Fünf-Seen-Filmfestival In der Möbiusschleife

Besonders entspannt wirkt die Familie nicht, die die Dachauerin Agnes Jänsch in ihrer Videoinstallation "Wir waren sehr glücklich" festgehalten hat.

(Foto: Agnes Jänsch)

Bei der "Videoart" dominieren Beiträge, welche die Ausweglosigkeit des Alltags thematisieren. Das Motto lautet: "Das Fremde im Eigenen"

Von Sabine Reithmaier

Christoph Brech ist schon zum dritten Mal in der "Videoart" des Starnberger Fünf-Seen-Filmfestivals vertreten. Dieses Mal mit jener Arbeit, die er 2013 schuf, als die Porträtgalerie der Bayerischen Staatsoper aus Anlass ihrer 50-jährigen Wiedereröffnung ihren Bestand mit 21 neuen Bildern ergänzte. "Komisch", sagt der Kurator Christoph Nicolaus leicht irritiert. Aber natürlich ist es nicht komisch, sondern eher logisch. Denn die achtminütige Installation des Münchner Künstlers passt ideal zum Motto der Videoart: Das Fremde im Eigenen.

Brech hat sich in seiner Arbeit auf den Sänger Wolfgang Koch konzentriert. Der schlüpft in ständiger Überblendung in sieben Rollen und fixiert den Betrachter mit seinem Blick. Sein wirkliches Gesicht sieht man nie. Seit 2013 zeigt das Fünf-Seen-Filmfestival in der Sektion "Odeon" auch Künstlerfilme und internationale Videokunst. Für die Auswahl letzterer sind vier Kuratoren zuständig: Neben Christoph Nicolaus und Rasha Ragab aus München sind das Juschi Bannaski und Roman Wörndl aus Berg, allesamt selbst bildende Künstler. Sie haben 19 Arbeiten ausgesucht, darunter von Künstlern wie David Bertram, Nicolas Humbert & Werner Penzel, Sven Johne, Marcus Kaiser, William Kentridge, Bjørn Melhus, Nira Pereg, Daniel Permanetter, Julian Rosefeldt, Elaine Shemilt, Marc Schmitz oder Bill Viola. Eine Ausschreibung gab es nicht, "dann müssten wir Leuten absagen, das wollen wir nicht", sagt Nicolaus, der in München auch den monatlichen "Klang im Turm" oder "Kunst im Bau" betreut.

2013 hatte sich der Filmfestivalleiter Matthias Helwig erstmals an Roman Wörndl gewandt mit der Idee, in der Sektion "Odeon" auch Videokunst unterzubringen. Im ersten Jahr waren es nur fünf Filme, die sich unter dem Titel "Zwischenwelt" mit der Wirklichkeit und ihren Spiegelungen befassten. Für 2014 holte Wörndl Christoph Nicolaus ins Team. Die erste gemeinsame Reihe hieß "Ich glaube an nichts, oder?", Filme, die sich im Spannungsfeld zwischen religiösem Fundamentalismus und weltlicher Orientierung mit dem Thema Glauben beschäftigten.

Nach der Pause 2015 haben sich die Kuratoren in diesem Jahr für das Motto "Das Fremde im Eigenen" entschieden. Helwig sei zwar anfangs skeptisch gewesen, erinnert sich Nicolaus. Aber zweifellos ist die Furcht vor dem Fremden ein aktuelles Thema, auch wenn die Kuratoren nicht auf die Flüchtlingsdebatte abzielen. "Auch wenn diese Furcht unter verschiedenen Perspektiven betrachtet werden soll, geht es uns doch in erster Linie um das Fremdgefühl im Eigenen, ob in persönlicher, familiärer, kultureller oder religiöser Hinsicht", sagt Christoph Nicolaus.

Das Fremde im Vertrauten bringt Agnes Jänsch, vor vier Jahren mit einem Tassilo-Preis der Süddeutschen Zeitung ausgezeichnet, gut auf den Punkt. Sie zeigt in "Wir waren sehr glücklich" familiäre Situationen, die an Fotos aus den Fünfzigerjahren erinnern. Die Familienmitglieder scheinen sich anfangs ganz normal zu unterhalten. Aber schon nach wenigen Sätzen beginnt alles von vorn, Handlungsschleifen und Texte der Akteure passen aber nicht mehr zusammen. Durch die Verschiebung ist ein Dialog nicht mehr möglich. Obwohl alles völlig realistisch wirkt, driftet die Szenerie ins Absurde ab, verengt sich von Loop zu Loop ins Beklemmend-Bedrohliche.

Auch Veronika Veit konzentriert sich in ihrem Video "Die Faust" auf eine Familiensituation: Mutter und Tochter sitzen am Kaffeetisch, wickeln Garn, als plötzlich ein Fisch aus der Kaffeekanne springt. Die Mutter reagiert ziemlich cool und behält die Situation komplett unter Kontrolle. Rasha Ragab, in Ägypten geboren und auch Kuratorin im "Museum of Modern Egyptian Art" in Kairo, mag diesen Film aber besonders wegen des Gesichtsausdrucks des Mädchens, das hin- und hergerissen ist zwischen Staunen, Zuneigung, Ablehnung und Ekel.

Ragab und Nicolaus arbeiten unter dem Künstlernamen "Toffaha" seit 2012 zusammen. Von ihnen stammt der Beitrag "Sayal". Eine Hütte aus Fenstern und Fensterläden, ein Tisch mit Zeitungsstapel, ein Holzofen, ein Hund und eine reglose schwarz verhüllte Gestalt vor einem Fenster. Lang scheint nichts zu passieren.

Christoph Nicolaus mag sich auf keinen Favoriten festlegen. "Ich finde alle auf ihre Art sehr gut", sagt er. Und hofft, dass das Publikum des Fünf-Seen-Filmfestivals sich auch dieser Ansicht anschließt. Trotzdem werden sich die Zuschauer für einen der Filme entscheiden müssen, um den mit 500 Euro dotierten Publikumspreis zu vergeben. Einen weiteren Preis (1000 Euro) vergibt eine fünfköpfige Fachjury.

Videoart beim Fünf-Seen-Filmfestival, Sonntag, 31. Juli, erster Teil 11 Uhr, zweiter Teil 15 Uhr, Kino Breitwand Starnberg, Informationen im Internet: www.fsff.de