dieses Medium, anders als die maximal zehnminütigen Filmkassetten der vergangenen Jahrzehnte, förmlich dazu einlädt, sich Zeit zu nehmen, sich umzublicken, innezuhalten, etwas an- und ausklingen und verstreichen zu lassen.

Ein anderes Augenmerk richtet die Cineastin auf den Betrieb und den Ruhm, in dem Richter sich bewegt. Mit Beckett'schem Sarkasmus pariert er Fragen, wie er mit seinem Ruhm umgehe - er sagt, dass der Rummel ihn gelegentlich vom Malen abhalte oder, ganz nebenbei, dass all die geblitzten Fotos, die von ihm bei solchen Gelegenheiten geschossen würden, zum Wegschmeißen seien.