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Funk-Legende Chuck Brown gestorben Impresario des positiven Denkens

Stundenlanger Flow, und doch ständig etwas Neues: Chuck Brown hat mit "Go Go" die auch heute noch immens populäre Musik des schwarzen Washington erfunden. Auch München hat er damit erobert, aber der weltweite Erfolg blieb ihm verwehrt. Nun ist er gestorben.
Karl Bruckmaier

Es gibt Städte in den USA, da spielt die Musik ein klein wenig anders. Chicago etwa. Der Sonnensound aus Los Angeles. Seattles dröhnende Gitarrenbrecher, auf denen man eben nicht surfen, vor denen man nur in Deckung gehen kann. Die komplexen Rhythmen aus New Orleans. Manchmal gelingt es diesen einer Stadt eingeschriebenen Sounds, einen kommerziellen wie künstlerischen Siegeszug um die Welt anzutreten: Chicago Blues, Grunge, Gangsta Rap.

"Godfather of Go Go": Chuck Brown beim St. Lucia Jazz Festival, ein Jahr vor seinem Tod.

(Foto: REUTERS)

Aber oft genug schafft es eine bestimmte Musik kaum über die Stadtgrenzen hinaus und verliert proportional zur Entfernung von den heimischen Clubs an Kraft und Bedeutung. Go Go ist so ein Fall, die auch heute noch immens populäre Musik des schwarzen Washington, der "Chocolate City". Ihr Schöpfer und verehrtester Protagonist Chuck Brown ist am Mittwoch an den Folgen einer Lungenentzündung im Alter von 75 Jahren gestorben.

Go Go war in den siebziger Jahren die lokale Antwort auf den einsetzenden Erfolg der Disco-Musik. Washington war damals P-Funk-Territorium, eingeschworen auf die durchgeknallten Science-fiction-Klänge eines George Clinton. Doch die hedonistische Leichtigkeit von Disco, das sexuell ambigue Flair, die endlos ineinander gemixten Hits von Schallplatte machten den manchmal schwerfälligen Basssalven der Funk-Bands im Kampf um die Vorherrschaft in der Samstagnacht schwer zu schaffen.

Chuck Brown modifiziert den Funk nach den Gegebenheiten von Disco: Das Schlagzeug mit einem ebenso simplen wie stetigen Rollen drängte in den Vordergrund, der Bass musste seine Dominanz abtreten. Sänger, Bläser, Tasteninstrumente, Tänzer garnierten den über Stunden durchgehenden Flow des ewig gleichen Beats mit Riffs, Extempores aus aktuellen Hits, kleinen Kunststücken, kurzen Ausbrüchen der Bläsersektion.

Und über alledem pflegte die ebenso tiefe wie gut gelaunte Stimme von Chuck Brown eine Art Proto-Rap; auf minimale Gute-Laune-Botschaften eingedampft konnte man seinen Texten stundenlang zuhören und meinte, nie dasselbe vorgesetzt zu bekommen, sondern von einem Impresario des positiven Denkens immer weiter in eine wunderbare Nacht hinausgetrieben zu werden.

Wenn Weihnachten nahte, dann hatte Chuck eine Nikolausmütze auf, wenn er den Blues brauchte, dann beschwor er den "Stormy Monday" herauf; Latin und Jazz wurden auf verwendbare Versatzstücke abgesucht: Nein, er war sich für nichts zu schade hinter seinen dunklen Sonnenbrillengläsern, auch nicht mit 75. Washington hat ihn immer geliebt; Trouble Funk oder E.U. formten ihre Shows nach seinem Vorbild.

Doch die Popwelt hatte stets andere Vorlieben: Nur mit "Bustin' Loose" konnte Chuck in die Charts einziehen. In den achtziger Jahren lag ihm speziell München zu Füßen, weil Browns deutsches Label von hier aus die Welt mit dem Go Go-Sound erobern wollte. Vorbei. Aber nicht vergessen.