Galen Strawson Irgendetwas ist drin

Kann die Hirnforschung das Rätsel des Bewusstseins lösen? Darüber ist gerade ein Streit entbrannt.

Interview von Johan Schloemann

In London läuft gerade "The Hard Problem" - das jüngste Stück des britischen Dramatikers und Drehbuchautors Tom Stoppard. Gemeint ist mit der "wirklich schweren Frage" ein großes Thema der Philosophie: das sogenannte Leib-Seele-Problem. Wie kommt der Geist in den Körper? In ihrer aktuellen Form heißt die Frage: Was kann man mit Computer- und Hirnforschung über das menschliche Bewusstsein herausfinden?

Neulich nahm der britische Philosoph Galen Strawson das Stück von Tom Stoppard zum Anlass, im Times Literary Supplement einen großen Essay darüber zu schreiben. Daraufhin entbrannte in dem Magazin eine heftige, sich über mehrere Wochen hinziehende Leserbriefschlacht. Die SZ hat mit Strawson gesprochen und ihn gebeten, diese Kontroverse zu erklären.

SZ: Professor Strawson, Sie schreiben einen Essay über die Philosophie des Bewusstseins - und daraufhin werfen namhafte Philosophen einander Idiotie, intellektuelle Faulheit und mentale Zurückgebliebenheit vor. Was ist denn da los?

Galen Strawson: Nun, es gibt eben Philosophen, die meinen, an das menschliche Bewusstsein als eine Tatsache zu glauben, so wie wir das normalerweise tun - dies sei irgendwie nicht vereinbar mit den gegenwärtigen Naturwissenschaften, mit den Auffassungen des Naturalismus.

Und diesen Kollegen widersprechen Sie, etwa dem amerikanischen Philosophen Daniel Dennett? Der ist ein "Reduktionist" - er behauptet, unser Bewusstsein sei, vereinfacht gesagt, eine Illusion.

Ja - Daniel Dennett würde das selber zwar abstreiten, aber so ist es. Diese Skepsis in Bezug aufs Bewusstsein ist in der analytischen Philosophie auch sonst gerade ziemlich verbreitet.

Was ist denn falsch an dieser Skepsis?

Zunächst ist wichtig: Man darf sie nicht verwechseln mit der berühmten Aussage des deutschen Mediziners und Wissenschaftstheoretikers Emil Du Bois-Reymond aus dem Jahr 1872: dass wir nicht wüssten und nie genau wissen würden, wie sich Leib und Seele zueinander verhalten ("Ignoramus et ignorabimus"). Die heutigen Naturalisten sagen etwas anderes: Sie treffen die ontologische Aussage, dass das Bewusstsein gar nicht existieren könne. Dazu sage ich: Das ist die albernste Annahme in der Geschichte des menschlichen Denkens.

Und warum finden Sie diese Annahme so albern?

Das ist ganz einfach: Wir fühlen Schmerzen, wir sehen Farben, wir hören Musik. Es ist sehr rätselhaft, wie man behaupten kann, all das sei nicht wirklich. Es ist sicher eine ganz andere Frage, wie das alles genau funktioniert; aber das Bewusstsein selber ist schlicht ein Faktum.

Ihre Kontrahenten würden dazu sagen: Es scheint nur so, als hätte man ein Bewusstsein von etwas.

Aber dann könnte man ewig weiter sagen: Du scheinst nur zu scheinen, ein Bewusstsein zu haben. Du scheinst nur zu scheinen zu scheinen, ein Bewusstsein zu haben - und so weiter . . . Ich aber sage: Das "Scheinen", also die Erfahrung von Bewusstsein, ist phänomenologisch selber schon die entscheidende Tatsache.

Aber woher kommt die extreme Polemik, woher die Schärfe und Leidenschaft der gegenseitigen Attacken gerade bei diesem Thema?

Was geht nur vor in unseren Köpfen? Messung von Hirnströmen in einer Londoner Klinik, 1940.

(Foto: Getty Images)

Nun, nehmen Sie die Debatten über den freien Willen - ich glaube, die sind nicht weniger leidenschaftlich. Philosophen - oder manche Philosophen - streiten sich eben gerne. Wenn jetzt einige auf den Leserbriefseiten und in den Kommentarforen im Internet sagen: Wir sind es leid, dass die Philosophen sich öffentlich die Köpfe einschlagen - dann würde ich entgegnen: Es gibt doch genau so viel Streitlust unter Literaturwissenschaftlern oder Historikern - etwa über die Identität von Shakespeare oder die Gründe für den Ersten Weltkrieg . . .

Auf welchem Stand befindet sich denn Ihrer Meinung nach heute die Diskussion über das Bewusstsein, über das "Leib-Seele-Problem"?

Nun, es gibt eben die Naturalisten - ich nenne sie "the noturalists" (etwa: "naturalistische Neinsager"). Denn wer sich selbst heute einen "Naturalisten" nennt, der ist in Wahrheit oft ein ultimativer Anti-Naturalist.

Warum denn das?

Weil er eines der offenkundigsten natürlichen Phänomene verneint, eben das menschliche Bewusstsein. Ich verweise da gerne auf Rudolf Carnaps Schrift "Der logische Aufbau der Welt" von 1928: Carnap, ein Pionier der analytischen Philosophie, versuchte die Frage auf grundlegende sinnliche Gegebenheiten zu reduzieren: "blau, hier, jetzt", wie eine scherzhafte Zusammenfassung lautet. Carnaps Programm war also durchaus naturalistisch - aber auch für ihn war das Bewusstsein zunächst eine grundlegende Gegebenheit.

