"Gesellschaft als Urteil" von Didier Eribon Didier Eribon und die Kraft der Scham

Es herrscht Klassenkampf, damals wie heute, und wir sollten aufhören, das zu leugnen, findet Didier Eribon. Im Bild: Präsident Macron in einer Fabrik im nordfranzösischen Amiens.

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Der französische Bestsellerautor analysiert in seinem neuen Buch, wie die Klassengesellschaft sich mitsamt ihrer Diskriminierungen selbst reproduziert. Doch er zeigt auch einen Ausweg auf.

Von Oliver Nachtwey

Nur wenige Sachbücher haben in den letzten Jahren eine ähnlich große Resonanz erfahren, erst recht keine, die die Lage der arbeitenden Klassen thematisierten. In den Feuilletons wie in linksradikalen Politgruppen, bei Bürgerlichen ebenso wie Gewerkschaftern war Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" das Buch der Stunde. Nun erscheint "Gesellschaft als Urteil", das Nachfolgebuch. Es ist eine Art Kommentarband, ein Metabuch, das erneut Elemente soziologischer Reflexion mit autobiografischer und literarischer Erzählung verknüpft. Eribon nimmt zentrale Fäden wieder auf: die Herkunft aus dem französischen Arbeitermilieu und die damit verbundene Scham, seine Homosexualität sowie der Aufstieg in das linksliberale akademische Milieu.

Die Möglichkeit, seine eigene Biografie, seine Klassenherkunft auf eine empirisch breitere Grundlage zu stellen, lässt er leider verstreichen. Er bleibt weiter ganz bei sich. Aber er erweitert die ursprüngliche Narration. Wie das Vorgängerbuch ist "Gesellschaft als Urteil" eine radikale Selbst-Introspektion, der Versuch, die eigene Scham zu überwinden, indem man sie offenlegt. Das Buch ist diesmal mehr eine Darstellung seiner Emanzipation durch die Literatur, es ist deshalb theoretischer, allgemeiner. Eribon begeht jedoch nicht den Fehler, auf dem Plateau der Abstraktion zu verharren, sondern er bindet seine Generalisierungen immer wieder an das konkrete Leben zurück. An seines und das seiner Familie, aber auch an das der von ihm verehrten und diskutierten Autorinnen und Autoren, unter anderem Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre und Annie Ernaux. Wie in den Romanen von Franz Josef Degenhardt ist das Personal seines neuen Buches dasselbe geblieben, nur die vorherigen Nebenfiguren werden jetzt stärker ausgeleuchtet, die alten Protagonisten treten in das zweite Glied.

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Nach einer langen Eröffnung, die mäandert, als sei Eribon ein soziologischer Knausgård, findet er zum eigentlichen Thema: Wie stark ist das soziale Erbe der Familie, kann man ihr entkommen? Kann es sich anders verhalten, als Proust vermutete, dass schließlich die Toten von den Lebenden Besitz ergreifen?

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Nicht so viel, dass soziale Mobilität nicht möglich wäre, Eribon selbst ist ein Beispiel dafür. Aber selbst der soziale Überläufer bleibt in seiner Abstammung verankert, die man nie ganz abstreifen kann. Nur mit viel Glück konnte Eribon die Gegenstromanlage des Bildungssystems durchschwimmen. Etwa durch seine Freundschaft mit Bourdieu, der ihm ein väterlicher Freund war, fast täglich habe er mit dem großen Soziologen gesprochen. Im Buch widmet er ihm längere Passagen, die einerseits von großer Verehrung geprägt, andererseits mit kleinen Vatermorden gespickt sind. Er legt beispielsweise nahe, dass Bourdieu aus biografischen Gründen seine soziologische Objektivität zuweilen habe fallen lassen, weil er in einer Studie die Gewalttätigkeit junger Araber herunterspiele.

Eribons Scham über seine Herkunft, daran erinnert er den Leser immer wieder, ist groß. So groß, dass er darüber mittlerweile zwei Bücher geschrieben hat. Groß ist aber auch sein akademisches Selbstbewusstsein. Denn nichts weniger als die Fortsetzung von Bourdieus "Die feinen Unterschiede" wolle er, so berichtet er im neuen Buch, geschrieben haben. Es sei nur dem Zufall geschuldet, dass er dieses Buch, das ihn Zeit seines Lebens intellektuell begleitet habe, in "Rückkehr nach Reims" nicht als eines seiner Lieblingsbücher aufgezählt habe.

Wer "Die feinen Unterschiede" kennt, kann nur den Kopf schütteln. So gelungen "Rückkehr nach Reims" ist, so grotesk ist diese Anmaßung. Bourdieus Hauptwerk ist eines der theoretisch ambitioniertesten, innovativsten und gleichzeitig empirisch gehaltvollsten Leistungen der Soziologie im 20. Jahrhundert.

Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 320 Seiten, 18 Euro. E-Book 17,99 Euro.

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Dennoch sind die Abschnitte des Buches, in denen Eribon analysiert, wie sich die Klassengesellschaft vor allem über das Bildungssystem und die Hochkultur selbst reproduziert, fabelhaft. Ihm kommt hier auch zu Gute, dass er nicht nur an Bourdieu, sondern auch an der Subjektivierungstheorie von Michel Foucault geschult ist. Das latente Wissen, die Riten, die Codes, der Konformitätsdruck legen den sozialen Aufsteigern derart viele Hürden in den Weg, dass ein Ankommen in den Milieus der kulturellen Elite nie abgeschlossen sein kann, weil es immer neue Inferiorität produziert. Der soziale Aufsteiger steht gleichzeitig unter dem Konformitätsdruck der neuen Umgebung, sich von seiner eigenen Herkunft zu distanzieren. Eribon erliegt ihm zuweilen selbst - auch dann, wenn er ihn thematisiert.