"Frösche" von Literaturnobelpreisträger Mo Yan Die Untaten alter Tanten

Zu Gugus Kummer ist das erste Baby, das sie mit ihren neuen Methoden holt, "das Balg eines Großgrundbesitzers". Zudem muss sie zunächst eine alte Wehmutter aus dem Weg räumen, die mit ihrer Quacksalberei beinahe Mutter und Kind ums Leben gebracht hätte. Wenn Gugu eine film- und propagandareife Synthese von Kung-Fu und Geburtshilfe hinlegt, dann wird überspielt, dass der Vater über seinen neugeborenen Sohn nicht nur Freudentränen vergießt: "Es gab so viel, das er nicht auszusprechen wagte, die Verehrung der Familienahnen, das täglich brennende Räucherwerk am Hausaltar, die Ahnenhalle des Clans, die Großfamilie." Auch der ehemalige Gutsbesitzer Chen ist hier ein "Mo Yan", denn "für einen wie ihn war das bloße Aussprechen ein Schwerstverbrechen".

Leider hat sein Sohn diese Weisheit nicht geerbt und als Schulkind ebenfalls eine falsche Äußerung getan: Nicht nur Chen Nase selbst hätte deshalb bitter zu leiden gehabt, "sondern mehr noch seine Eltern. Sie starben nach schwerer Folter an ihren Verletzungen und bezahlten seine kleine Gedankenlosigkeit mit dem Leben".

Auch die Bilderbuchrevolutionärin Gugu bleibt nicht verschont. Nachdem sich ihr Verlobter mit seinem Kampfjet nach Taiwan abgesetzt hat und erst recht während er Kulturrevolution bekommt sie zu spüren, wozu ihre Mitmenschen fähig sind. Das Böse gewinnt hier eine Massenbasis: "Die Massen sind erfinderisch, wenn es um das Ausschmücken und Dazuerfinden geht, sie verfügen über eine überbordende bösartige Phantasie."

Komik und Grausamkeit

Wenn Gugu die Inkarnation des Höllenfürsten ist, dann ist der Erzähler dessen Diener und Klient. Die erste Frau stirbt bei einer späten Abtreibung, zu der er sie, um seine Militärkarriere bangend, gedrängt hat. Seine zweite Frau wird als Mittfünfzigerin mit Gugu eine Schwangerschafts-Farce inszenieren, bei der eine durch einen Brand entstellte junge Frau zunächst als jungfräuliche Leihmutter missbraucht und dann um Kind und Honorar betrogen wird. Dass "Frösche" trotz alledem ein überaus unterhaltsamer, ja manchmal heiter anmutender Roman ist, führt einem die Ambivalenz positiven Denkens und die korrumpierende Kraft der Schadenfreude vor Augen. Komik und Grausamkeit, Subtiles und Derbes gehen Hand in Hand.

Als die Schwiegereltern des Erzählers ihre schwangere Tochter nicht verraten wollen, sucht Gugu sie damit zu erpressen, den Besitz ihrer Nachbarn zu verwüsten und lässt ein Stahlseil um den Stamm eines alten Baums legen. Dessen behinderter Besitzer "schleuderte den Krückstock fort und schlang beide Hände um den Baum. Er weinte: ,Ihr dürft meinen Baum nicht rausreißen. Backe sagt, der Baum liegt auf der Lebensader unserer Familie. Nur wenn es dem Baum gut geht, geht es unserer Familie gut.'" Gugu grinst und lässt den Kettentrecker mit der Arbeit beginnen. Das Seil strafft sich, die Äste des Baumes zucken und zittern. Das Seil schneidet in die Rinde, so dass Saft austritt, und als der riesige Baum in die Schräge kommt, entfahren dem Stamm "berstende, leidvolle Geräusche". Ein Stück Borke wird abgezogen, "so dass man die weißen Holzfasern sehen konnte". Dass senkt sich die Krone, und aus dem Boden brechen wie Riesenschlangen die Wurzeln hervor.

"Die guten Menschen sind Menschen, die Bösen auch"

Bis heute kann es unliebsamen Chinesen geschehen, dass man ihre Häuser "plattmacht". Doch hier wird die Entwurzelung einer ganzen Kultur in das beklemmende Bild eines geschundenen Baums gefasst. Was Revolution, was großer Hunger, was die Demütigungen der Kulturträger während der Kulturrevolution und die Zerstörung der Ahnenreihen durch die Ein-Kind-Politik nicht geschafft haben, wird hier mittels der Technik vollendet.

Gugu hat sich im Alter eine Rechtfertigung zurechtgelegt, nach der die Seelen der durch ihre Schuld ungeborenen Kinder eine zweite Chance erhielten und nun an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit zur Welt kämen, aber das sei Selbstbetrug, meint der Erzähler: "Jedes Kind ist immer einzigartig und lässt sich durch nichts und niemals ersetzen". Aber hat er selbst nicht versucht, ein abgetriebenes Kind zu ersetzen und damit ein unglückliches Mädchen noch tiefer ins Unglück gestürzt? "Die guten Menschen sind Menschen, die Bösen auch", sagt Gugu.

Doch wen interessieren im neuen China die Untaten alter Tanten? Wer es sich leisten kann, bekommt seine Wunschkinder mit einer Zweitfrau oder bezahlt eine Leihmutter. Es gibt luxuriöse Geburtskliniken und eine obskure "Froschzuchtfarm", die dem Erzähler einen späten Sohn beschert. Und die Ärmeren dürfen im neuen Niangniang-Tempel der großen Himmelsmutter Tianhou wieder um ihr Wunschkind beten. "Überall Fröschequaken ohne Ende", laute der Vers eines Song-Gedichts, der ihn seit Kindertagen verfolge, gesteht Mo Yan. Seltsam, dass man diesen Dichter für einen Staatsschriftsteller halten konnte.

Mo Yan: Frösche. Roman. Aus dem Chinesischen übersetzt von Martina Hasse. Carl Hanser Verlag, München 2013. 509 Seiten, 24,90 Euro.

Zwischen Blumen und Vorwürfen

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