Fritz J.Raddatz gratuliert Kaiser Kopf schräg gelegt, das Rückgrat gerade

Zum 75. Geburtstag von Joachim Kaiser / Von Fritz J.Raddatz

Die Anekdote (aus dem "Schwejk") ist bekannt: der Leutnant will bei einem Schäferstündchen sich verlustieren, er schickt seinen Burschen in den Zoo; nach gebührender Zeit kommt der Domestik zurück, die dummen Augen aufgerissen, und berichtet: "Herr Leutnant, solche Tiere gibt es nicht."

So aufgerissen sind unsere dummen Augen und wir murmeln, "ein solches Wesen gibt es nicht", haben wir es mit Joachim Kaiser zu tun: dem Fürsten der musikalischen Interpretation, der die Töne, denen er nachlauschte, in seiner Sprache nachhallen lässt; dem Herzog der Theaterkritiker, dessen früher Essay über Brechts "Maßnahme" - eines von unendlich vielen Beispielen - sich auszeichnete durch gehärtete Präzision, deren das Stück - kalt und moralisch ungenau - entbehrt; dem wahren Kaiser der Literaturanalyse von Beckett bis zum jüngsten, wahrlich genialischen Aufsatz über Adorno in dieser Zeitung: das kann niemand außer ihm, so sorgfältig, so sittigend.

Nun ist ja zum neu angesagten Feuilletonspiel eine Art Olympiade ausgerufen: wer ist der Größte. Ich möchte mich an dieser sportlichen Übung nicht beteiligen, wenngleich ich weiß, es gibt auch andere Kritiker, darunter solche, die in Erinnerung bleiben werden, weil sie mit munterer Bravour das Telefonbuch rezensieren. Man kann, was man kann. So reklamesüchtig - äffische Trapezkunst ist Joachim Kaiser nicht gegeben. Er darf derlei Frevel hochmütig ignorieren: weil er schlicht besser ist - besser als ein jeglicher von uns.

Ich sage das neidlos (nein, stimmt nicht: neidvoll); aber dass wir, über Jahrzehnte hinweg, Freunde bleiben konnten, obwohl wir doch - wie der Klassiker sagte, Kurt Tucholsky nämlich beim Glückwunsch für Walter Mehring - in derselben Innung nähen, das ist schon ein selten Ding. Das muss Ursachen haben. Mag sein, es ist das schöne Selbstbewusstsein "Ich kann es einfach besser". Wiewohl ich in der Witzrunde - noch einmal frei nach Tucholskys "Nichts verächtlicher, als wenn Literaten Literaten Literaten nennen" -, wiewohl also ich in der Wisperecke, in der Eitle Eitle eitel nennen, recht gerne fehle. Nein, einmal beiseite gelassen, dass es auch dumme Eitelkeit gibt - "Worauf herauf?" nennt man das in Berlin -: die Ursache, warum der Freunde behütende Kaiser so behutsam mit Kunst umgehen kann, liegt tiefer: das ist sein humanum.

Kaiser kennt keinen Hass. Vielleicht Verachtung - über Pfusch und Angeberei. Er kann durchaus verzweifelt sein über zu schnelle Läufe am Chopin-Piano, zu ordinär aufgedonnertes Theater, zu schludrige Metaphern. Erbost und voller Abscheu - übrigens auch im Kulinarischen: "Na ja, die Krebse waren ja recht klein", murrte er nach einem pseudoeleganten Diner - habe ich ihn oft erlebt. Herablassend nie. Wenn da einer Kultur als tiefe Prägung erfahren hat, als die wundersam-große Möglichkeit, Persönlichkeit zu werden - was auch bedeutet, seine ganz eigene Freiheit zu erlangen -, dann er. Wie wohl kaum einer von uns hat er seinen Adorno begriffen, hat dessen Dictum "Das Vulgäre ist die Identifikation mit der eigenen Erniedrigung" so sehr ausgefaltet zum eigenen Lebensgesetz; so konnte ihm das Mesquine fremd bleiben. Der Robespierre ist seine Rolle nicht.

So weiß er auch nicht nur, wer einst die "Mutter Courage" am intelligentesten gab oder wo Thomas Mann, der große Textausbeuter, falsch abgeschrieben hat - er kennt auch das Wort "Hummer". Leben als Arno-Schmidt-Lexikon ist nicht sei Sach', er kennt auch Lust.

Als ich, wider die Natur meinerseits älter werdend, zu einem runden Geburtstag einige Gäste versammelte - Günter Grass, Paul Wunderlich, Antje Landshoff darunter -, wurde der wohlplatzierte Joachim Kaiser im Laufe eines langen Abends im violett-rötlichen Samtschimmer des Bordeaux zu einem spielerisch Bildungsbrocken speienden Vulkan - von Homer bis Jakob van Hoddis -, behaglich verliebt in seine zirzensische Fähigkeit, dass der so stille wie kaltnadelgenaue Wunderlich schließlich sagte: "Herr Kaiser, Sie schmeißen den Abend mit Grandezza, Applaus - doch ich hatte eigentlich gedacht, der Fritz habe heute Geburtstag." Kaiser hatte sich verschenkt. Das ist seine kostbarste Gabe - an sich, und an den, den er mag.

Denn natürlich gehen solche Abende - bei Jahrgangs-Champagner und erlesenen Speisen - nicht ohne unser aller, und Kaisers vehementester, Klage ab über unsere Armut, die zu niedrigen Auflagen unserer Bücher ("Aber zwölf Übersetzungen") und die mickrigen Honorare, die die schnöde Welt wagt, uns anzubieten. Doch auch dafür hat Joachim Kaiser die bildungssatte Erklärung, wenn er seufzt: "Wir wissen ja nun alle, dass die Phönizier das Geld erfunden haben - aber warum so wenig davon?"

Indes er uns, die Jahre hindurch, den Tisch reich gedeckt hat. Ich gestehe, süchtig zu sein: wenn im Autoradio "Kaisers Corner" beginnt, seine so faszinierenden wie empfindsamen Musikanalysen, geist- wie kenntnisreich, lenke ich flugs den Wagen auf einen Parkplatz, um mich betören und belehren zu lassen. Nur Peter Wapnewski kann ihm da das Wasser reichen.

So möchte ich diesen kleinen Geburtstagsstrauß nicht verdorren lassen; da er mit einer Anekdote begann, möge er auch mit einer Anekdote enden: Adorno soll dem Frühbegabten in einem Seminarreferat mit einem "Ich verstehe Sie nicht, Herr Kaiser" unterbrochen haben, worauf der ob seiner Bescheidenheit Berühmte - zu gerne wüsste ich, ob er schon damals so texthingegeben den Kopf schief legte - geantwortet habe: "Das will ich gerne glauben."

Später Einspruch, Euer Ehren. Wir haben durchaus verstanden. Am meisten aber durch ihn, durch Joachim Kaiser, begriffen.