Gedanken, nicht nur zum heutigen Internationalen Frauentag: Was passiert eigentlich, wenn 100 Millionen Frauen in Asien gar erst nicht geboren werden?
An Tagen wie diesem werden gern ein paar Statistiken herumgereicht, in denen steht, dass es den Frauen weltweit besser oder schlechter geht. Frauen leben länger als früher, ihre Gleichstellung steht in Korrelation zu Demokratie und Menschenrechten, lernen wir. Gebt ihnen mehr Macht, heißt es beschwörend, prügelt sie nicht, weder zu Hause noch auf Demonstrationen in Istanbul, behandelt sie gut, und es wird zu aller Nutzen sein.
Ob diese beiden damit rechnen können, jemals eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen? (© Foto: AP)
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Das hört man nicht so oft an solchen Tagen. Das Problem ist ja auch weit weg, denkt man, dort hinten, in China und Indien und Pakistan und Korea. Dort werden 100 Millionen Frauen gar nicht erst geboren; nach anderen Schätzungen gibt es bereits 150 Millionen mehr Männer als Frauen. Diese Phantom-Frauen haben dort noch nicht einmal die Chance, darum zu kämpfen, dass sie es weiter bringen als ihre Mütter, denn diese Mütter werden sie gar nicht zur Welt bringen. Millionen weiblicher Föten werden abgetrieben. Manche nennen diese gezielte Abtreibung von Mädchen nur aufgrund ihres Geschlechts bereits "Gendercide", was nicht umsonst an Genozid erinnert. Abgesehen davon, darauf weisen immer mehr Demographen und Soziologen hin, könnte dies schon bald katastrophale Auswirkungen auf die betroffenen Gesellschaften haben -- und indirekt auf die gesamte Welt.
Es war der indische Nobelpreisträger und Ökonom Amartya Sen, der schon Anfang der neunziger Jahre auf das Phänomen der "missing women" in Asien aufmerksam machte. Üblicherweise, rechnete er vor, würden auf etwa 100 Geburten von Mädchen zwischen 104 bis 105 Geburten von Jungen kommen. Diese Differenz gleicht sich im Lauf der Jahre wieder aus -- Jungen, scheint es, sind körperlich etwas empfindlicher als Mädchen. Doch in Teilen Nordafrikas und Asiens, speziell in China und Indien, war die so genannte Sex-Ratio, also das zahlenmäßige Verhältnis von Frauen und Männern, völlig aus den Fugen geraten. Sen machte die schlechtere Behandlung von weiblichen Babies und Kleinkindern verantwortlich, mangelnde Ernährung, Krankheiten und Infantizid für die höhere Sterberate und -- schon damals -- selektive Abtreibungen. Während die Sterberate nach der Geburt inzwischen gesunken ist, vor allem durch allgemein bessere medizinische Versorgung, hat die Zahl der selektiven Abtreibungen radikal zugenommen.
Nach der Volkszählung des Jahres 2000 kommen inzwischen in China insgesamt bereits 120 Jungen auf 100 Mädchen. Auch in Indien steigt die Sex-Ratio an -- von 105,8 auf 107,9 Jungen in den letzten zehn Jahren. In Indien, schätzt man, werden jedes Jahr zwischen drei bis fünf Millionen Mädchen abgetrieben; eine Studie in einer Klinik in Bombay stellte fest, dass 7999 von 8000 vorgenommenen Abtreibungen weibliche Föten betrafen. Dabei sind die Verhältnisse in einzelnen Landesregionen noch drastischer -- in Teilen der indischen Bundesstaaten Rajasthan oder Bihar kommen nur noch 60 Mädchen auf 100 Jungen. In manchen Provinzen Chinas wie in Hainan werden inzwischen rund 134 Jungen auf 100 Mädchen geboren, Tendenz steigend.
