Geisteswissenschaften Ist das denn schon pathologisch?

Eine Konferenz in Berlin untersucht den "Antiakademismus", der innerhalb und außerhalb der Universitäten grassiert.

Von Tobias Haberkorn

Die Feindschaft gegen akademische Institutionen ist so alt wie diese selbst. Heute grassiert sie in besonders harter Form: Der türkische Präsident Erdoğan stellt derzeit die Existenz eines ganzen Universitätssystems zur Disposition, Donald Trump will die staatliche Klimaforschung beenden, rechte Parteien haben sich auf akademische Experten als besonders korrupten Teil der Eliten eingeschossen. Die Tagung zum "Antiakademismus", die jetzt von Hanna Engelmeier und Philipp Felsch am Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin veranstaltet wurde, hatte also eine besondere tagespolitische Relevanz - auch wenn mit Ausnahme eines Vortrages von Kader Konuk über die katastrophalen Entwicklungen in der Türkei eher ein reflexiver Fokus gewählt wurde. Es ging im Wesentlichen um die Selbstkritik von Akademikern, um den sozusagen innerakademischen Antiakademismus.

Dieser ist heute allerdings nicht weniger virulent als externe Attacken. Reden Universitätsangehörige (oder solche, die es gerne wären) über die Uni, dann tun sie dies meist negativ. Wenn es nicht gerade darum geht, sich selbst zu loben, um an neue Fördermittel zu kommen; wenn unter Akademikern also ehrlich gesprochen wird, dann drehen sich viele Gespräche um Frust und institutionelles Ungenügen. Die Arrivierten klagen über Bürokratisierung und Niveauverlust, die Jüngeren darüber, dass eine akademische Karriere, wenn überhaupt, nur zum Preis von Selbstausbeutung, Dauerbefristung und Zwangsmobilität zu haben ist. Handelt es sich hier noch um "gesunde" Selbstkritik, oder ist das alles schon pathologisch? Obwohl Studien die steigende Zahl depressiver Akademiker belegen, war der Tenor der Berliner Tagung, dass dieser grassierende Antiakademismus etwas Normales, ja Notwendiges sei. Im Sinn der Neugründung der modernen Universität von 1810 könnte man ihn sogar als Ausweis für ihr Funktionieren heranziehen: Der amtliche Auftrag der deutschen Universität besteht seit 200 Jahren darin, zur Kritik anzuleiten.

Es waren denn auch die Geisteswissenschaften, die im Fokus der Tagung standen. Obwohl man mit dem HKW einen Ort gewählt hatte, der sich in den letzten Jahren einen Namen für die Entgrenzung wissenschaftlicher Methoden gemacht hat - Intendant Bernd Scherer betonte programmatisch die "antiakademische" Mission seines Hauses - wählten Engelmeier und Felsch ein klassisch akademisches Format. Lediglich im Foyer fand unter der Regie von Julian Kamphausen ein "fünftes Panel" mit performativen Diskussionsgruppen und einem "Theorie-Mimikry" statt.

Am ersten Tag hörte man zunächst viel Historisches. Akademiker waren schon immer das Ziel von Anfeindungen, Parodien, ja militanten Attacken. Das zeigte etwa Stefan Höhne am Beispiel der "Roten Brigaden" in Italien und der "Roten Zora" in Westdeutschland. Der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen wählte einen etwas systematischeren Ansatz, indem er anhand der Schriften Hubert Fichtes und Willem F. Hermans' die Standortabhängigkeit des Antiakademismus herausarbeitete: Ist der Sprecher selbst Teil einer Akademie, klagt er darüber, sich darin nicht verwirklichen zu können - ist er es nicht, klagt er über den eigenen Ausschluss und die Machtposition der anderen. Jürgen Kaube, der als "Diplom-Volkswirt" vorgestellt wurde und unter den Vortragenden der einzige ohne akademische Anstellung war, stellte den Antiakademismus dann als die studentische Haltung par excellence dar. Schon im klassischen Bildungsroman und gegenwärtig an verschiedenen Statistiken könne man ablesen, dass Studenten an den Unis alles Mögliche täten, außer zu studieren.

