Georg Baselitz über Holz "Ich sehe, träume und denke Tag und Nacht über eine Skulptur nach"

Georg Baselitz wurde schon als Berserker, Brutalinski, Primitiver oder Waldschrat bezeichnet. Dass er aber auch einer der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler ist, bleibt unbestritten. Im SZ-Interview erklärt er, wie er zur Plastik kam, warum er Kettensägen benutzt und wieso Farbe "ein witziges Zubehör" ist.

Interview: Johannes Willms

SZ: Herr Baselitz, in Paris wird gegenwärtig die erste große Ausstellung Ihres bildhauerischen Werks gezeigt.

Georg Baselitz: So ist es, ja.

Was bedeutet das für Sie: mit dem Schaffen aus dreißig Jahren konfrontiert zu werden?

Als man vor zwei Jahren bei mir wegen dieser Ausstellung anfragte, dachte ich aus Rücksicht auf das Publikum zunächst daran, Bilder und Skulpturen zu mischen. Von diesem ursprünglichen Plan ist ein Raum in dieser Ausstellung übrig geblieben, in dem neue Bilder von mir gezeigt werden, die in der Rezeption ihres Motivs meinen Skulpturen nicht unähnlich sind. Ich nenne diesen Raum "Psychodrom". Als dann klar war, welche Skulpturen als Leihgaben für die geplante Ausstellung bereitstanden, überfiel mich aber dann doch mit einem Mal große Angst, ob das Ganze überhaupt Sinn macht.

Sie wirken eher nicht so, als würden Sie an Ihrer eigenen Arbeit zweifeln.

Nun, die Kritik hatte meine Skulptur wie auch meine Malerei immer mit dem Vorwurf bedacht, ich sei ein großer Berserker, ein Brutalinski, ein Primitiver, ein Waldschrat und so weiter. Das waren immer Äußerungen, die mich sehr irritiert haben, denn ich bin überzeugt, sehr sensibel zu arbeiten.

Aber Sie setzen für Ihre Werke Peitschen ein, Äxte, auch schon mal die Kettensäge . . .

Selbstverständlich benutze ich großes Werkzeug, Kettensägen und so, aber dennoch ist es nicht meine Absicht, ein Schreckgespenst oder etwas Monströses zu machen, sondern eine Ausformung zu finden, die neu, ungewöhnlich, nur mir zugehörig ist und die auch Rückblicke zulässt auf die Tradition, aber die dennoch neu ist.

Sie sind vor allem als Maler bekannt geworden. Wann und warum kamen Sie überhaupt auf den Gedanken, auch Plastiken zu machen?

Ich habe die erste Plastik 1980 gemacht. Der Anlass war die Biennale in Venedig, bei der ich zur Gestaltung des deutschen Pavillons eingeladen worden war. Dieser Pavillon war auch zuvor schon häufig mit Skulpturen bespielt worden. Das prominenteste Beispiel ist die von Joseph Beuys geschaffene "Straßenbahnhaltestelle". Außerdem war auch Anselm Kiefer als zweiter deutscher Künstler eingeladen worden, und der zeigte vor allem Bilder. Deshalb dachte ich mir, ich reduziere meinen Beitrag, ziehe mich als Maler zurück und experimentiere in diesem merkwürdigen Raum mit einer Skulptur.

Das war ein ebenso kühner wie für Ihr weiteres Werk folgenreicher Entschluss . . .

Das war in der Tat eine große Zitterpartie für mich, denn bisweilen denke ich ja schon vorher darüber nach, was ich machen will. Das Problem, das sich mir stellte, war - wie kann ich meine Art, Bilder zu malen, also upside down, umsetzen in die Skulptur. Ich habe dann mit konkaven und konvexen Formen, die ich auch auf den Kopf stellte, experimentiert, aber das machte alles keinen Sinn. Unter dieser Arbeit bin ich zur Vernunft gekommen und habe mir überlegt: Was ist eigentlich Deutschland hinsichtlich der traditionellen Skulptur?

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