Nachruf Historiker C. A. Bayly gestorben

Sir Christopher Bayly, Leiter des Centre of South Asian Studies an der Universität Cambridge, lehrte die Historiker, die moderne Welt als Ganzes zu sehen.

(Foto: Campus Verlag)

Er wollte die moderne Welt als Ganzes sehen. Sir Christopher Bayly, Meister der Globalgeschichte, wurde siebzig Jahre alt.

Von Sebastian Conrad

"Alle Historiker sind heutzutage Welthistoriker", schrieb C. A. Bayly seiner Zunft ins Stammbuch, um schelmisch hinzuzufügen: "auch wenn vielen von ihnen das noch nicht bewusst ist." Das war 2004, und den meisten war es in der Tat alles andere als klar. Bayly hat selbst viel dazu beigetragen, dass diese Bemerkung nicht nur eine Provokation geblieben ist. Mit seiner großen Biografie des 19. Jahrhunderts, "Die Geburt der modernen Welt", hat er das Feld der Globalgeschichte maßgeblich (neu) mit erfunden. Die Welt als Ganzes zu sehen, als Zusammenhang zu verstehen: Das war das Anliegen eines Buches, das Maßstäbe gesetzt und zur Nachahmung angeregt hat. Die Welt reicht tief in die einzelnen Gesellschaften hinein, und viele Prozesse kann man in der isolierten Sicht auf eine Nation, wie sie in Schulen und Universitäten weltweit oft noch praktiziert wird, kaum verstehen. Nach Bayly war das 19. Jahrhundert nicht mehr das, was es vorher war.

Am vergangenen Wochenende ist Sir Christopher Alan Bayly im Alter von siebzig Jahren gestorben. Er gehörte zu den bekanntesten und einflussreichsten Historikern unserer Zeit. Er wurde in Oxford ausgebildet und lehrte am St. Catharine's College in Cambridge. 2007 wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen. Da war er im Fach längst eine Berühmtheit.

Baylys zentraler Gegenstand war die Geschichte Südasiens, vor allem Indiens, aber auch darüber hinaus. In vielen empirisch dichten Werken zeichnete er die gesellschaftliche Entwicklung nach und dokumentierte den Wandel, der mit der britischen Kolonialherrschaft einsetzte. Zugleich zeigte er, wie sehr die Entwicklung auch an örtliche Traditionen anknüpfte und von indischen Eliten und Reformern mitgestaltet wurde. Das brachte ihm auch Kritik ein. Dazu gehörte sein Disput mit indischen Kollegen der "Subaltern studies"-Gruppe, die ihm eine Verharmlosung des Kolonialismus vorwarfen. Bayly war umgekehrt der Meinung, dass die Geschichte Indiens lange Zeit zum großen Teil von Indern gemacht wurde, wenn auch unter Bedingungen der Fremdherrschaft. Für ihn war der Imperialismus nie die ganze Wahrheit.

Chris Bayly suchte nicht das Rampenlicht, er verkörperte eher den Typus des Gelehrten; er war neugierig, wohlwollend und Extremen abgeneigt, wenn er auch ironisch und polemisch sein konnte. Aber er suchte nicht die Öffentlichkeit, trat zurückhaltend auf. Ihm gefiel, als ein Kollege ihn einmal mit Jürgen Osterhammel verglich, seinem deutschen Pendant unter den Globalhistorikern, und ihn als "Hai" bezeichnete. Während Osterhammels Buch über das 19. Jahrhundert, "Die Verwandlung der Welt", wie ein Atoll verfasst sei, als Serie immer weiterer Umkreisungen und Ablagerungen, verfüge Baylys Werk über mehr analytischen "Biss". Allerdings, merkte Bayly selbstironisch an, lebe ein Atoll länger.

Baylys Tod kommt viel zu früh. Er war gerade dabei, eine Gesamtschau des 20. Jahrhunderts zu vollenden und damit die Geschichte der modernen Welt im globalen Rahmen neu zu schreiben. Vielleicht wird das Buch noch publiziert. Aber auch seine früheren Werke lesen sich nach wie vor so frisch, dass er uns auf diese Weise noch erhalten bleibt.