Tatsächlich verursacht China den schlimmsten Fall von "missing women", Folgen der radikalen Ein-Kind-Politik, gekoppelt mit traditionellen Ansichten zur niedrigen Stellung der Frau. Immerhin haben sich die Regierungen Chinas und auch Indiens in den letzten Jahren bemüht, diesem Trend entgegenzuwirken. In beiden Ländern ist die geschlechtsselektive Abtreibung inzwischen verboten. Doch wer will das schon kontrollieren? Ärzte fahren mit mobilen Ultraschallgeräten in die Dörfer und stellen für geringe Summen in einer pränatalen Diagnose das Geschlecht des Kindes fest. Illegale Abtreibungen mögen teuer sein -- doch lange nicht so teuer wie die Mitgift für eine oder mehrere Töchter, die gerade die ärmeren Familien in den Ruin treiben kann. China hat, nachdem es das Problem jahrelang totgeschwiegen hatte, in den letzten Monaten verschiedene Kampagnen gestartet, um die Wertschätzung für Mädchen und Frauen zu erhöhen; doch gilt in vielen Familien weiterhin die Devise "Nicht in meinem Hinterhof". Soll doch der Nachbar die Töchter bekommen, selbst will man Söhne, denn nur die garantieren traditionell die Versorgung der Eltern.
Fehlen die Mädchen auf der einen Seite, wachsen auf der anderen Millionen junger Männer heran, die wohl nie damit rechnen können, eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen. Wer glauben sollte, dass den wenigen Frauen nun vielleicht mehr Wertschätzung entgegengebracht würde, da sich die "Nachfrage" erhöhe, der irrt sich. Bevölkerungswissenschaftler stellen sogar das Gegenteil fest: Frauen würden häuslicher Gewalt noch mehr ausgesetzt, junge Bräute würden im Haus eingesperrt, um genügend männlichen Nachwuchs zu produzieren. Aus China wird berichtet, dass Mädchen bereits verkauft oder gekidnappt werden -- das geringe Angebot bestimmt die Methoden der Nachfrage. In Indien werden Frauen aus dem Süden in den mädchenarmen, aber reichen Punjab verschickt.
Trotz aller Kampagnen werden in Asien Millionen von Männern ihr Leben lang "tote Äste" bleiben, wie die Chinesen sie nennen. "Bare Branches. The Security Implications of Asia's Surplus Male Population" (MIT Press, Cambridge, Massachusetts, 2004) ist auch der Titel einer Studie, die die beiden Politikwissenschaftlerinnen Valerie Hudson und Andrea den Boer vor wenigen Monaten veröffentlicht haben -- und in der sie die umstrittene These aufstellen, dass ein gravierender Mangel an Frauen für betroffene Gesellschaften und ihre Nachbarn ein direktes Sicherheitsrisiko darstellt. Denn es sind die armen, ungebildeten, sowieso schon benachteiligten jungen Männer der Unterschicht, die den Mangel am ehesten zu spürten bekommen -- bis zum Jahr 2020 werden das 12 bis 15 Prozent der jungen männlichen Bevölkerung sein. Psychologen haben einen Zusammenhang zwischen einer unausgewogenen Sex-Ratio und Kriminalität und Gewalt festgestellt. Kollektive Aggression geht hauptsächlich von Verbänden junger Männer aus. Soziologen argumentieren, dass Gesellschaften ohne stabile Familienstrukturen besonders anfällig für interne Aufstände seien. Was manche Regierungen dazu bewegen könnte, diese Aggression nach außen abzuleiten.
Hudson und den Boer ziehen einige historische Vergleiche, in denen ein ähnlicher Überschuss an "toten Ästen" zumindest verstärkend wirkte: in der HienRebellion Mitte des 19. Jahrhunderts, im Boxer-Aufstand in China, aber auch im mittelalterlichen Portugal, das eine Sex-Ratio von 100 zu 112 aufwies. Junge arme Männer verbanden sich zu kleinen Kampfeinheiten, junge Adelige vagabundierten im Land herum und bedrohten das Herrscherhaus. Man schickte sie in die Reconquista, in den Glaubenskrieg, um sie aus dem Weg zu haben. Kriegerische Quasi-Mönchsorden schlugen nicht selten in Banditentum um. Heute könnten viele dieser jungen, ungebundenen Männer einen gewaltigen Rekrutierungspool für Heilslehrer, Sekten, Söldner- und Terrororganisationen bilden.
Die Konsequenzen würden nicht nur die Ursprungsländer zu spüren bekommen. Amerikanische Politmagazine diskutieren bereits über mögliche Auswirkungen auf die internationale Machtkonstellation. Aber vielleicht ist die Geschichte von den "missing women" nur eine weitere Statistik über Frauen, die dann vergessen werden -- bis zum nächsten Jahr.
(SZ vom 8.3.2005)
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