Als Beleg führte Kaube an, dass der Anteil der erwerbstätigen Immatrikulierten in den letzten Jahren immer weiter (auf inzwischen sechzig Prozent) angestiegen sei und dass das studentische Lohnniveau nicht etwa stagniere - was zum Überleben, so der FAZ-Herausgeber, ja ausreichen würde - sondern im Gleichschritt mit dem Einkommen der Restbevölkerung steige. Studenten arbeiteten, um sich ein komfortables Leben leisten zu können und um interessantere Dinge zu tun, als zu studieren (wo früher Taxi gefahren wurde, würden heute "Galerien bewacht").

Was Akademiker nicht alles tun, um nicht als akademisch zu gelten

Etwas frische Luft bekam die Tagung, als der französische Ideenhistoriker François Cusset von seinem Forschungsbesuch in dem seit fast dreißig Jahren bestehenden zapatistischen "Indigenen Zentrum zur integralen Ausbildung" im mexikanischen San Cristóbal berichtete. Der Begriff der "Freiheit" von Forschung und Lehre, den die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen zuvor gegen die von Jürgen Kaube behauptete Indifferenz starkgemacht hatte, bekam in Cussets Vortrag eine radikale Wendung, denn die Autonomie der zapatistischen "Gegenuniversität" geht so weit, dass jede Form von externer Finanzierung oder auch nur Bezugnahme auf institutionelle Vorbilder abgelehnt wird. Mit dem von Georges Bataille und anderen in den Dreißigerjahren betriebenen "Collège de Sociologie" stellte Rosa Eidelpes einen westlichen Versuch dar, den Bezugsrahmen zu europäischer Rationalität und Wissenschaftstradition zu sprengen. Diskutiert wurde, inwiefern Identifikation mit oder Infiziertwerden von "Anderen" es Akademikern gestattet, ihren Akademismus abzulegen - oder ob "die Beschäftigung mit Kindern, Wilden und Frauen" (Julika Griem) doch nur eine opportune Form antiakademischer Selbststilisierung sei.

Dem Hauptvortrag des französischen Philosophen Geoffroy de Lagasnerie war es dann vorbehalten, die Malaise der Universität vor aller Augen auszubreiten. Die Klage über bürokratische Gängelung, Ausbeutung und Machtkämpfe passt ja doch wenig zum Selbstbild der Universität als Ort der Freiheit. De Lagasnerie erinnerte daran, dass die Unfreiheit an und in Universitäten, anders als gerne behauptet, nicht etwa nur ein Effekt jüngerer Reformen, sondern dass die Akademie schon immer ein Ort der Einengung und Zensur gewesen sei. Sich dieser Tendenz entgegenzustellen, sei die Aufgabe einer antiakademischen "Ethik des Wissens", die jeder Teilnehmer des Wissenschaftsbetriebs bei sich entwickeln müsse (hier klang de Lagasnerie stark nach Armen Avanessians Buch "Überschrift", das vor zwei Jahren in dieselbe Kerbe geschlagen hatte).

Diese Schärfe der Intervention lag darin, dass sie die akademischen Strukturen als inhärent repressiv darstellte, die Teilnehmer der Universität aber nicht aus ihrer Pflicht entließ. Wenn etwa bekannt sei, dass die Mehrzahl der wissenschaftlichen Aufsätze gar nicht gelesen würde - dann seien daran nicht die historischen Strukturen schuld, sondern all die Akademiker, die diese Strukturen nicht änderten. Es sei verfehlt zu glauben, herausragende Geisteswissenschaftler wie Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Jacques Derrida und andere (immer wieder berief er sich auf den Kanon der französischen Theorie) seien historische Ausnahmen. Wenn die Universität von heute solche Persönlichkeiten nicht mehr hervorbringe, dann müsse man sie eben so verändern, dass dies wieder geschehe, alles andere sei ethisches Versagen. Die akademische Konferenz der Antiakademismusexperten nahm diesen radikalen Anspruch einigermaßen verblüfft zur Kenntnis.