Von Dirk Peitz

Bono ist ihr größter Fan, und U2 das Vorbild der US-Band - ein Erfolgsrezept? War das erste Album noch vielversprechend, so geben The Killers mit "Sam's Town" und ihrem Auftritt in Berlin ein zwiespältiges Bild ab.

Auch von oben betrachtet sieht das gespenstisch aus. Die Bühne ist dekoriert wie die Weihnachtsauslage eines Musikaliengeschäfts, unzählige Lichterketten schlängeln sich über die Instrumente, sie tauchen die Szenerie in seltsam fahles Licht. Der Aufbau selbst ist schon deshalb ungewöhnlich, weil er um einen Frontmann gruppiert ist, welcher verschiedene Tasteninstrumente bedient, die nun über die halbe Bühne verteilt sind und kaum Bewegungsfreiheit zulassen.

Sie sehen ein bißchen aus wie Queen und spielen so wie U2. Das Geheimrezept für The Killers in den kommenden zwanzig Jahren? Die Band bei ihrem Auftritt in New York Ende August. (© Foto: AP)

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Als die Band schließlich die Bühne betritt, kann man gar nicht anders, als an das alte Lied von Kraftwerk aus dem Jahre 1977 zu denken: "Wir stehen hier rum / Und stellen uns aus / Wir sind Schaufensterpuppen".

Es ist eines dieser Berliner Geheimkonzerte, deren vorrangiges Ziel es ist, möglichst nicht geheim zu bleiben. Die Plattenfirma Universal hat ganz viele sogenannte Medienvertreter in das ehemalige Elektrizitätswerk an der Wilhelmstraße geladen und an die stets wohlunterrichteten Musikkreise der Stadt noch ein paar hundert Eintrittskarten verkaufen lassen.

Killers wollen die U2 der nächsten zwei Jahrzehnte werden

Wochen vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin stellt die Rockband The Killers an diesem Abend ihr zweites Album "Sam's Town" live vor. Unten im hell gefliesten Saal steht das zahlende Volk, oben stehen die Gästelistenclaqueure, auf einer Empore. Die oben werden Opfer einer ganz eigenen Klimakatastrophe, es ist das heißeste Konzert in Berlin seit langem, in zweifacher Hinsicht: Diese Band, die da unten statisch verharrt in der Pose derer, die immerzu nur seelisch implodieren und keinen körperlichen Ausdruck, keine motorische Befreiung zu finden scheinen für ihre Qualen, wird man in einem so überschaubaren Rahmen nie wiedersehen.

The Killers aus Las Vegas sind als Musikgruppe der erstaunlich unkaschierte Versuch, sich ebenso plan- wie kunstvoll in die Stadionrockwelt zu spielen. In Großbritannien vor allem, aber auch in den USA wurde das vor zwei Jahren verstanden: Mehr als fünf Millionen Exemplare des Debütalbums "Hot Fuss" wurden dort mittlerweile verkauft. In Deutschland hingegen missverstand man die Killers zunächst als eine dieser The-Bands mit einer zu großen Liebe für alte Sounds und einem absehbar kurzen Haltbarkeitsdatum, in Zehntausenden nur wurden die Albumverkäufe gezählt.

Wie groß das Missverständnis war, muss man nun mit "Sam's Town" anerkennen: Die Killers wollen die U2 der nächsten zwei Jahrzehnte werden, aber mit den musikalischen Ausdrucksmitteln von Queen, E.L.O., Bowie, Springsteen. Vieles spricht dafür, dass es gelingen könnte. Bono ist einer ihrer größten Fans.

Alles an diesem Album fällt ein bisschen groß aus

Die Projektförmigkeit der U2-Werdung geht bei den Killers so weit, dass sie die prominentesten künstlerischen Dienstleister der irischen Bombast- und Kunstrockband engagiert haben. Wie beim ersten Killers-Album ist Flood neben Alan Moulder der Produzent, Flood hat erstmals 1987 bei den Aufnahmen zu "The Joshua Tree" als Soundingenieur für U2 gearbeitet, später teilte er sich mit Brian Eno die Produzentenrolle beim Album "Zooropa" und mit Moulder die bei "Pop".

Fotografieren ließen sich die Killers für das Cover von "Sam's Town" ausgerechnet von Anton Corbijn, ausgerechnet in dem gleichen Wüstenszenario, in dem dieser einst schon U2 für das Cover von "The Joshua Tree" ablichtete. Diese äußeren Parameter allein definieren "Sam's Town" zwar keineswegs hinreichend. Aber sie zeigen, mit welcher Ambition diese Platte entstanden ist.

Die zehn Songs (und zwei Zwischenspiele) sind fast ausnahmslos auf einen einzigen Punkt hin konstruiert: auf die sofortige und totale Überwältigung des Zuhörers. Selbstverständlicher hat seit langem keine so junge Band die unbedingte Relevanz ihrer Großgefühlsmusik derart kunstfertig behauptet. Alles an diesem Album fällt ein bisschen groß aus.

Postmodernes Spiel mit Publikumsüberwältigung

Die Gitarren türmen sich zu pompösen walls of sound, das Schlagzeug variiert zwischen brutalem Gebratze und monströsem Marsch, die dramatische Stimme ist durchgängig auf Schärfe gefiltert. Allenfalls die arg billigen Achtziger-Jahre-Vintage-Sounds der Keyboards relativieren manchmal die schiere Überdimensionierung des Klangapparats, der für "Sam's Town" aufgefahren wurde.

Dazu kommen die Arrangements, komplett absehbar zwar in ihren Wendungen, Übergängen, Ruhephasen, aber allein die Call-And-Response-Bestandteile, wo die eh schon zum Überkippen tendierenden Lead Vocals noch gesteigert werden mit sagenhaft überkandidelten Männerchorpassagen, sind ein Wahnsinn. Oder Methode. Das haben sich so zuletzt tatsächlich nur E.L.O. und Queen getraut. Man weiß bloß nicht, ob das ein gutes Zeichen ist.

Denn wenn man die Gelegenheit hatte, die Band live zu sehen und mit den vier Mitgliedern zu sprechen, vor Monaten, als gerade fünf dieser Songs abgemischt waren: dann ergibt sich ein zutiefst zwiespältiges Bild. So groß die musikalischen Gesten, so groß die Metaphern in den Texten von Brendan Flowers, dem 25-jährigen Frontmann, so unscheinbar, nichtssagend, letztlich formlos sind die Menschen dahinter.

Umso schaler das Gefühl, hier werde noch einmal ein großes postmodernes Spiel aufgeführt, mit dem einzigen Zweck der Publikumsüberwältigung. Hier werde also ein gigantischer Second-Hand-Markt der Zeichen, Themen, Emotionen des klassischen Rock errichtet, ohne dass die Akteure ihr Material anders als technisch begreifen, jedenfalls nicht reflektieren oder gar ironisch damit umgehen.

Gerade in der nicht vorhandenen Bühnenpräsenz muss man bei den Killers wieder an Kraftwerk denken. Nur dass Letztere es als Strategie verstanden, sich dem Robotersein auf diese Weise symbolisch anzuverwandeln. In einem anderen alten Lied von Kraftwerk aus dem Jahr 1977 heißt es: "Der junge Mann betrat eines Tages den Spiegelsaal / Und entdeckte eine Spiegelung seines Selbst / Sogar die größten Stars / Entdecken sich selbst im Spiegelglas". Es ist, als hätten sie die Killers, die U2 der nächsten zwanzig Jahre, schon gekannt.

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(SZ vom 29.09.2006)