Von KATHRIN LAUER

Eine dubiose Geiselnahme beschäftigt Rumänien: Im Irak sind Fernseh-Journalisten verschwunden, dann wurden sie auf den üblichen Videos gezeigt und es wurden Lösegeldforderungen gestellt. Nun scheint es so, als habe jemand dieses Drama nur inszeniert, um von seinen Steuerschulden in Bukarest abzulenken.

Das Land Rumänien erlebt in diesen Tagen die größte Glaubwürdigkeitskrise der Medien seit der Wende: Es geht um drei Journalisten aus Bukarest und ihre Reise in den Irak, um Kontakte zu einem zweifelhaften Geschäftsmann -- und um eine dubiose Entführung.

Die drei rumänischen Journalisten: (v. l.) Ovidiu Ohanesian, 37, Marie Jeanne Ion, 32, und Sorin Dumitru Miscoci, 30. (© Foto: ap)

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Im März waren die drei Reporter in den Irak aufgebrochen: Marie-Jeanne Ion, 33, und ihr Kameramann Sorin Miscoci, 30, beide vom Sender Prima TV, sowie Ovidiu Ohanesian, 37, von der Tageszeitung Romania libera. Begleitet wurden sie von dem im Rumänien aktiven irakischen Geschäftsmann Mohammed Munaf, der sich der hervorragenden politischen Kontakte in seiner Heimat gebrüstet und die Reise zusammen mit dem syrischen Geschäftsmann Omar Hayssam organisiert und bezahlt hatte.

Am 28. März wurde die Gruppe in der irakischen Hauptstadt Bagdad gekidnappt. Anschließend zeigte der arabische Sender al-Dschasira Videos mit den Geiseln. Im letzten trugen der Kameramann Miscoci und der Iraker Munaf orangefarbene Overalls, wie sie früher schon an Geiseln zu sehen gewesen waren, die anschließend von Extremisten getötet wurden. Nach 55 Tagen in der Hand von Extremisten wurden die Rumänen befreit, Ende Mai flogen sie heim nach Bukarest. Damit endet dann aber schon der nachprüfbare Teil der Entführung.

Der Iraker Munaf, der auch einen rumänischen und einen amerikanischen Pass besitzt, wurde von den Amerikanern in Bagdad zum Verhör zurückgehalten. Die rumänische Staatsanwaltschaft erklärte, Munaf und der Syrer Hayssam hätten die Entführung inszeniert. Ziel sei es gewesen, Hayssam hinterher als Retter der Geiseln erscheinen zu lassen. Er habe damit seine Probleme mit der rumänischen Justiz lösen wollen.

Gegen Hayssam laufen in Rumänien seit langem Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung. Einen Tag nach der Entführung hatte Hayssam in aller Öffentlichkeit erklärt, dass die Geiselnehmer sich bei ihm mit einer Lösegeldforderung von vier Millionen US-Dollar gemeldet hätten. Der rumänische Staatspräsident Traian Basescu sagte jetzt, man habe Hayssams Plan durch dessen Verhaftung kurz nach seinem Gang in die Öffentlichkeit vereitelt. Die von Syrer angeheuerten Entführer hätten daraufhin ihre Geiseln aber einer terroristischen Gruppe übergeben, die den Rückzug der mehr als 800 rumänischen Soldaten aus dem Irak verlangt und mit der Enthauptung der Geiseln gedroht habe. Wie es zur Befreiung kam und ob Lösegeld bezahlt wurde, verrät Basescu nicht. Dies triebe die Forderungen in anderen Fällen in die Höhe.

Dass eine aus privaten Motiven inszenierte Entführung bitterer Ernst werden kann, scheint die eine Moral der Geschichte zu sein. Die Journalisten haben aber auch dafür gebüßt, dass sie sich mit dubiosen Geschäftemachern einließen, wie es in Rumäniens Medienszene gang und gäbe ist. Marie-Jeanne Ion sagte nach ihrer Befreiung, Munaf habe in Bagdad tonnenweise Zucker an die Koalitionsmächte verkaufen wollen. Es sei in seinem Interesse gewesen, mit Journalisten im Schlepptau aufzutreten, um bei seinen Geschäftspartnern Eindruck zu schinden. Alle drei Geiseln mussten ahnen, dass Hayssam zumindest dubios ist, weil über seine mutmaßlich krummen Geschäfte oft in den Medien berichtet worden war. Die TV-Journalistin Ion wusste zumindest, dass Munaf und Hayssam sich kennen. Auch sie selbst kannte Hayssam, weil dieser Geschäftspartner ihres Vaters ist. Angeblich soll sie auch eine Affäre mit dem Syrer gehabt haben. Dies wurde vom Präsidenten, der zum Fall eine Pressekonferenz gab, dementiert.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen, die sich für die drei Rumänen ebenso eingesetzt hatte wie für die immer noch verschleppte französische Reporterin Florence Aubenas, verlangte jetzt die restlose Aufklärung dieser haarsträubenden Geschichte. Präsident Basescu bremst die Hoffnung: "Die ganze Wahrheit kann vielleicht in 50 Jahren bekannt gemacht werden."

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(SZ vom 9.6.2005)