Chuck Berry Ein Hoch auf Chuck Berry, der den Rock 'n' Roll in die Welt brachte

Unabhängigkeitserklärung aus dem Reich der Jugend: Chuck Berry, 1996.

(Foto: dpa)

Ob die Welt ihm je genug gedankt hat? Der Sänger, Songwriter und Gitarrist Chuck Berry wird 90 Jahre alt.

Von Willi Winkler

Das Lied vom Landei, das groß rauskommt mit einer Gitarre wie Glockenläuten, der Name riesengroß in der Leuchtreklame, ist ein einziger Betrug. Der "country boy" Johnny B. Goode sollte zunächst ein "colored boy" sein, aber ein Farbiger durfte nicht auftreten im weißen Radio der Fünfziger.

Sein Biograf Charles Edward Anderson "Chuck" Berry stammte auch gar nicht aus dem hinterwäldlerischen Louisiana wie der Bursche aus der primitiven Holzhütte, den er nach diesem fantastischen Intro vorstellt, sondern wurde 1926 in der ehemaligen Weltstadt St. Louis geboren, wuchs weit weg von gospelbetriebenen Baumwollplantagen auf und erhielt als Sohn eines Baptistenpredigers sogar einen gründlichen Schulunterricht.

In den Country Club durfte sein Vater aber nur, wenn er die Dielen ausbesserte oder die Fenster reparierte. Schwarze waren damals noch immer bessere Sklaven.

Ein Leben für die Bühne

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Als er zu einem Auftritt in den Südstaaten erschien, wurde Chuck Berry abgewiesen: ein Schwarzer, der über einen strammen Hillbilly sang? Nicht im Reich der Konföderiertenflagge, nicht dort, wo 1958 noch immer der Ku-Klux-Klan mitregierte.

Selbst im Jahr 1985 noch wurde Berry von den Weißen enteignet: Da spielte Michael J. Fox in "Zurück in die Zukunft" die Riffs von "Johnny B. Goode" und beeindruckt seine schwarzen Begleitmusiker damit so sehr, dass einer von ihnen seinen "Vetter" Chuck anruft, um ihn auf diesen "neuen Sound" hinzuweisen.

Für's Geschichtsbuch: Chuck Berry und niemand sonst hat ihn erfunden, den Grundwortschatz des Rock 'n' Roll.

Griffiger als jeder Kurzgeschichtenautor konnte er Porträts entwerfen

Was immer Musikologen vom Einfluss englischer Balladen und afrikanischer Gesänge erzählen, von Bill Haley und Elvis raunen, von Jazz und Blues und sonst frommem Sang, es war Chuck Berry, der den Rock 'n' Roll in diese irdische Welt brachte und sie mit einem Schlag verzauberte.

Er wusste von der Langeweile in der Schule, von der Jukebox, in die danach das Geld wanderte, vom Tanzen am Freitagabend, überhaupt vom Herzeleid der Teenager.

Griffiger als jeder Kurzgeschichtenautor konnte er Porträts entwerfen wie das von dem jungverheirateten Paar, das sich vom Kühlschrank bis zum Auto seine Konsumwünsche erfüllt, oder von der süßen Sechzehnjährigen mit ihrer Autogrammsammlung.