Ein Lehrstück über das Berühmtsein und seine Bürden: Popstar George Michael wird porträtiert - in einem Film, den er selber gewollt hat.
Es ist die entscheidende Szene. Da sitzen zwei, deren berufliche Wege sich vor zwei Jahrzehnten trennten. Der eine zog sich nach dem gescheiterten Versuch einer Solokarriere aus der Öffentlichkeit zurück, der andere wurde ein noch größerer Star als zu jener Zeit, als die beiden die Teenager-Popsensation Wham! waren. Zwanzig Jahre später sitzen Andrew Ridgeley und George Michael beisammen. Ridgeley lehnt sich entspannt zurück in einen Sessel, Michael ruckelt unruhig auf seinem Klavierhocker herum. Dann sagt er diesen einen Satz: "Ich weiß, wessen Leben ich lieber geführt hätte." Er sagt es nicht direkt, aber es ist keine Frage, was er meint - er hätte lieber das Leben des anderen geführt, das unscheinbare von Ridgeley.
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Er hat ein notorisch schlechtes Verhältnis zu den Medien, fühlt sich von ihnen immer wieder absichtlich missverstanden. Aber den Film über ihn hat er selber in Auftrag gegeben. (© Foto: SWR)
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A Different Story heißt die Dokumentation aus dem Jahr 2004 über George Michael, die der SWR zeigt, fünf Tage vor dem ersten Deutschlandkonzert des Musikers im Rahmen seiner Welttournee. Die andere Geschichte eines der größten, scheuesten, umstrittensten Popstars unserer Zeit ist zunächst einmal seine Version der Geschichte: Michael hat den Film von Southan Morris selbst in Auftrag gegeben. Er hat ein notorisch schlechtes Verhältnis zu den Medien, fühlt sich von ihnen immer wieder absichtlich missverstanden. Doch A Different Story wäre ein schlechter Film, hätte Michael bloß ein paar Dinge gerade rücken wollen. Etwa warum er sich erst nach einem peinlichen Outing auf einer öffentlichen Toilette in Los Angeles zu seiner Homosexualität bekannte. Oder weshalb er seine Karriere in den USA wissentlich ruinierte, als er 2002 lautstark gegen den Irak-Feldzug polemisierte - zu einer Zeit, als das noch nicht opportun war.
A Different Story aber ist deshalb ein gelungener Film, weil er vor allem ein Lehrstück über das Berühmtsein ist. Es ist das Porträt eines empfindsamen Künstlers, der den Anforderungen nach totaler Verfügbarkeit, die unsere Zeit an seine Superstars stellt, nicht gewachsen ist - oder nicht sein will. Dafür ist Michael nicht hart oder nicht dumm genug, und dafür hat er auf dem Weg zu viel verloren. Wie prägend für ihn der frühe Tod seiner ersten großen Liebe Anselmo Feleppa und der seiner Mutter waren, das erzählt er in der Dokumentation zum ersten Mal. Da fügt sich seine Version der Geschichte zu einer fast schon geschlossenen autobiografischen Gegenerzählung zum bisher Bekannten.
Die Story aber geht weiter, zuletzt machte Michael wieder Schlagzeilen, mit seltsamen Einschlafaktionen am Steuer. Ins Leben der anderen, das ist auch eine Lehre des Films, führt kein Weg mehr zurück.
George Michael - A Different Story, SWR, 23.10 Uhr.
Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.232, Montag, den 09. Oktober 2006
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