Gastbeitrag Die Fatwa ist passé

Wie wäre es, wenn der Iran die Fatwa gegen Rushdie annulierte? Najem Wali in der iranischen Botschaft.

Von Najem Wali

Seit geraumer Zeit schon trug ich mich mit der Idee, und seit sich die Fronten verhärteten, ja den ganzen Weltfrieden in Gefahr gebracht haben, wurde es Zeit zu handeln. Ich musste den iranischen Botschafter in Berlin treffen, ihn überzeugen, ohne dass er mich für einen Wahnsinnigen hält, und er musste die Idee an seine Regierung in Teheran weiterleiten: Iran soll die Fatwa gegen Salman Rushdie aufheben.

Doch wie anfangen? Ich beschloss, erst einmal den irakischen Botschafter aufzusuchen. Nur er konnte mir einen Termin bei seinem iranischen Amtskollegen verschaffen. Die Beziehungen zwischen Bagdad und Teheran sind derzeit sehr eng. Außerdem sind die Botschaften in Berlin fast Nachbarn. Der irakische Botschafter enttäuschte mich nicht und organisierte den Termin, obwohl ich ihm nicht einmal verraten hatte, worum es ging. Nur das erfuhr er von mir: Ich wollte einen Vorschlag beim iranischen Botschafter vorbringen, einen Vorschlag kultureller Natur.

Am 8. Mai kam dann der Anruf. Am nächsten Tag würde mich der iranische Botschafter empfangen. Dann eine weitere Zuspitzung: Am Abend kündigte der amerikanische Präsident den Atomvertrag mit Iran auf. Verträge aufzukündigen, war in der Geschichte schon oft der erste Schritt zum Krieg. So war es mit Hitler, so war es mit Saddam Hussein. Auch er hatte im September 1980 den Vertrag mit Iran über den Grenzfluss Shatt al Arab aufgekündigt. Im selben Monat fing ein Krieg an, der acht Jahre dauerte.

Wie wäre es, wenn der Iran als Antwort auf Trump die Fatwa gegen Rushdie annulierte?

Am nächsten Tag ging ich entschlossen in die iranische Botschaft, einen Roman Rushdies und zwei Interviews unter dem Arm. Ein Mann stellte sich als Botschafter vor und fragte mich sehr höflich nach meinem Anliegen. Da zog ich das Buch aus der Tasche und sagte: "Schauen Sie, Herr Botschafter. Das ist der Roman ,Das goldene Haus' von Salman Rushdie. Der Roman ist als Parabel auf das Weiße Haus geschrieben, gegen Donald Trump." Dann legte ich die beiden Interviews auf den Tisch, in denen Rushdie über Saudi-Arabien als engen Verbündeten von Donald Trump sprach und über Petro-Dollars als Quelle des Terrorismus. Ein Schatten zog über das Gesicht des Botschafters.

Aber ich ließ nicht locker. "Schauen Sie", sagte ich zu ihm, "die ganze Welt wartet auf die Reaktion des Iran auf Trump. Wie wäre es, wenn Iran als Antwort darauf die Fatwa gegen Salman Rushdie annullierte?" Die Fatwa an sich ist passé, selbst Rushdie nimmt sie nicht mehr ernst. Er hat seine Leibwächter entlassen, die Fatwa ist sozusagen nur noch Tinte auf Papier, wie es in einem arabischen Sprichwort heißt. Warum sie nicht annullieren? "Außerdem wäre es eine geniale Idee, wenn Iran anschließend Rushdie und andere Schriftsteller wie die Israelis Amos Oz, David Grossman, den Amerikaner Paul Auster oder die Kanadierin Margaret Atwood nach Iran einladen würde, um die Atomanlagen zu besichtigen. Die ganze Welt würde Irans Entscheidung bejubeln, viele internationale Intellektuelle werden auf Irans Seite stehen in diesen schweren Zeiten, obwohl wir alle nicht unbedingt einverstanden sind mit dem politischen System des Iran."

Je länger ich redete, desto mehr verdüsterte sich sein Gesicht. Nein, kommt nicht in Frage, ließ er mich wissen. Salman Rushdie sei ein Mann, der ein Feld mit einem Streichholz in Brand gesteckt habe. Er habe Millionen von Muslimen beleidigt. Eine lange Predigt folgte. Ich dachte bald nur noch: Ob ich wohl ohne Schaden aus der Botschaft rauskäme? Endlich wechselte er das Thema. Wenn ich nach Teheran kommen wolle, um aus meinem Roman zu lesen, solle ich es ihm sagen, damit er mir eine Einladung vom Schriftstellerverband besorge. "Nein", sagte ich: Wenn, dann käme ich nicht allein, sondern nur gemeinsam mit Rushdie und anderen Kollegen.

So verließ ich die Botschaft, traurig zwar, aber mit einem Schimmer Hoffnung. Vielleicht gilt sein Nein nur mir, vielleicht spricht er trotzdem mit seiner Regierung, dachte ich mir. Vielleicht sagt er dann nicht, vom wem die Idee stammt? Vielleicht will er sie selbst gehabt haben? Und vielleicht machen sie das dann ja auch, annullieren die Fatwa und laden Rushdie nach Teheran ein? Sollen sie meine Idee stehlen. Willkommen. Außer einem weiteren Krieg ist alles willkommen.

Najem Wali, geboren 1956 in Basra im Irak, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Saras Stunde" (Hanser Verlag).