Von Hans Hoff

Ohne Netzer: Gerhard Delling bekommt eine neue TV-Show beim WDR. Das Konzept ist noch kryptisch. Böse Stimmen im Sender sprechen schon von "Stern TV für Arme".

Eigentlich müsste er mal wieder laufen gehen, sagt Gerhard Delling und wirft einen Blick auf den trüben Himmel über Köln. Laufen gehen? Joggen meint er. Aber an diesem Wochenende ist keine Zeit, samstags Sportschau, sonntags Sportschau und dazu die Vorbereitungen für seine neue Sendung.

TV-Moderator Gerhard Delling bekommt eine neue Show im WDR Bild vergrößern

TV-Moderator Gerhard Delling bekommt eine neue Show im WDR. (© Foto: WDR)

Anzeige

Die Laufschuhe hat er deshalb gleich in Hamburg gelassen. Stattdessen sitzt er nun an diesem trüben Herbstmorgen im Frühstücksraum des Interconti und sinniert über das, was von kommenden Mittwoch an auf ihn und die Zuschauer des WDR-Fernsehens zurollt.

"Dellings Woche" heißt die Sendung. Sie soll den von Frank Plasberg durch seinen "Hart aber fair"-Umzug ins Erste freigemachten Sendeplatz füllen. Noch weiß niemand außerhalb des WDR so recht, was da geschieht in den vorerst 45 Minuten, die 2008 zu 90 Minuten werden könnten. Es gehe nicht um die Kurznachrichten der Woche, sondern vor allem um die Menschen dahinter, verkündet der WDR. Dellings Woche solle "Themen aufgreifen, die vor allem das Publikum in NRW bewegen".

Das versteht kaum einer, und selbst Delling nennt die Hinweise auf sein neues Projekt vorsichtshalber mal "kryptisch". Dann erzählt er von einem Erfinderclub, der regelmäßig in der Eifel tagt. Über den will er berichten. Was die so antreibt, will er deutlich machen. Außerdem hat er einen Onkel in der Eifel und glaubt daher, diesen nordrhein-westfälischen Kosmos gut zu kennen. "Die Menschen dort sind sehr stark geerdet. Das ist eine ganz andere Welt. Mir sehr sympathisch", sagt Delling. Er stammt aus Rendsburg, Schleswig-Holstein.

Er wirkt ehrlich überzeugt

In der Eifel wohnen auch WDR-Intendantin Monika Piel und die Moderatorin Bettina Böttinger. Letztere hat vor Jahren mal eine Pilotsendung aufgezeichnet, die den Arbeitstitel "Böttingers Woche" trug, aber nie in Serie ging. Delling weiß davon nichts. Auf angenehme Art wirkt er neu im WDR. Auch wenn er alle drei Wochen anreist, um die "Sportschau" zu moderieren, hat er sich offenbar nicht gemein gemacht mit dem kölschen Medienklüngel. Das dürfte sich ändern.

Delling freut sich auch über seine neue Redaktion, die laut WDR-Info sieben Personen umfasst. Einer der sieben hat schon geholfen, die Sendung Kanzlerbungalow zu versenken, ein anderer beim Regionalmagazin Aktuelle Stunde gelernt, und noch eine hat vorher bei Brisant gearbeitet. Die sei bestimmt nicht unbeleckt, wenn es um Boulevardthemen gehe, mutmaßt Delling. Er fühlt sich bei seriösen Themen wohler. "Unterhalter bin ich nicht, will ich auch nicht sein, das können andere besser", sagt er.

Professionelle Hilfe ist also wichtig, weil so eine Magazinsendung mit Einspielern, Gesprächen und Rubriken zwangsläufig auch im Seichten fischen muss. Sagt man Delling, dass das nicht ganz leicht werden dürfte, weil der WDR so ziemlich alles kann, aber mit Sicherheit keine vernünftige Boulevard-Berichterstattung, sagt er: "Ist das so?" - und macht ein Gesicht wie: Mag ich nicht glauben. Er wirkt ehrlich überzeugt von dem, was er mit seiner Wochenlese vorhat, und ein bisschen scheint ihn auch die Naivität des Unwissenden anzutreiben. Er kennt den WDR eben nicht richtig. Er wird ihn kennenlernen.