Es werden ja große Hoffnungen in die Hirnforschung und die Kognitionswissenschaften gesetzt - dass wir in Zukunft mehr neurologische Fakten zum Funktionieren des Bewusstseins bekommen. Gehören Sie zu denen, die sagen: Das wird uns nie helfen, das Mysterium des menschlichen Geistes zu verstehen?

Ja, schon. Es gibt aber ein großes Problem in dieser Debatte: Wenn Sie als Philosoph eine solche Position formulieren, gelten Sie als Spielverderber, und manche Naturwissenschaftler werden sehr böse. Man muss aber darauf beharren, dass diese Skepsis eine klare wissenschaftliche Grundlage hat - und nicht etwa mit Wissenschaftsverweigerung von Philosophen verwechselt werden darf, die keine Ahnung haben.

Es gibt in der Sache also keine grundsätzliche Feindschaft der Philosophen gegenüber den Naturwissenschaften?

Nein, bei mir jedenfalls nicht. Doch die Neurowissenschaften können in dieser Frage nur die physiologischen Details erklären, nicht aber die Sache selbst. Das Eine ist, was wir im Gehirn sehen; das Andere ist, was wir als Bewusstsein erfahren.

Aber könnten nicht doch einige Experimente klarer machen, wie das, was wir Bewusstsein nennen, funktioniert - während die Wesensfrage möglicherweise ungeklärt bleibt?

Nun, vielleicht lässt sich die Hälfte der "Wie"-Frage klären. Man könnte die sogenannten Neuro-Korrelate des Bewusstseins identifizieren, also seine Entsprechungen im Hirn. Vielleicht habe wir tatsächlich demnächst so einen Super-Scanner - man blickt damit in ein Gehirn und sagt seinem Gegenüber: "Oh, du siehst gerade rot." Oder: "Du siehst einen Stuhl."

Wäre das nicht aufregend?

Mag sein. Wir hätten dann ein exaktes Wissen über die Entsprechungen der Bewusstseinsinhalte. Leider auch nicht mehr. Denn eine Korrelation ist eben etwas ganz anderes als eine Erklärung. Die Forschung könnte sagen: "Wir wissen, dass dies und das im Gehirn passiert, wenn du rot siehst." Aber damit hätten wir nicht das Bewusstsein verstanden.

Galen Strawson war Professor in Reading und lehrt seit 2012 an der University of Texas in Austin. Er schrieb mehrere Bücher zur Philosophie des Geistes.

(Foto: privat)

Wenn also nicht mit Neuro-Experimenten - lässt sich denn das Mysterium des Bewusstseins innerhalb der Philosophie aufklären, mit philosophischer Argumentation?

Um eine sehr lange, durchaus auch produktive Geschichte mit einer brutalen Antwort zu verkürzen: Ich fürchte, nein. Aber das sehen andere Denker anders, etwa der australische Philosoph David Chalmers. Von ihm hat übrigens Tom Stoppard den Titel seines Stücks "The Hard Problem" übernommen.

Was halten Sie denn von "Künstlicher Intelligenz"?

Mit dem Begriff habe ich gar keine Probleme. Solche "Intelligenz", oder sagen wir: kognitive Effizienz, ist ja etwas anderes als Bewusstsein. Die Philosophen behandeln das Problem mit dem "Zombie"-Gedankenexperiment: Wie wäre ein Wesen, das verhaltensmäßig so kompliziert wäre wie wir Menschen, das aber im Innern keinerlei menschliches Bewusstsein hat?

Und?

Nun, es lässt sich schwer argumentieren, dass Rechenoperationen und technische Verschaltungen nur möglichst viel Komplexität erreichen müssen, um plötzlich die Erfahrung von Bewusstsein zu erleben. Man kann jedenfalls nicht einfach sagen: Das Wesen, das wir geschaffen haben, ist jetzt sehr kompliziert - also muss es deshalb auch Bewusstsein haben wie ein Mensch.

Sie hingegen bringen in Ihren Schriften Argumente für einen "Pan-Psychismus". Was ist das? Alles ist beseelt?

Das klingt vielleicht ein bisschen verrückt, aber die philosophische Argumentation geht so: Erstens wissen wir, dass wir Bewusstsein haben (hier steigt Daniel Dennett schon aus). Zweitens glauben wir, dass wir komplett physisch, also aus körperlichen Dingen zusammengesetzt sind (hier steigen die Idealisten aus). Drittens kann unser Bewusstsein unmöglich nur durch das Arrangement von körperlichen Elementen entstanden sein (hier steigen die Naturalisten aus). Wenn man diese Prämissen akzeptiert und die Möglichkeit eines spontanen Wunders ausschließt - dann muss Bewusstsein, muss etwas Psychisches in den physischen Elementen selbst stecken. Deshalb: "Pan-Psychismus".

Sind Sie böse, wenn wir da jetzt aussteigen?

Nein, aber das Problem bleibt natürlich bestehen. Sie sehen: Der Stoff für Streitigkeiten geht der Philosophie nicht aus.