SZ-Serie "Aufmacher" (XLVII): Fritz René Allemann, literarisch hochbeschlagen, ein Kenner vor allem der großen Autoren von Weimar.
In dem freundlichen Nest bei Würzburg, das sich Fritz René Allemann und seine Frau Xenia von Bahder als Altersitz gewählt hatten, wusste kaum einer seiner Nachbarn, dass der bescheidene Herr von nebenan einer der großen Journalisten deutscher Sprache im zwanzigsten Jahrhundert war.
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Er machte nichts von sich daher.
Als er im Oktober 1996, schon lange kränkelnd, im Alter von 86 Jahren starb, schickte weder die Bundesregierung, noch die Schweizer Botschaft, weder einer der Verlage, die seine Bücher druckten, noch eine der Zeitungen, für die er schrieb, einen Vertreter oder wenigstens einen Strauß ans Grab. Die Bundesrepublik Deutschland und die Eidgenossenschaft wären ihm wahrhaftig zu Dank verpflichtet. Von der heimatlichen Schweiz hatte er - in einer ebenso gründlichen wie elegant-vitalen Beschreibung der sechsundzwanzig Kantone und Halbkantone - ein modernes Portrait entworfen, das vier Jahrzehnte später noch immer konkurrenzlos geblieben ist.
In Deutschland aber ist jedem Redaktionsvolontär, der auf sich hält, der sprichwörtliche Titel seiner klassischen Studie über unsere zweite Demokratie geläufig: "Bonn ist nicht Weimar " - eine These, die sich mit einigen Vorbehalten auf die Republik von Berlin übertragen lässt. Das Buch selber hat so gut wie niemand gelesen. Von der ersten und einzigen Auflage im Jahre 1956 wurden 2700 Exemplare verkauft. Nach Allemanns eigenem Zeugnis waren die Reaktionen eher negativ. Die Mehrzahl der Intellektuellen belächelten den naiven Optimismus des Autors, der keineswegs davon überzeugt war, dass die Bonner Republik im würgenden Griff der Restauration ersticken oder, noch schlimmer, über kurz oder lang vor den Bataillonen des Neonazismus kapitulieren müsse - spätestens bei der ersten Wirtschaftskrise, von der die Kanzler-Demokratie des starrsinnig-autoritären Greises Konrad Adenauer heimgesucht werde.
Nur ein kleiner Kreis von Freunden - unter ihnen freilich politische Talente vom Schlage Willy Brandts und Fritz Erlers - stimmten seiner Diagnose zu, die dem jungen Staat trotz aller Gefährdungen eine Chance gab: weil, so der Kern seiner Argumente, die Totalität der deutschen Niederlage keine Flucht in eine "Dolchstoss-Legende", kein Leugnen der historisch beispiellosen Verbrechen des Regimes (auch am eigenen Volk), keinen Protest gegen ein neues "Diktat von Versailles", keine brütende Revanche-Verschwörung duldete. Vielmehr sei - dies der entscheidende Eindruck bei einer Deutschland-Reise des Londoner Korrespondenten der Züricher Tat in die Trümmerwelt des Jahres 1945 - der revolutionäre Nationalismus mit dem Untergang des Dritten Reiches ausgebrannt. Die Deutschen weigerten sich nicht länger, die Überlegenheit der Demokratien, das heißt: der Gesellschafts- und Staatsordnung des aufgeklärten Westens anzuerkennen. Die Bundesrepublik Deutschland sei mithin nicht schicksalhaft dazu verdammt, den Weg der ersten Republik in den Abgrund zu gehen.
Sämtliche Wahlen bestätigten, dass den rechtsradikalen Parteien nach den ersten Anläufen allemal der Atem ausging, und sie nach kurzer Frist, eine wie die andere, im Nichts versackten.
So ist es, ein halbes Jahrhundert danach, noch immer. Der Linksradikalismus hatte, da der Mehrzahl unserer Landsleute die Russen-Angst (nicht nur aus schlechtem Gewissen) im Nacken saß und die Spießer-Diktatur der SED kein attraktives Vorbild sein konnte, niemals die geringste Chance, sich aus seiner sektenhaften Erstarrung zu befreien. Und das Gespenst der "Restauration", das Allemann in einer vernichtenden Kritik von Wolfgang Koeppens Roman Das Treibhaus, geschrieben 1954, "ein schillerndes Ungetüm" nannte, "nie definiert, nie greifbar, polypenhaft vielarmig und schleimig dazu"?