Vornehmlich Aushelfer

Ein bisschen verwunderlich ist es ja, dass sich ein Sender wie der große WDR ausgerechnet in Hamburg beim NDR bedienen muss, um eine Lücke zu füllen. Schließlich bedeutet das auch, dass im eigenen Haus kein entsprechendes Angebot zu finden war; dass über all die langen Jahre, in denen Fritz Pleitgen der Chef war, versäumt wurde, sich um den Nachwuchs zu kümmern.

Das muss nun die neue Fernsehdirektorin im Schnellgang erledigen. Verena Kulenkampff kommt wie Delling gerade vom Norddeutschen Rundfunk. Auf die Frage, wie oft er Frau Kulenkampff in Hamburg schon mit dem Konzept von "Dellings Woche" genervt habe, sagt Delling: "Gar nicht." Dann erinnert er sich aber doch an ein Gespräch, das vor elf Jahren stattgefunden habe. Damals sei über ein Konzept gesprochen worden, das nie verwirklicht wurde.

Im Frühjahr sei dann ein Anruf aus Köln gekommen. Ob er sich was vorstellen könne. Er konnte. "Aus meiner Idee ist in Zusammenarbeit mit der Redaktion dann das entstanden, was wir nun angehen", sagt er. Eine eigene Produktionsfirma gründet er für Dellings Woche nicht. "Schließe ich nicht aus, ist derzeit aber kein Thema", sagt er.

Auf eine besondere Art ist bei Delling zu spüren, wie viel ihm das neue Projekt bedeutet. Schließlich kommt auch dieser dauerjugendlich wirkende Schlacks, der nie ein Volontariat absolviert hat, in die Jahre. 2009 wird er 50. Da möchte man eine Perspektive haben. Jahrelang war Delling vornehmlich der Aushelfer: Bei den "Tagesthemen", dann beim Medienmagazin "Zapp", bei der "NDR-Talkshow", hat mal mit Sabine Christiansen einen Jahresrückblick moderiert und den für 2006 gemeinsam mit Tom Buhrow ziemlich in den Sand gesetzt.

"Aber mich interessiert das"

Bekannt geworden ist er trotzdem vor allem über Moderationsleistungen in der Sportberichterstattung. Für das Expertenkammerspiel, das er mit Experte Günter Netzer rund um Fußball-Länderspiele veranstaltet, hat er sogar einen Grimme-Preis bekommen. Für die nächste EM und wohl auch WM sind beide gebucht oder eingeplant. "Für mich ist selbstverständlich, dass ich im Sport bleibe", sagt er, weshalb Dellings Woche ab und an ausfallen wird. "Wenn Länderspiel ist, ist Länderspiel." Nur die Sonntags-Sportschau will er künftig aussparen.

Im WDR hat man ausgerechnet, dass der Weggang von "Hart aber fair" 0,2 Prozent Marktanteilsverlust bedeutet. Für einen Sender, der gerade so bei sieben Prozent Marktanteil herumschrammelt, ein herber Verlust. Den muss Delling auffangen. Nicht mehr, nicht weniger.

"Ich kann nicht sagen, ob das die Leute interessiert, aber mich interessiert das", sagt er über seine Themen und gibt sich als einer, der gelernt hat, auch seinem Bauch zu vertrauen. "Wenn ich aus der Sendung komme, weiß ich für mich, ob es in Ordnung war oder nicht."

Dass seine Sendung von bösen Stimmen im Sender schon als "Stern TV für Arme" gehandelt wird, ficht ihn nicht an. "Das muss ich doch nicht kommentieren, oder?", fragt er höflich, distanziert sich dann aber sehr deutlich: "Da gibt es keine Parallelen. Das ist eine ganz eigene Geschichte."

Leser empfehlen 

(SZ vom 24.10.2007)