Geburtstag Schwebende Unbefangenheit

Die Starsopranistin Edita Gruberova wird 70. Sie gilt als Königin der Koloratur und Verfechterin des großen Belcantostils. Noch jenseits der sechzig glänzte sie als Lucrezia Borgia an der Bayerischen Staatsoper in München.

Von Helmut Mauró

Eine solch facettenreiche und technisch hoch entwickelte Stimme über Jahrzehnte zu halten, ist schon ein Wunder für sich. Vor wenigen Jahren noch glänzte Edita Gruberova in Gaetano Donizettis "Lucrezia Borgia" - da war sie schon jenseits der sechzig. Wer sie damals und noch viele Male danach an der Bayerischen Staatsoper in München gehört hat, wird instinktiv wissen, welch besondere Künstlerin, welches Naturwunder die Gruberova verkörpert.

Dass sie den Weg nach Wien, München und Zürich gefunden hat, war keineswegs selbstverständlich. 1946 wurde sie in der Vorstadt von Bratislava geboren, wuchs in der sozialistischen Tschechoslowakei auf, in einfachen Verhältnissen, wie man so sagt. Jedenfalls kamen Opernhäuser darin nicht vor. Wohl aber der Gesang im elterlichen Weinberg und in der Sonntagsmesse. Der Pfarrer, der noch selbst die Orgel spielte, war überzeugt: Das Mädel muss Sängerin werden. Die Professorin am Konservatorium sagte: Aus dir mache ich eine Koloratursopranistin, wie sie Bratislava noch nicht gesehen hat.

Die junge Sängerin aber träumte von den berühmten Häusern in den Metropolen. Doch statt nach Moskau oder gar in den Westen ging es 1968, nach dem Ende des Prager Frühlings, erst einmal in die Provinz. Am Opernhaus von Banská Bystrica in der Zentralslowakei singt sie die großen Rollen, gleichzeitig tingelt sie konzertierend durch noch kleinere Städte.

Ihre unbändige Sangesfreude bewirkt den großen, tiefen Ausdruck

Und dann kam der Tag, an dem sich das Leben der Gruberova mit einem Schlag änderte: Sie sang an der Wiener Staatsoper vor, die Arie "Königin der Nacht" aus Mozarts Zauberflöte, das hohe f kam, der Vertrag wurde noch auf der Bühne unterschrieben. In Wien ging jedoch wieder alles von vorne los. Sie war nur ein ganz normales Ensemblemitglied, ohne eine Chance auf die großen Partien. Für einen Sänger, der seine besten Jahre vorüberziehen sieht, ist dieser Zustand höchst frustrierend. Aber schließlich, 1976, gelang der Durchbruch als "Zerbinetta" in Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos". Seitdem führt sie die Spitze der Koloratursopranistinnen an.

Die Frage, inwieweit sie die wahre Belcanto-Kunst verkörpere, wird nur von Hardcore-Opernfans ernsthaft diskutiert. Sie bietet auf jeden Fall die große Farbpalette des Belcanto, und sie lebt jede Phase der Partitur mit. Es gibt Stellen, an denen sie weinen könnte, sagt sie. Sicher, die ursprüngliche Belcanto-Technik ist im 20. Jahrhundert gründlich ausgestorben, aber wenn man die Gruberova, bereits jenseits der 60, mit der Casta-diva-Arie aus Vincenzo Bellinis "Norma" mit ihrer ganz eigenen Art des Canto fiorito, der kunstvolle Ausschmückung des Gesangs, hört - ohne die hochdramatische Geste, mit der die Callas diese Partie zu einem Gewaltakt stilisiert -, wie sie in alter Manier die rasenden Läufe federleicht auf den Atem legt, dann vergisst man den Traditionsbruch schnell.

Was die Gruberova von anderen virtuosen Koloratursopranen unterscheidet, ist vielleicht die unbändige Freude, mit der sie sich seit jeher dem Gesang in die Arme wirft, wodurch sie gerade in den Koloraturen zu unvergleichlicher Tiefe und Größe des Ausdrucks findet. Da entsteht ein frei schwebender Gemütszustand, voller Energie, mit einer kleinen Prise Sehnsucht. Wie man sich eine solch heilige Unbefangenheit auch nach Niederlagen und Verletzungen bewahrt, das wissen nur die ganz großen Künstler. Edita Gruberova ist eine von ihnen.