Reclam will Geisteswissenschaftler mit einem seiner typischen Heftchen an den Computer bringen. Aber nur gaaaaanz behutsam. Denn Bewohner des elfenbeinturms verstehen ja nicht immer alles.
Man muss nach der Lektüre von "Geisteswissenschaften studieren mit dem Computer" (Reclam, 126 S., 3,60 Euro) vermuten, dass die Autoren, Michael Koschorreck und Frank Suppanz mit Lust daran gearbeitet haben, ein altes Vorurteil zu bestätigen. Jenes nämlich, dass die Fremdheit zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften nicht nur deren Methodik prägt, sondern vor allem auch die Forscher selber. Denn hier wird das Bild des Geisteswissenschaftlers als eines hilflosen Toren im Reich der Technik gezeichnet.
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Klar, denn Geisteswissenschaften erzeugen ja auch in der Regel kein Verfügungswissen, sondern ein Orientierungswissen, welches nach Odo Marquard dazu angetan ist, die Effekte einer zunehmend beschleunigten Welt zu kompensieren. Insofern wäre vielleicht sogar erwartbar, dass Geisteswissenschaftler, die in der für sie prekären Situation stecken, an einem Computer Produktivkräfte für die Dokumentation wissenschaftlicher Forschung freisetzen zu müssen, dies nur höchst entschleunigend und zudem wenig produktiv angehen können.
Dem tritt der gleichwohl schmale Band allerdings mit einem so prall gefüllten Inhaltsverzeichnis entgegen, dass dem nach Diltheyschen Verständnis trachtenden Studiosus schon durch die notwendige Abbreviatur der einzelnen Themen ganz blümerant wird.
So geht es an die Auswahl des Betriebsystems. Eine Grundsatz- Entscheidung. Das Heftchen nimmt sie indes nicht ernst genug. Das belegt eine schnöde Parenthese des Inhalts, dass man das mit Abstand kostengünstigste System "Linux" anscheinend nur deshalb erwähnt, um es als "das von Profis geschätzte" System erwähnt zu haben. An die Herren Autoren: Sind Geisteswissenschaftler etwa keine Profis? Was sind sie dann? Knechte in der Matrix des digitalen Universums, denen man tatsächlich noch erklären muss, dass man bei der "digitalen Volltextsuche" im Internet "für jeden Autor separat die Güte der Digitalisierung prüfen muss", indem man "einige Seiten aus der gedruckten Vorlage mit dem elektronischen Text vergleicht, um die Fehlerquote zu bestimmen"?
Bei der Wahl des Textverarbeitungssystems, der zentralen Schnittstelle zwischen Geistesmensch und Maschine, grüßt Linux dann aber wieder durch die Hintertür. In vorderster Front wird die Programm-Suite OpenOffice.org genannt. Das ist richtig so. Aber OpenOffice.org ist ein originäres Linux-Produkt, das man nur mit Mühen für das Windows-Betriebssystem installiert. Dies gelingt unter dem "Profi"-System wesentlich leichter. Ja, es gehört sogar zur Grundausstattung fast aller gängigen Distributionen.
Was also leistet der Band? Er hilft dabei, sich einen Überblick über die inzwischen mannigfachen Berührungspunkte zwischen Geisteswissenschaften und (vernetzten) Computern zu verschaffen. Er verfügt über eine ordentliche Liste von Links ins Internet, das stets weiter führende Informationen bereit hält. Er benennt die Aufgaben und weist auf mögliche Probleme hin, auf die Hörer aller Fakultäten bei der wissenschaftlichen Arbeit an Computern immer noch unweigerlich stoßen. Aber er hilft eben nicht wirklich, sie auch zu lösen.
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