Das Phantom behexte seit Walter Dirks' fatalem Essay in den Frankfurter Heften über die angeblich triumphierende Restauration, unmittelbar nach der Geburt des Bonner Staates in die Welt gesetzt, die bessere, die linke Hälfte der deutschen Publizistik. Doch Allemann konstatierte nüchtern, dass sich in diesem Deutschland etwas in der Tat "ganz und gar Un-Utopisches und Anti-Utopisches" vollzog: "nicht die Geburt des Neuen aus der Katastrophe, sondern das spontane Drängen zurück in die ,Normalität' ". - "Ein Volk, das hungert, strebt zu allererst einmal danach, satt zu werden, nicht die Welt umzugestalten", rief er Koeppen und damit auch Dirks und seinen Claqueuren zu; "eines das friert, entwickelt mehr Interesse an Kohlen als an neuen Gemeinschaftsformen; eines, das kein Dach über dem Kopf hat, wendet seine Energien dem Bau von Häusern und nicht dem sozialer Systeme zu": die Wurzel des ökonomischen Liberalismus, aus dem die soziale wie die politische "Restauration" zwangsläufig erwachsen sei.
Im übrigen bescheinigt er Koeppen - der seit der Aufdeckung seines Plagiats einer jüdischen Überlebensgeschichte selbst von Marcel Reich-Ranicki wohl ein wenig skeptischer bewertet wird -, dass er nach einem Aufenthalt von zwei Tagen in Bonn kaum in der Lage gewesen sei, einen veritablen Schlüsselroman, noch eine halbwegs solide Reportage zu schreiben. Wenn man boshaft genug wäre, das Buch nach seinen literarischen Meriten zu beurteilen, dann müsse festgestellt werden, dass "erzählerische Impotenz mit den Manierismen der epischen Erneuerer von vorgestern kaschiert würde - ein vierter Aufguss von James Joyce und der dritte von Berlin Alexander Platz".
Allemann wusste, wovon er sprach - von einem Journalismus geprägt, der die Spezialisierung unserer Tage nicht kannte. Vielmehr war er literarisch hochbeschlagen, ein Kenner vor allem der großen Autoren von Weimar, denen er in seinen Berliner Studienzeiten begegnete: für eine knappe Frist Mitglied der KPO - des anti-stalinistischen Oppositionszirkels, Willy Brandts Sozialistischer Arbeiter-Partei (SAP) eng benachbart.
Aus jenen Tagen datierte seine Freundschaft mit Richard Löwenthal, damals noch orthodoxer Marxist, der sich von der KP nach den mörderischen Säuberungen Stalins trennte. In London trafen sie sich während des Krieges wieder, unermüdlich die deutsche, die europäische Zukunft bedenkend. Nach 1949 setzten die beiden ihr Gespräch in Bonn fort: Fritz René Allemann unterdessen Korrespondent der Tat, die damals die glänzendsten Federn der Schweiz an sich zog (wie Herbert Lüthy, Francois Bondy, Max Rychner oder Robert Jungk), Löwenthal Vertreter des Observer (und ein kritischer Vordenker der SPD), bis er von Sebastian Haffner abgelöst wurde.
Es versteht sich, dass Allemann und Löwenthal von Beginn an zur Kernmannschaft von Melvin Laskys Monat gehörten.
Der Verfasser dieses Erinnerungstextes hatte das Glück, in seinen frühen Bonner Tagen von beiden als Freund in ihren Kreis gezogen zu werden, trotz des Abstands der Jahre. Fritz René Allemann war längst, als er ihn nur von der Lektüre kannte, zu seinem bewunderten Lehrer geworden: durch die Exaktheit seiner Recherche, seine Bildung, seine Weltkenntnis, seinen Respekt vor der Sprache, dem Reichtum seines Stils, durch die kritische Sympathie, die stets sein Urteil bestimmte.
Wie jeder Journalist, der den Namen verdient, betrachtete er sich als einen Erben der Aufklärung, und er duldete nicht, dass Ideologien den Blick auf die Wahrheit der Realitäten verstellten. Niemals überließ er sich dem Ressentiment, zumal nicht in seinem Urteil über die deutschen Dinge. "Meine Wahrheit", schrieb er, "ist die eines Ausländers deutscher Zunge, der sich nicht scheut, zuzugeben, dass er Deutschland mit den Augen eines freundlichen und gutwilligen Nachbarn betrachtet - eines Nachbarn, der sich zudem bemüht, seine allzu helvetische Selbstgerechtigkeit zu Hause zu lassen . . ."
Als er das Seine zu den deutschen Dingen gesagt hatte, überließ er sich wieder seiner alten Liebe zur iberischen und latein-amerikanischen Welt, die er bereiste, solange es die Kräfte erlaubten. Schließlich versank er, da sich in Deutschland und in der Schweiz kaum jemand mehr an ihn zu erinnern schien, in ein Schweigen ohne Bitterkeit, hörte Musik, neben der Sprache die zweite Leidenschaft seines Lebens, und er las. Geschichte. Gedichte. Friedrich Sieburg hat es gesagt, aber das Wort könnte von Allemann stammen: Wer in seiner Jugend Gedichte schreibt, hat die bessere Chance, ein guter Journalist zu werden.
In seinen jungen Jahren war Allemann ein leidenschaftlicher Poet.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
(SZ v. 27.10.2003)
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