Auch wenn Studien ergeben, dass Nostalgie häufig in eher traurigen Gemütszuständen auftritt, heißt dies nicht, dass es nicht auch positive Trigger für die Sehnsucht nach dem Gestern geben kann. Eltern zum Beispiel reden mit ihren Kindern nicht nur aus erzieherischen Gründen darüber, was sie selbst als Kinder erfahren haben.

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Der Sohn, der in die Pubertät kommt, weckt durch Dinge, die er tut, Erinnerungen, die lange verschüttet waren. Er übernachtet zum Beispiel bei einem Freund. Die Eltern sitzen, vielleicht das erste Mal seit Jahren, abends allein am Tisch und erzählen sich ihre Erlebnisse beim ersten Zelten oder der ersten Pyjama-Party (ja, so etwas gab es einmal). Im besseren Fall kann Nostalgie sogar eine höchst angenehme Form der gemeinsamen emotionalen Erinnerung an Erlebnisse mit Eltern, Kindern oder Partnern sein. Nicht Traurigkeit löst so etwas aus, sondern Vertrautheit.

Nostalgie ist jedoch nicht nur ein grundsätzlich positives Gefühl, das umso häufiger aufzutreten scheint, je älter man wird. Nostalgie ist darüber hinaus ein Phänomen, das in einer Gesellschaft wie der unseren auch zur Grundlage ökonomischer Überlegungen werden kann.

Kollektive Zeitreisen

Zum Beispiel ist im Musikgeschäft seit längerem zu beobachten, dass dort nicht mehr mit Tonträgern der große Umsatz gemacht wird, was nicht nur am Internet und den Möglichkeiten digitaler Musikspeicherung liegt. Konzerte sind wieder sehr populär geworden, vor allem die Konzerte von Bands oder Sängern, die vor 30 oder 40 Jahren ihr damals junges Publikum begeistert haben. Von den Ewigkeits-Rolling-Stones über Bob Dylan und Deep Purple bis hin zu Leonard Cohen oder Joan Baez - alles Menschen zum Teil weit jenseits der 60.

Sie verkörpern auf der Bühne für ihre, in der Mehrzahl nicht jüngeren, Fans einerseits das große nostalgische Gefühl. Andererseits gelingt ihnen etwas, was dem Durchschnittsnostalgiker zu Hause nie gelingt: Sie können Vergangenheit wiederbeleben. Sie sind in gewisser Weise Zeitmaschinen, weil etwa Mick Jagger auch 2010 "Angie" noch so singen kann, als sei auf der Bühne und drunten im Publikum noch 1974. Schon phänotypisch signalisieren viele ältere Besucher solcher Konzerte, dass sie bereit sind, sich in die Vergangenheit zurückbeamen zu lassen. Sie tragen T-Shirts, die sie vor 20Jahren bei einem Stones-Auftritt gekauft haben oder jene alten Cowboystiefel, die ihre Kinder seit langem etwas peinlich finden.

Nun haben ja auch die Nostalgie-forschenden Psychologen festgestellt, dass bestimmte Songs besonders verlässliche Auslöser der melancholischen Rückkehr in jene Zeit sind, als die Jeans noch nicht so spannten, die Haare länger waren und der Rücken nur wehtat, wenn man irgendwo, gar im Freien, sich Dingen hingegeben hatte, die in der Rocky Horror Picture Show mit der Zeile "it only leads to trouble and seat wetting" beschrieben werden. Wenn der geübte Nostalgiker so weit ist, dann legt er Leonard Cohen auf, den heute 75-Jährigen, der schon vor 22 Jahren diese Zeilen geschrieben hat: "My friends are gone and my hair is grey, I ache in the places I used to play". Genau das beschreibt jene Grundstimmung, die unweigerlich zur Nostalgie führt.

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  1. Ach, damals ...
  2. Sonderfall "Ostalgie"
  3. Sie lesen jetzt Nostalgie und Ökonomie
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(SZ vom 24.08.2010/beu, bgr)