Georg-Büchner-Preis Masken der Poesie

Ebenfalls ausgezeichnet wurde die Historikern Barbara Stollberg-Rilinger, die seit 1997 den Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster bekleidet.

(Foto: Gerhard Leber/imago)

Der Lyriker und Essayist Jan Wagner nimmt im Staatstheater Darmstadt den renommiertesten Literaturpreis des deutschen Sprachraums entgegen.

Von Volker Breidecker

"Harmlos", "unernst", "gefällig" und "zu wenig politisch" lauten die Einwände, die gegen Jan Wagners Verse von der Bitterernstfraktion des Literaturbetriebs als Kritik an der Vergabe des Georg-Büchner-Preises an den Lyriker vorgebracht wurden. Doch man täusche sich nicht: In der Union von "spielerischer Sprachfreude und meisterhafter Formbeherrschung", die seinen Gedichten attestiert wird, ist es Jan Wagner mit der Sache der Poesie durchaus ernst, auch und gerade dann, wenn diese sich - wie es in der Preisurkunde weiter heißt - "in neugierigen, sensiblen Erkundungen des Kleinen und Einzelnen" manifestiert.

Die "Wahrnehmung des unendlich Kleinen, Mobilen und Leichten" stellte der italienische Schriftsteller Italo Calvino am Ende des alten Jahrtausends mit Blick auf das Neue ins Zentrum einer berühmten Vorlesung über "Leichtigkeit". Sie transportiert nicht nur einen sehr alten Strang in der Geschichte der Dichtung in die Moderne und über sie hinaus, sondern ist mitnichten unpolitisch. Mit jenem "Sinn für Takt und Ton", den Wagner sein Laudator, der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos bescheinigte, hat dieser einmal höflich bemerkt: "Wer ansetzt, ein Gedicht über das Thema Freiheit zu schreiben, mag scheitern. Wer sich auf einen fallengelassenen weißen Handschuh im Rinnstein konzentriert, wird vielleicht Autor eines großartigen Gedichts über die Freiheit."

Wagner stellt sich Büchner als Mann vor, der die Feder hielt wie ein Skalpell

Der Sache des freiheitsliebenden, steckbrieflich gesuchten Georg Büchner hat sich Jan Wagner in seiner fulminanten Dankesrede für den Empfang des wichtigsten deutschen Literaturpreises mit einer beispiellosen Intensität angenommen, die als Ausgangsmaterial aller Poesie gleichsam deren Naturgeschichte entfaltet: Das beschriftete Blatt, das - als "Hessischer Landbote" - in einer "Botanisiertrommel", von floralen "Blättern" ungeschieden, versteckt ist, bis ihm Füße und Flügel wachsen, um als subversives "Flugblatt" von Hand zu Hand zu gehen.

Poesie als fortgesetzte Handreichung bei Büchner, der von sich sagte: "Verse kann ich keine machen" und der an den letzten Fluchtorten seines kurzen Lebens mit Skalpell und Pinzette Anatomie und Nervensystem von Flussbarben studierte. Jan Wagner stellt sich das so vor, "dass der Präzisionskünstler Büchner die Schreibfeder des Nachts in der nach Fisch duftenden Schreibhand hält wie, ja: ein Skalpell." Aus solchen Urszenen angewandter Poetik erschließt Wagner Büchners literarischen Kosmos, bis er am Ende seiner Rede selbst daran andockt. Als Versschmied eines ernsthaften Spiels "mit Klängen und Formen nicht als Kinderei . . ., sondern als kreative Reibung, als einen Akt des Lockerns und Lösens erstarrter Zusammenhänge, ein freies, meinetwegen: ein närrisches Spiel, das kein lyrischer Wohlfahrtsausschuss verbieten dürfte und könnte."

Von Wagners Handschuh im Rückgriff auf Büchners papierne Handreichungen ist es nicht weit zu der Dankrede, mit der Jens Bisky, Feuilletonredakteur dieser Zeitung, sich für den "Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay" bedankte: Des Namengebers Stichwort einer "Ideenpost" mit "Rückfracht" aufgreifend, holte Bisky zur Verteidigung von Kritik als Instanz des Feuilletons und der Zeitungsrezension aus. Ein zweiter Weg führt von der lyrischen Poesie zu dem, was der Sozialanthropologe Clifford Geertz die an rituelles und symbolisches Handeln, an Zeremonien und Liturgien gebundene "Poetik von Kultur" nannte. Der "Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa" ging an die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger für die mit "erzählerischer Kraft" verbundene, "ebenso präzise wie anschauliche Darstellung ihrer Forschungen". Ihre Dankrede handelte davon, wie nah der Forscher an historische Gestalten herankommen kann - "nicht näher als an ihre Sprache."

Mit einem Fest der Poesie war die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung eröffnet worden: "Europa - nur anders" (anders als Europa sich gegenwärtig selbst präsentiert oder demontiert) lautete das Motto, das Lyriker aus Bosnien, Slowenien, Polen, England, Schweden und Dänemark - darunter Alfred Brendel, Katarina Frostenson und Aleš Šteger zu Lesungen und Gesprächen zusammenbrachte. Der Poesie eine größere literarische Öffentlichkeit zu verleihen und das gefährdete Projekt Europa auf der Ebene internationaler Vernetzung mit auswärtigen Schriftstellern, Intellektuellen und Wissenschaftlern zusammenzuhalten, dies sind nach den Worten des scheidenden Präsidenten Heinrich Detering miteinander verschränkte Aufgaben der Akademie. Zuletzt hatte sie in diesem Frühjahr in Sarajewo getagt, das am Eingang wie am Ausgang seines Jahrhunderts die Hauptstadt zweier europäischer Katastrophen gewesen ist.